Interview mit Superintendent Michael Simmer
„Reformationstag – ein Tag mit bleibender Relevanz“

Mag. Michael Simmer, geb. am 14. Juni 1982, wuchs in Gumpoldskirchen auf. Er studierte evangelische Theologie, absolvierte sein Vikariat in der Pfarrgemeinde Amstetten-Waidhofen an der Ybbs. Am 1. September 2024 trat er das Amt als Superintendent der evangelischen Diözese Niederösterreich an. Simmer ist mit der katholischen Theologin und Psychotherapeutin MMag. Dr. Gudrun Simmer, Leiterin des Mobilen Hospizdienstes der Caritas St. Pölten, verheiratet. Das Paar hat drei Kinder und lebt in St. Pölten.
Auf dem Foto: Michael Simmer im Interview mit Kirche bunt-Chefredakteurin Sonja Planitzer.     | Foto: Kirche bunt
  • Mag. Michael Simmer, geb. am 14. Juni 1982, wuchs in Gumpoldskirchen auf. Er studierte evangelische Theologie, absolvierte sein Vikariat in der Pfarrgemeinde Amstetten-Waidhofen an der Ybbs. Am 1. September 2024 trat er das Amt als Superintendent der evangelischen Diözese Niederösterreich an. Simmer ist mit der katholischen Theologin und Psychotherapeutin MMag. Dr. Gudrun Simmer, Leiterin des Mobilen Hospizdienstes der Caritas St. Pölten, verheiratet. Das Paar hat drei Kinder und lebt in St. Pölten.
    Auf dem Foto: Michael Simmer im Interview mit Kirche bunt-Chefredakteurin Sonja Planitzer.
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Seit 1. September 2024 ist Mag. Michael Simmer Superintendent in
Niederösterreich. Wir sprachen mit ihm über die Bedeutung des
Reformationstags heute, seine Aufgaben und die Herausforderungen,
mit denen die evangelische Kirche konfrontiert ist.

Am 31. Oktober begeht die evangelische Kirche den Reformationstag im Gedenken an die Thesenanschläge von Martin Luther am 31. Oktober 1517. Welche Relevanz hat dieser Tag für Ihre Kirche heute?

Mag. Michael Simmer: Der Reformationstag hat für uns eine doppelte Bedeutung. Einerseits ist er ein Gedenk- und Erinnerungstag, an dem wir uns unserer Wurzeln bewusst werden – ein entscheidender Tag unserer Geschichte. Die Reformation selbst ist natürlich mehr als nur der 31. Oktober, aber dieser Tag markiert ihren Ausgangspunkt. Durch die Zeit der Reformation wurden Themen angerissen, die bis heute Geltung haben: Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, Bildung, Haltung zu zeigen – die Martin Luther zeigte, als er die 95 Thesen eben nicht widerrufen hat und seinen berühmten Satz sagte: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Diese Fragen sind nach wie vor aktuell: Wofür stehe ich ein? Was ist mir wichtig? Und was bedeutet Freiheit? Aus evangelischer Sicht ist Freiheit immer mit Verantwortung verbunden – mit sozialer Verantwortung, mit Verantwortung für mich und für andere. Insofern geht es am Reformationstag sowohl um Besinnung auf den Kern des Evangelischseins als auch um Erinnerung.

Haben Sie das Gefühl, dass die Menschen heute noch wissen, was am Reformationstag gefeiert wird?

Simmer: Der Reformationstag steht heute in Konkurrenz – zu Halloween, dem Weltspartag oder auch zu den Herbstferien. Früher war das für evangelische Schülerinnen und Schüler ein schulfreier Tag, an dem es in den Pfarrgemeinden Kinder- oder Jugendprogramme gab. Heute fällt das oft weg, weil viele Familien in den Ferien sind. Dadurch wird weniger darüber gesprochen, was dieser Tag eigentlich bedeutet. Für Evangelische ist der Reformationstag identitätsstiftend, aber in der Mehrheitsbevölkerung ist das Wissen darüber wohl eher gering.

Ein anderer Feiertag – nämlich der Karfreitag – war für die Evangelischen ein staatlicher Feiertag und wurde 2019 abgeschafft. Will man um diesen Feiertag kämpfen?

Simmer: Unsere neue Bischöfin Cornelia Richter, die am 8. November ins Amt eingeführt wird, hat das ganz klar auf ihre Agenda gesetzt. Aber eines ist für uns auch klar: Wenn der Karfreitag wieder ein Feiertag werden soll, dann kann das natürlich nur ein Feiertag für alle sein – da braucht es eine gemeinsame Initiative mit der katholischen Kirche. Das Thema ist also nicht erledigt, und ich hoffe, dass da wieder Bewegung hineinkommt.

Wie ist die Zusammenarbeit mit der katholischen Kirche – insbesondere in St. Pölten?

Simmer: Grundsätzlich lebt Ökumene immer von persönlicher Begegnung und gegenseitiger Wertschätzung. Wo das gelingt, funktioniert Zusammenarbeit wunderbar – etwa beim ökumenischen Abendgebet in Großrust, das es seit 25 Jahren gibt. Das ist Ökumene im besten Sinn. Mit Diözesanbischof Alois Schwarz habe ich ein sehr gutes, persönliches Verhältnis. Wir stehen in regem Austausch und nehmen an vielen Veranstaltungen gemeinsam teil. Vielleicht verbindet uns unser gemeinsamer Geburtstag am 14. Juni auch ein wenig. Auf diözesaner Ebene ist das gute Miteinander in St. Pölten schon seit vielen Jahren gut gelebte Praxis. Ich halte das für enorm wichtig: Die christlichen Kirchen haben es alle nicht leicht. Aber bei den Grundfragen – Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, das christliche Menschenbild – sind wir uns einig. Da sollten wir zusammenhalten.

