Neue Serie
Neu: Bücherschätze unserer Stifte
- Stiftsbibliothekar Johannes Deibl mit seinem Lieblingsbuch "Speculum sapientiae".
- Foto: Patricia Harant-Schagerl
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Die acht großen Stifte unserer Diözese besitzen jeweils auch einen – über Jahrhunderte angesammelten – Bücherschatz. Wertvolle mittelalterliche Handschriften, Wiegendrucke und moderne Bücher stehen in prachtvollen Bücherschränken ebenso wie in abgelegenen Regalen.
Wir von „Kirche bunt“ haben jene Personen, die für die jeweilige Bibliothek zuständig sind, gebeten, ein Buch oder eine Handschrift auszuwählen, die ihnen besonders am Herzen liegen, und uns dieses Objekt vorzustellen. Den Reigen eröffnet Dr. Johannes Deibl, Bibliothekar des Stiftes Melk, mit seinem Lieblingsbuch "Speculum sapientiae".
Zuerst geht es durch ein großes Tor hindurch und einen langen Gang entlang – dann bleibt Johannes Deibl vor einer kleinen, unscheinbaren Tür stehen. Das einzig Besondere daran ist, dass er sie nur mit seinem Chip öffnen kann. Hinter der Tür geht es labyrinthartig weiter. Endlich stehen wir in einem kleinen, alarmgesicherten, mit Bücherregalen ausgekleideten Raum.
„Das ist der – sehr wertvolle – Kern der Stiftsbibliothek“, erklärt Johannes Deibl, „hier lagern alle 1.800 mittelalterlichen Handschriften.“ Das älteste Stück ist eine naturkundliche Handschrift aus dem frühen 9. Jahrhundert, eine Abschrift verschiedener Schriften des Beda Venerabilis († 735). Als Lieblingsbuch hat Johannes Deibl, der seit 11 Jahren hier arbeitet, jedoch ein anderes auswählt: den Codex 551 aus dem 15. Jahrhundert mit dem Titel „Speculum sapientiae“ (auch als „Buch der natürlichen Weisheit“ bekannt). Ulrich von Pottenstein († ca. 1417), Pfarrer in Mödling und später Dechant in Enns, übersetzt darin die so genannten Cyrillus-Fabeln vom Lateinischen ins Deutsche. Es handelt sich um kurze Erzählungen, in denen Tiere – und auch Gegenstände – über moralische Fragen diskutieren, vor allem die Kardinaltugenden Tapferkeit, Weisheit, Maßhalten und Gerechtigkeit. Besonders ansprechend sind die schönen Illustrationen, die die 82 Fabeln jeweils einleiten und wegen derer die Handschrift nur zu besonderen Anlässen die Handschriftenkammer verlassen darf.
Warum ihm diese Handschrift so besonders am Herzen liegt, begründet der Altgermanist damit, dass ihn die Übergangszeit vom Mittelalter in die Frühe Neuzeit fasziniere. Außerdem repräsentiere sie das produktivste Jahrhundert in der Melker Handschriftenproduktion und Sammeltätigkeit. Die Häufigkeit der deutschsprachiger Handschriften seien Ausdruck dessen, dass theologische Themen nun auch für nicht-lateinkundige Personen – Konversen oder Laienbrüder – vermittelt werden sollten. Im Falle des „Speculum sapientiae“ gelang das mittels der Fabeln auf niederschwellige Weise: „eine geschickte Form der Demokratisierung zentraler Inhalte“, so Johannes Deibl.
Ein Beispiel: In einer Fabel dringt ein abgemagerter Fuchs durch ein Loch in den Vorratskeller eines edlen Hauses. Dort erzählt er einem Wiesel, dass er vorhabe sich an den Speisen satt zu essen. Das schlaue Wiesel warnt ihn davor, dann nicht mehr durch das Loch zu passen. Der Fuchs nimmt die Warnung ernst und er übt sich im Maßhalten. Die Deckfarbenminiatur zeigt Fuchs und Wiesel in der Vorratskammer, Fleisch und Fässer (siehe Foto) – und sie wird das Booklet jenes künftigen Weinbrandproduktes des Stiftes Melk zieren, das bald im Stifts-Shop zugunsten der Bibliothek-Restaurierung erworben werden kann.
Seine Aufgaben sieht der gebürtige Melker nicht nur in der Bewahrung der ihm anvertrauten Bücher, sondern auch darin, „den Wissensspeicher vielfältig zu demokratisieren“ und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Einzigartige Objekte werden laufend digitalisiert (online einsehbar unter www.manuscripta.at), neue Bücher zugekauft, der Bestand wird wissenschaftlich erforscht und für externe Forschende geöffnet. Bisherige Bände der hauseigenen Reihe „Thesaurus Mellicensis“ widmen sich der Astronomie, der Kulinarik, dem Gelehrtenwesen und der Klosterreform.
„Zusätzlich verbindet mich persönlich vieles mit dem Ort, an dem ich maturiert habe“, erzählt Johannes Deibl, „und dessen Lebendigkeit und Offenheit mich seit der Kindheit begleiten.“
Autor:Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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