"Wie's Leben früher war" von Inge Friedl
Vom Fleiß der Frauen und harter Arbeit
- Die Bäuerin strickt im Stehen, es ist Feierabend.
- Foto: Friedl / Pongratz
- hochgeladen von Patricia Harant-Schagerl
Betrachten wir das Foto. Wir sehen ein älteres Ehepaar, Bauersleute, die gerade von der Hausbank aufgestanden sind. Es ist Feierabend, der Mann gönnt sich eine Pfeife. Die Frau scheint nur kurz von ihrer Strickarbeit aufzublicken, gleich wird sie am Socken weiterarbeiten. Was ist hier so besonders?
Dieses Bild erzählt vom Fleiß der Frauen, den eine Bäuerin mir so erklärte: „Frauen sollten früher niemals untätig sein, niemals die Hände in den Schoß legen.“ Selbst in der Freizeit, also am Feierabend oder am Sonntag Nachmittag war eine tüchtige Frau mit Handarbeiten beschäftigt. Gar nicht selten haben Frauen sogar beim Spazierengehen gestrickt. Sie waren so geübt, dass sie dies ohne hinzusehen konnten. Dieses Foto entstand in Kärnten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist aber in jedem anderen Bundesland genauso denkbar.
Es war die Zeit vor dem Siegeszug der Maschinen am Land.
Meine Mutter war mit ihrer Familie nach dem Krieg als Flüchtling auf einem oststeirischen Bauernhof untergebracht. Als sie am Neujahrstag die Stube betrat, fand sie die Bäuerin über einen großen Korb Flickwäsche gebeugt. Das Kind, meine Mutter, grüßte. Die Frau blickte kaum auf und unterbrach ihre Arbeit nicht. Sie erklärte dem Mädchen: „Man sagt bei uns: So fleißig, wie du am Neujahrstag bist, wirst du das ganze Jahr sein. Das ist ein guter Anfang!“
Fleißig sein hieß damals niemals ruhen. Fleißige Arbeitskräfte – ob Mann oder Frau – waren sehr geachtet. Die Älteren unter uns erinnern sich noch an Todesanzeigen mit Texten wie „Nur Müh und Arbeit war dein Leben“ oder „Stets Müh und Arbeit bis ans Ende, nun ruhen deine fleißigen Hände“. Wenn wir das heute lesen, sind wir etwas befremdet. In Zeiten von Work-Life-Balance sind wir fast peinlich berührt von solchen Sprüchen. Dabei erzählen sie uns viel von der alten Arbeitsethik und auch von Überforderung, manchmal sogar von (Selbst-)Ausbeutung.
Ein älterer Mann erzählte, dass er gar nicht gern in Heimat- oder Bauernmuseen gehen will, weil ihn all das an seine harte Kindheit und sein hartes Leben erinnert. Es war die Zeit vor dem Siegeszug der Maschinen am Land, als jede helfende Hand dringend benötigt wurde und auch Kinder mithelfen mussten. Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir vielleicht den alten Tugenden wie Fleiß und Arbeitsamkeit nachtrauern.
Inge Friedl
Autor:Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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