6. Sonntag der Osterzeit | 9. Mai 2021
Meditation

Ich lebe im Müll

Wir Pilze haben den Menschen früherer Tage viel Kopfzerbrechen bereitet. Zwar wusste man schon im alten Rom über verschiedene Speise- und Giftpilze Bescheid, aber mit der Zuordnung im Reich der Natur hatte die Wissenschaft ihre Probleme. Zwar war schon bald klar, dass wir Pilze keine Pflanzen im herkömmlichen Sinn sind, aber das Rätsel löste erst der Italiener Micheti, der 1710 die Pilzsporen entdeckte. Vorher hatte man uns Pilze gerne als Teufelsgeschöpfe bezeichnet, da wir weder Früchte noch Samen erzeugen und vor allem, weil wir ohne Vorankündigung von einem Tag auf den anderen auftauchen. Wir Pilze müssen im Gegensatz zu den höheren Pflanzenarten ohne Chlorophyll (Blattgrün) auskommen. Wir leben von abgestorbenen Pflanzenresten, aus denen wir neue organische Verbindungen herstellen, die anderen Organismen wiederum als Lebensgrundlage dienen. Unsere Vermehrung erfolgt durch Sporen, die der Wind verbreitet.

Teufelsgeschöpfe sind wir also nicht, im Gegenteil: Pilze sind in der Entwicklungsgeschichte der Natur schon sehr früh (etwa vor 350 Millionen Jahren) bekannt und haben mit rund 100.000 Arten eine größere Vielfalt als die Blütenpflanzen erreicht. Natürlich bildet nur ein kleiner Teil davon jene Fruchtkörper, die von Schwammerlfreunden begehrt sind, von Unsicheren aber lieber stehengelassen werden sollten.

Spätestens seit dem verheerenden Atomunfall von Tschernobyl wissen die Menschen, wie sensibel wir Pilze sind. Wir sind Barometer der Umweltbelastung, denn in unserem Gewebe lagern sich Cäsium und Schwermetalle, vor allem Blei, Quecksilber und Cadmium, ab. Nun sind wir im Zusammenhang mit Umweltgefahren in Verruf geraten. Dabei sind gerade wir es, die den Menschen vorbildlichen und naturnahen Umgang zeigen. Wir sind Recyclingprofis, die von ausgedienten Altstoffen leben. Was wir zersetzen, dient als Dünger weiter oder wird zum Boden neuen Lebens. An unserem Beispiel wird deutlich, was jeder Mensch berücksichtigen sollte: Auch das wertlos Scheinende darf nicht unterbewertet werden. Es kann ja noch etwas daraus werden!

Viele Menschen fühlen sich wie der „letzte Dreck“. Warum kommt eigentlich niemand, der – wie wir Pilze – seine Sporen auf einen dieser Menschen streut und beginnt, ihm zu neuer Bedeutung zu verhelfen?

AUS: FENSTER INS LEBEN. Martin Kranzl- Greinecker, Matthäus Fellinger,
Claudia Mitscha-Eibl, Alois Stockhammer. Kirchenzeitung der Diözese Linz.

Autor:

SONNTAGSBLATT Redaktion aus Steiermark | SONNTAGSBLATT

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