Trennung von Wien 1922
Niederösterreich feiert den 100. Geburtstag

Blick vom Norden auf den Sitz der NÖ Landesregierung im Regierungsviertel an der Traisen in St. Pölten.
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  • Blick vom Norden auf den Sitz der NÖ Landesregierung im Regierungsviertel an der Traisen in St. Pölten.
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Mit 1. Jänner 1922 trat die Trennung Niederösterreichs und Wiens in Kraft, die am 29. Dezember 1921 beschlossen worden war. Die Gründe dafür waren vielfältig und der „Trennungsschmerz“ begleitete beide Bundesländer lange.

Die Trennung hatte sich schon lange vor 1922 abgezeichnet und war eng verbunden mit den historischen Ereignissen dieser Zeit. Wien war bis 1918 Haupt- und Residenzstadt der österreichisch-ungarischen Monarchie sowie Hauptstadt des Kronlandes Niederösterreich. Schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts war darüber diskutiert worden, Wien von Niederösterreich zu scheiden.

Die Ereignisse des Ers­ten Weltkriegs und der Zusammenbruch der Monarchie setzten Entwicklungen in Gang, in deren Folge der Beschluss und das Inkrafttreten der NÖ Landesverfassung zustande kamen. Am 5. November 1918 wurde im Zuge der provisorischen Landesversammlung die Verwaltung des Landes Niederösterreich übernommen und damit der Wille konstituiert, die eigenen Angelegenheiten eigenständig zu regeln und sich eine politische Vertretung zu geben. Doch es sollte noch einige Jahre dauern, bis die Trennung endgültig vollzogen wurde.

1918 lebten rund 3,3 Millionen Menschen im Bundesland Wien-Niederösterreich: Rund 1,8 Mio in Wien und knapp 1,5 Mio in Niederösterreich – es war damit nicht nur das flächenmäßig größte Bundesland in Österreich, sondern stellte auch mit 54,6 Prozent die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung.

Konstituierende Sitzung der Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich am 21. Oktober 1918 im Niederösterreichischen Landhaus.
  • Konstituierende Sitzung der Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich am 21. Oktober 1918 im Niederösterreichischen Landhaus.
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Bei den ersten demokratischen Wahlen zum Niederösterreichischen Landtag im Mai 1919 errang die Sozialdemokratische Arbeiterpartei sowohl im Wiener Gemeinderat wie auch im Landtag die Mehrheit. Im NÖ-Landtag (also ohne Wien) erhielten allerdings die Christlichsozialen die Stimmenmehrheit. Diese politische Entwicklung förderte die Polarisierung und verstärkte die Trennungstendenzen. In der Folge waren es vor allem die Mandatare der Christlichsozialen Partei in Niederösterreich und in den anderen österreichischen Bundesländern, die eine Trennung von Wien und Niederösterreich anstrebten. Denn ein Bundesland Niederös­terreich inklusive Wien hätte aus Sicht der übrigen Länder aufgrund seiner Größe und Bevölkerungszahl sowie wirtschaftlichen Bedeutung eine zu große Rolle im Gesamtgefüge der Republik gespielt und wäre damit untragbar gewesen.

Die Trennung wurde 1920 schließlich entlang der Wiener Stadtgrenze gezogen: Nie­derös­terreich und Wien, die sich zuvor schon jeweils eine eigene Verfassung, eine eigene Landesregierung und einen eigenen Landtag gegeben hatten, wurden als eigenständige Bundesländer endgültig voneinander getrennt. Die rechtliche Grundlage für die Trennung und damit für die politische Eigenständigkeit beider Bundesländer hatte die im Herbst 1920 beschlossene Bundesverfassung geschaffen. Mit 1. Jänner 1922 trat die Trennung der beiden Bundesländer in Kraft: Niederösterreich war nunmehr 19.317 und Wien 278 Quadratkilometer groß.

Streit um Gebäude, Grundstücke, selbst um Bücher und Bilder

Der Trennung vorausgegangen waren langwierige Verhandlungen und Streitereien: In vielen Bereichen waren die beiden Bundesländer miteinander verwoben und es galt vieles noch zu klären. Nur ein Beispiel: Bis zur Trennung konnten Niederösterreicher immer auch eines der großen Wiener Krankenhäuser aufsuchen. Dieses Recht verloren sie mit der Trennung. In Niederösterreich mussten die Bezirks- und Gemeindespitäler ihre Bettenkapazitäten erhöhen und zusätzliche Operations- und Behandlungsräume einrichten.

