Welttag der Suizidprävention
„Trauern ist die Lösung, nicht das Problem“

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Zum Welttag der Suizidprävention, dem 10. September, laden die Kompetenzstelle Trauer und das Bildungshaus St. Hippolyt zu einer Gedenkfeier für „alle, denen das Leben zu schwer geworden ist“. Aus diesem Anlass sprachen Gerti Ziselsberger von der Kompetenzstelle Trauer, Barbara Kögl vom Mobilen Hospizdienst sowie Mag. Dr. Petra Schadenhofer, Leiterin der Telefonseelsorge NÖ, mit „Kirche bunt“ über die Trauer nach einem Suizid.

Jedes Jahr sterben mehr Menschen durch Suizid als in einem Verkehrsunfall. Wie nehmen Angehörige einen Selbstmord in der Familie auf?

Petra Schadenhofer: Aus meiner Erfahrung bei der Telefonseelsorge und als Psychotherapeutin gehört es zu den schmerzlichsten Erfahrungen, einen nahestehender Menschen durch Suizid zu verlieren. Am Anfang stehen dann oftmals Selbstvorwürfe und unzählige Fragen, wie die große Frage „Warum?“ oder „Hätte ich es verhindern können?“. Dazu kommt: Viele Hinterbliebenen stoßen an die Grenzen ihrer Belastbarkeit bzw. fehlen ihnen oftmals die Worte, um auf die Vielfalt von Gefühlen – wie Verzweiflung, Ohnmacht, Unverständnis, Schuld, Scham, Stigmatisierung und Trauer – eine Antwort zu finden.

Gerti Ziselsberger: Die ers­te Reaktion auf einen Suizid ist Schock, nicht wahrhaben wollen. Man fühlt vielleicht einmal gar nichts, ist starr, funktioniert nur noch. Man spürt den Boden unter den Füßen nicht mehr, es ist schwierig die Situation des plötzlichen Verlustes auszuhalten.

Ist die Trauer von Hinterbliebenenen nach Suizid anders als die von Menschen, die einen Angehörigen z. B. durch einen Unfall verloren haben?

Barbara Kögl: In Trauergruppen erlebe ich, dass Angehörige von Menschen, die sich selbst das Leben genommen haben, oft wenig Gemeinsamkeiten finden mit z. B. Menschen, deren hochbetage Mutter gestorben ist. Das ist ein Zeichen dafür, dass ein großer Unterschied besteht. Die Tabuisierung von Selbsttötung in unserer Gesellschaft spielt, denke ich, hier eine große Rolle. Wir bieten deshalb erstmals eine eigene Gruppe an für Trauernde nach Suizid.

Gerti Ziselsberger: Die Trauer ist zwar ähnlich, nach einem Suizid treten manche Reaktionen aber verstärkt auf: Verzweiflung, Wut, Schuldgefühle, Scham, ein Gefühl des Versagt-Habens. Suizidhinterbliebene trauern meist länger und im starken Ausmaß. Die Angst, es könnte sich noch jemand aus dem Umfeld das Leben nehmen, führt zu Verunsicherung. Es geht kein Weg an der Trauer vorbei, nur durch sie hindurch. Aber man muss ihn nicht alleine gehen. Die Trauerbegleitung macht es möglich, auch mit einem Außenstehenden, der selbst nicht betroffen ist, ein Stück des Weges zu gehen, zu erzählen und zu „klagen“.

Barbara Kögl: Ich finde das Zitat von Chris Paul sehr hilfreich: Trauern ist die Lösung, und nicht das Problem.

Was kann Angehörigen nach einem Suizid außerdem noch helfen?

Gerti Ziselsberger: Es kann helfen, wenn man weiß, dass der Angehörige krank war. Letztendlich ist es aber die Entscheidung dieses Menschen gewesen, die man respektieren muss. Das ist natürlich sehr schwierig. Eine betroffene Mutter hat das einmal so ausgedrückt: „Jeder Mensch ist seine eigene Welt.“ Was genau den Menschen bewegt hat, bleibt im Letzten immer ein Stück weit ein Geheimnis. Hier kann der Glaube oder ein Urvertrauen helfen: Ich werde nicht alles wissen, aber ich glaube, es gibt jemanden, der ihn gehalten und ihn nicht alleine gelassen hat.