Die evangelische Kirche in Niederösterreich hat 28 Pfarren und rund 33.000 Mitglieder. Wie fast alle Kirchen verliert sie Mitglieder. Wo sehen Sie die Gründe dafür?

Simmer: Ein wesentlicher Grund ist der allgemeine Relevanzverlust. Unsere Botschaft ist nach wie vor wichtig, aber sie erreicht die Menschen oft nicht mehr. Gleichzeitig leben wir in einer Zeit großer Vielfalt: Menschen können heute aus vielen Lebensentwürfen wählen – das ist positiv, macht es aber schwerer, religiöse Werte zu vermitteln. Was mir Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass wir in manchen Gebieten die kritische Grenze erreichen. Es gibt Pfarrgemeinden, die sind so klein und gleichzeitig ist das Gemeindegebiet so groß – da stellt sich die Frage: Wo kann hier noch Gemeinschaft und Begegnung stattfinden? Im ganzen Waldviertel – zur Zeit der Reformation zu 90 Prozent evangelisch – gibt es nur noch zwei Pfarrgemeinden mit jeweils 500 Mitgliedern – die erstrecken sich über mehrere Bezirke. Da sprechen wir nicht mehr von allgemeiner Relevanz, sondern da geht es darum, wie wir Einzelpersonen erreichen. Denn in manchen Ortschaften gibt es genau nur mehr eine Person, die evangelisch ist. Manchmal gibt es auch familiär bedingt mehr Bezug zur katholischen Kirche vor Ort als zur evangelischen Kirche – das ist etwas, was spezifisch für manche Teile Niederösterreichs zutrifft.

Und welche Antworten gibt es darauf?

Simmer: Religion lebt u. a. davon, dass Eltern ihren Glauben an ihre Kinder weitergeben. Dieser Traditionsabbruch ist eine große Herausforderung. Deshalb versuchen wir, verstärkt mit Familien zu arbeiten – von der Religionspädagogik bis zum Konfirmandenunterricht. Besonders junge Erwachsene zwischen 20 und 40 Jahren verlassen häufig die Kirche.
Wir müssen aber auch an unserer Kommunikation arbeiten – an Sprache und Ausdruck. Wer mit kirchlicher Symbolik nicht aufgewachsen ist, für den sind Rituale oder Symbole eben fremd. Da müssen wir zeitgemäßer und zielgruppenorientierter werden.

Gibt es schon konkrete Ansätze?

Simmer: Vieles entsteht in den Pfarrgemeinden selbst – das kann man nicht zentral verordnen. Kinder- und Jugendarbeit rückt vielerorts stärker in den Fokus. Wir müssen uns der Situation mit Ernsthaftigkeit stellen, denn bei nur rund 240.000 evangelischen Mitgliedern österreichweit erreichen wir tatsächlich eine kritische Grenze.

Wie wird die evangelische Kirche in zehn Jahren aussehen?

Simmer: Derzeit ähneln sich alle Pfarrgemeinden: Da gibt es eine Kirche, eine Pfarrperson, einen Kirchturm und verschiedene Angebote. Künftig wird das viel differenzierter sein – je nach Region. In städtischen Gebieten wird sich kurzfristig wahrscheinlich wenig ändern – in manchen Gegenden wird das evangelische Leben noch weniger werden, das muss man realistisch sagen. Es steht auch ein Generationenwechsel der Pfarrpersonen an und ich denke schon, dass mit der neuen Generation von Pfarrerinnen und Pfarrern auch neue Ideen und eine neue Energie kommt.

Kürzlich wurde die Versöhnungskirche in Heidenreichstein verkauft. Warum?

Simmer: Der Verkauf hatte sowohl wirtschaftliche als auch demografische Gründe. Die Erhaltung solcher Gebäude kostet viel Geld und bindet enorme Kräfte – finanziell wie personell. Oft investieren Menschen viel Energie in Mauern statt in die Arbeit mit Menschen. Deshalb halte ich die Entscheidung für richtig.

Die evangelische Kirche erlaubt Frauenordination und verheiratete Pfarrpersonen – und verliert trotzdem Mitglieder. Warum?

Simmer: Die Gleichberechtigung der Frauen ist für uns selbstverständlich und darauf sind wir stolz. Aber das allein hält Menschen nicht in der Kirche. Wenn der Glaube für jemanden keine Bedeutung mehr hat, spielt es keine Rolle, ob eine Frau oder ein Mann predigt. Gleichberechtigung hilft uns nicht gegen den Mitgliederschwund, aber ist ein wichtiges Zeichen unserer Werte.

Sie sind seit einem Jahr Superintendent. Wie geht es Ihnen in dieser Aufgabe?

Simmer: Ich weiß jetzt vieles, was ich vorher nicht wusste – aber ich hätte das Amt trotzdem angenommen. Es war ein spannendes Jahr. Jetzt kenne ich den Jahresrhythmus, habe meine Anfängerfehler gemacht und fühle mich angekommen.
Was mich beschäftigt, ist die Balance zwischen Verwalten und Gestalten. Das Superintendentenamt ist einerseits geistlich, andererseits administrativ. Im ersten Jahr blieb wenig Zeit fürs Gestalten – das möchte ich nun ändern.

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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