Interview mit Dr. Michael Teut
Das enorme Potenzial des Rosenkranz-Gebets
- Dr. Michael Teut: Der Rosenkranz ist im Kern eine -Friedensbotschaft – weil er auf das
Leben Jesu verweist, dessen Botschaft Barmherzigkeit,
Liebe und Versöhnung ist. - Foto: Godong Photo – stock.adobe.com
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Interview mit dem Berliner Arzt und Studienautor Dr. Michael Teut über gesundheitliche und spirituelle Wirkungen des Mariengebetes.
Das Rosenkranzgebet hat viel mit Vertrauen, innerem Frieden und Resilienz zu tun – auf welche Weise, belegt seit kurzem auch eine wissenschaftliche Forschung: Eine Studiengruppe um Privatdozent Dr. Michael Teut von der Berliner Charité hat in zwei Studien die Auswirkungen des Mariengebetes auf das körperliche Wohlbefinden untersucht. Im Interview mit der Nachrichtenagentur Kathpress erläutert der Allgemeinmediziner und Wissenschaftler seine Erkenntnisse.
Herr Dr. Teut, was hat Sie persönlich dazu bewegt, die Wirkung des Rosenkranz-Gebets wissenschaftlich zu untersuchen?
Teut: Ich komme aus der klinischen Forschung, arbeite als Hausarzt und habe lange im Bereich Naturheilkunde an der Berliner Charité geforscht. Dabei fiel mir auf, dass es viele Studien zu gesundheitlichen Effekten von Yoga oder buddhistischer Meditation gibt, aber kaum Forschung zu speziellen christlichen Gebetspraktiken, und noch weniger zum Rosenkranz. Das fand ich überraschend, gerade weil mir in der Praxis immer wieder Patienten begegneten, die vom Rosenkranzgebet berichteten, besonders in schwierigen Lebenssituationen. Sie sagten: „Das hat mir geholfen.“
Wie sind Sie methodisch vorgegangen?
Teut: Zunächst führten wir eine qualitative Interviewstudie durch mit zehn Personen, die regelmäßig den Rosenkranz beten. Die Gespräche dauerten zwischen einer und drei Stunden. Aus diesen Erkenntnissen haben wir dann zentrale Themen und Hypothesen abgeleitet. In einer zweiten, größeren Querschnittsstudie haben wir dann einen Fragebogen entwickelt, basierend auf den Erkenntnissen der ersten Runde. Über verschiedene Kanäle – kirchliche Verteiler, Online-Foren–kontaktierten wir dann Rosenkranzbetende, es nahmen 164 Menschen teil. Das war keine Interventionsstudie, sondern wir haben Menschen über ihre Erfahrungen und die Gebetspraxis befragt. Die meisten waren mittleren Alters oder älter und kirchlich eingebunden.
Welche Wirkung hat das Rosenkranzgebet auf das Wohlbefinden?
Teut: Sehr viele der Befragten beschrieben das Gebet als beruhigend, entspannend, friedensstiftend und stabilisierend. Es wurde ähnlich dem Eintreten in einen „heiligen Raum“ erlebt und als eine Form, sich mit Gott zu verbinden. Das haptische Spüren der Perlen und auch das rhythmische Gebet sind wie eine Brücke, um in eine kontemplative Haltung zu finden. Die äußere Struktur führt in einen inneren sakralen Raum. Vertrauen, Trost und Hoffnung waren dabei besonders häufig genannte Begriffe. Für viele ist das Rosenkranzgebet eine Kraftquelle in Krankheit oder Lebenskrisen.
Inwiefern unterscheiden sich dabei solche, die regelmäßig den Rosenkranz beten, von denen, die es nur gelegentlich tun?
Teut: In den qualitativen Interviews wurde berichtet, dass Menschen, die über viele Jahre den Rosenkranz beten, tiefgreifende persönliche Erfahrungen machen und auch schwere Krankheiten wie Krebs oder Burnout besser überstehen. Sie sagten, das Gebet habe ihnen geholfen, ihr Schicksal anzunehmen, innerlich ruhiger zu werden, auf Gott zu vertrauen und zu akzeptieren. Diese Berichte unterstützen die Hypothese, dass das Rosenkranzgebet eine langfristige stabilisierende Wirkung haben kann, etwa auf Resilienz. Um das auch wissenschaftlich zu belegen, müssten wir aber weiterforschen und eine gezielte Längsschnittstudie mit Vergleichsgruppen starten, was jedoch aufwendig ist.
Könnten auch religiös distanzierte Menschen vom Rosenkranz profitieren?
Teut: Das lässt sich aus unseren Daten nicht genau sagen, denn wir haben nur mit Menschen gesprochen, die bereits regelmäßig beten. Ich denke: Der Rosenkranz „funktioniert“ vor allem für Menschen, die mit dieser Gebetsform kulturell sozialisiert sind oder einen inneren Zugang zur christlich religiösen Symbolwelt und Kultur haben. Ohne diesen Kontext ist es vermutlich schwierig, einen echten Effekt zu erzielen.
Warum beginnen Menschen überhaupt, den Rosenkranz zu beten – und warum machen sie weiter?