Barbara Kögl: Ich finde es wichtig, die verstorbene Person nicht auf diese letzte Handlung zu reduzieren, denn es sind Menschen, mit denen vieles erlebt wurde. Auch diese Erinnerungen sollten Platz haben. Darauf lege ich persönlich Wert in einer Trauerbegleitung.

Gerti Ziselsberger: Die Frage nach dem Warum spielt natürlich eine wichtige Rolle in der Bewältigung des Ereignisses – auch wenn sie nur bruchstückhaft beantwortet werden kann. Ich finde es auch wichtig, der verstorbenen Person einen neuen Platz im eigenen Leben geben zu können.

Wie soll man damit umgehen, wenn jemand Selbstmordgedanken äußert?

Barbara Kögl: Manche Menschen haben Sorge, denjenigen durch Zuhören noch zu ermutigen – doch das Gegenteil ist der Fall. Das Zuhören hilft, vor allem wenn das Gegenüber nicht in Panik gerät, sondern einfach zuhört ohne zu werten, zu urteilen oder zu verurteilen.

Petra Schadenhofer: Wenn jemand ein akutes Suizidrisiko aufweist, ist es besonders wichtig und notwendig, die betreffende Person nicht allein zu lassen! Bei der Telefonseelsorge versuchen wir sie zu stabilisieren – und den Tunnelblick zu öffnen hin auf das, was im Leben noch gelingt.

Warum tun sich Familien schwer, über einen Suizid zu sprechen?

Barbara Kögl:
Aus Angst, den Trauerschmerz durch ein Gespräch zu verstärken, verschließt man sich. Im Rahmen von Trauerbegleitungen erlebe ich aber immer wieder, dass gemeinsames Betrauern die Hinterbliebenen erleichtert und verbindet.

Gerti Ziselsberger: Suizid wurde lange Zeit tabusiert – das wirkt sich aus. Manche sehen Selbsttötung auch als Eingriff gegen die Schöpfung.

Petra Schadenho­fer:
Wenn man in der Familie darüber sprechen kann, schafft man den Bogen zur Prävention. Dann kann man auch darüber reden, welche Möglichkeiten man hat, wenn es einmal im Leben ganz schwierig wird. Und dass es viele Hilfsangebote gibt!

Zu den Personen

Barbara Kögl, DGKP, Sterbe- und Trauerbegleiterin und Palliativfachkraft. Sie koordiniert den Mobilen Hospizdienst der Caritas in der Region St. Pölten-Land.

Gerti Ziselsberger, Sterbe- und Trauerbegleiterin, leitet die Kompetenzstelle Trauer, eine gemeinsame Einrichtung der Caritas und der Pastoralen Dienste der Diözese St. Pölten.

Petra Schadenhofer, Psychotherapeutin, Gesundheitswissenschafterin, seit Juni Leiterin der Telefonseelsorge NÖ
(Tel. 142).

Hilfe in Trauer

Gedenkfeier. Feier im Gedenken an Menschen, die durch Suizid verstorben sind. Mit Erinnerungsritual, Gedanken, Musik, Segenswunsch, Agape und Möglichkeit zum Gespräch. Corona-Hygienemaßnahmen werden durchgeführt. Im Bildungshaus St. Hip­polyt (Eybnerstraße 5, St. Pölten) am 10. September um 18.30 Uhr. Anmeldung: Tel. 0676/83 844 7373.

Gruppe für Trauer nach Suizid. Der Mobile Hospizdienst der Caritas organisiert erstmals eine Gruppe für Trauernde nach dem Suizid eines nahestehenden Menschen. Sie kommt im Caritas Beratungszentrum in St. Pölten (Schulgasse 10) zusammen und startet am 6. Oktober. Kontakt: Barbara Kögl, Tel. 0676/83 844 632.

Einzelbegleitung. Ehrenamtliche Trauerbegleiter/innen gehen ein Stück des Weges mit durch die Trauer (kos­tenlos). Auskunft: Christine Umgeher, Tel. 0676/83 844 635.

Telefonseelsorge: Notruf Tel. 142, www.telefonseelsorge.at. Rund um die Uhr kostenlos und vertraulich.

Barbara Kögl, Gerti Ziselsberger und Petra Schadenhofer (v.l.).
Autor:

Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt

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