Teut: Es gibt zwei Hauptzugänge: Viele lernen den Rosenkranz in der Kindheit über Eltern oder Großeltern kennen. Andere entdecken ihn bei Wallfahrten. Diese spirituellen Gemeinschaftserfahrungen – etwa beim Gebet schon im Reisebus oder an heiligen Orten – hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Manche setzen das Gebet nach so einer Initialzündung zu Hause fort. Einige kommen auch später im Leben durch Krisen oder Umbrüche wieder damit in Kontakt und entdecken ihn neu als Kraftquelle.
Was unterscheidet das Rosenkranzgebet von anderen spirituellen Techniken wie Achtsamkeit oder Meditation?
Teut: Alle kontemplativen Praktiken – ob Gebet, Meditation oder Achtsamkeit – können gesundheitlich stabilisierend wirken. Das Besondere am Rosenkranz ist aber die Dimension des Vertrauens in Gott und des Loslassens: Man überlässt die Führung Gott, gibt die Kontrolle ab und überlässt sich seiner Fürsorge. Während viele moderne Meditationsformen auf Selbstregulation und Präsenz im Moment fokussieren, geht es beim Rosenkranz um Hingabe, Barmherzigkeit und geistige Verbindung zum Leben Jesu. Gerade in Krisenzeiten erleben viele diese Haltung als entlastend, weil sie nicht selbst kämpfen und ihr Schicksal allein in die Hand nehmen müssen, sondern sich getragen wissen, egal wie es ausgeht.
Welche Rolle spielt Maria für die Betenden?
Teut: Aus unseren Interviews ging hervor, dass Maria eine zentrale Identifikationsfigur ist, besonders für Frauen. Sie wird als mütterliche Vermittlerin zu Gott erlebt, als Fürsprecherin und als tröstende Kraft. Ich würde es so beschreiben: In der Gebetshaltung verbinden sich Menschen mit spirituellen Ressourcen und Lebensbildern. Die Le-bensstationen Jesu – freudvoll, schmerzhaft, glorreich – ermöglichen Identifikation mit dem eigenen Leben und geben dabei Halt, Orientierung und Trost. Auch Maria steht für diese mütterliche Barmherzigkeit, so zumindest die psychologische Deutung.
Manche sehen den Rosenkranz als „Gebet für einfache Leute“. Was sagen Sie dazu?
Teut: Das konnten wir in unserer Studie nicht bestätigen. Viele Teilnehmende hatten einen hohen Bildungsstand – was aber auch mit unserer Rekrutierung über Medien und Online-Kanäle zu tun haben könnte. Insgesamt sehen wir aber: Es gibt eine neue Offenheit für spirituelle Praktiken, gerade in gebildeten, urbanen Milieus. Das gilt frei-lich nicht nur für das Christentum, sondern auch für andere Religionen, dass sich vor dem Hintergrund des Erlebens der großen Krisen unserer Zeit wie Kriegen, Klimawandel und sozialer Unsicherheit viele Menschen auf Sinnsuche begeben.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft, für Forschung, Kirche und Gesellschaft?
Teut: Ich wünsche mir, dass wir spirituelle Praktiken wie den Rosenkranz stärker in den Blick nehmen, in Forschung und Praxis. Zum Beispiel könnten wir Menschen über längere Zeit begleiten, die neu mit dem Rosenkranzgebet beginnen und dann den Verlauf vergleichen mit Menschen, die andere gesundheitsfördernde Aktivitäten machen, zum Beispiel Sport, Kunst oder auch die Achtsamkeit. Auch in der medizinischen Versorgung wie etwa in Kliniken, Hospizen oder der Pflege könnte das Rosenkranzgebet eine stärkere Rolle spielen, freilich unter der Voraussetzung, dass die Menschen bereits damit vertraut sind.
Wie reagiert man in Ihrer Kollegenschaft auf diese Ergebnisse?
Teut: Durchaus interessiert und überrascht! Es ist ein Thema, das ja sonst kaum erforscht wird. Viele Kolleginnen und Kollegen waren neugierig, einige sogar begeistert, Ablehnung gibt es kaum. In der Wissenschaft ist christliche Spiritualität noch ein „blinder Fleck“, aber in der Realität der Menschen – gerade im katholischen Milieu – spielt sie eine große Rolle. Das zu ignorieren, wäre ein Versäumnis.
Lässt sich Spiritualität medizinisch ernst nehmen?
Teut: Ja, unbedingt. Es gibt viele Studien, die zeigen: Spirituelle Überzeugungen können Menschen stabilisieren, vor allem in schweren Lebensphasen, auch aus Sicht der Gesundheitspsychologie. Aber: Wer betet, tut das meist nicht aus psychologischen Gründen, sondern weil er oder sie glaubt. Die spirituelle Dimension verdient Respekt, denn sie ist nicht nur ein therapeutisches Tool, sondern für Betende Ausdruck einer tieferen Wirklichkeit. Genau darin liegt die Kraft.
Papst Leo XIV. hat für Oktober zum täglichen Rosenkranz für den Frieden aufgerufen. Wie sehen Sie das als Arzt?
Teut: Ich halte das für einen sehr schönen und passenden Aufruf. Der Rosenkranz ist im Kern eine Friedensbotschaft – weil er auf das Leben Jesu verweist, dessen Botschaft Barmherzigkeit, Liebe und Versöhnung ist. In einer Welt voller Unsicherheit ist das Gebet eine Möglichkeit, sich neu zu besinnen – persönlich und auch in der Gemeinschaft.
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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