„Worüber hatte man nicht schon gestritten: um jedes Gebäude, um jedes Grundstück, selbst um Bücher und Bilder wurde gefeilscht“, schreibt der Kulturwissenschaftler Christian Rapp in seinem Beitrag für die NÖN-Edition „100 Jahre Niederösterreich“ (siehe Infobox auf dieser Seite). Bei den letzten Verhandlungen am Silvestertag 1921 in den Amtsräumen des Wiener Rathauses konnten schließlich letzte Einigungen gefunden werden. Unter anderem auch darüber, dass die defizitären niederösterreichischen Landesbahnen unter die Fittiche der Bundesbahnen genommen werden sollten.

Die Trennung der beiden Bundesländer wurde nicht nur positiv gesehen. So machte sich Oskar Helmer, Fraktionsführer der niederösterreichischen Sozialdemokraten, Sorgen darüber, wie Niederösterreich ohne die Finanzkraft Wiens weitermachen kann. Wien hatte sich nämlich nach den schweren Zeiten nach dem Ersten Weltkrieg zu einer finanzkräftigen Met­ropole entwickelt. Das agrarisch geprägte Niederösterreich musste nun das meiste alleine stemmen.

Die Ämter der autonomen Landesverwaltung und jener der vom Bund übertragenen Aufgaben wurden in einer einheitlichen Behörde zusammengefasst: Die Behörde wurde im Oktober 1925 das „Amt der Niederös­terreichischen Landesregierung“. Sitz war das „Palais Niederösterreich“ in der Wiener Herrengasse.

In vielem verbunden

In vielen Belangen waren Niederös­terreich und Wien weiterhin miteinander verbunden und arbeiteten in den kommenden Jahren durchaus konstruktiv zusammen, so Rapp. Zum Beispiel bei der Organisation der ers­ten Wiener Festwochen im Jahre 1927 oder bei der Gründung der NEWAG, der Aktiengesellschaft der niederösterreichischen Elektrizitätswirtschaft, an der die Stadt Wien Anteile hielt. Verbunden waren die Bundesländer weiterhin auch in mancher finanziellen Hinsicht. So mussten sie weiterhin gemeinsam die Pensionen der Beamten bezahlen.

Wien war ab 1922 weiterhin Sitz der Niederösterreichischen Landesregierung. Das NÖ Landhaus in der Herrengasse im ersten Wiener Gemeindebezirk blieb zwar nach 1921 zur Hälfte im Eigentum Wiens, wurde aber zur Gänze dem neuen Land Niederösterreich übertragen.

Die neue Landeshauptstadt

Erst als 1986 St. Pölten Landeshauptstadt des flächenmäßig größten österreichischen Bundeslandes wurde, übertrug Wien Niederösterreich seinen Anteil und erhielt dafür Grundstücke im Bereich der nördlichen Donauinsel.
Am 2. März 1986 stimmte im Rahmen einer landesweiten Volksbefragung eine knappe Mehrheit (56 Prozent) für eine eigene niederösterreichische Landeshauptstadt und gab mit einer relativen Mehrheit von knapp 45 Prozent der Stimmen St. Pölten vor Krems, Baden, Tulln und Wiener Neustadt den Vorzug. Am 10. Juli desselben Jahres wurde St. Pölten offiziell zur jüngsten Landeshauptstadt Österreichs. Gut zehn Jahre danach und nach fünfjähriger Bauzeit übersiedelten die letzten niederösterreichischen Landtagsabgeordneten von Wien nach St. Pölten ins neu geschaffene Landhausviertel.

Quelle: 100 Jahre Niederösterreich/ NÖN Edition Geschichte

Kurze Chronologie Niederösterreichs


4. Mai 1919:
Die erste niederösterreichische Landtagswahl der Ersten Republik findet statt. Erstmals können nach dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht Männer und Frauen gewählt werden. Die Wahl gewinnen die Sozialdemokraten, in NÖ-Land (also ohne Wien) erhalten jedoch die Christlichsozialen mehr Stimmen.

1. Jänner 2022: Niederösterreich und Wien trennen sich und werden eigenständige Bundesländer.

12./13. März 1938: Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Weite Teile Niederösterreichs fließen in den neu gegründeten Reichsgau Niederdonau ein.

September 1939: Deutschland marschiert in Polen ein. Es beginnt der Zweite Weltkrieg.

1943 bis 1945: Schwere Luftangriffe durch die Alliierten und die Rote Armee treffen Niederösterreich, besonders Wiener Neustadt ist als eines der Zentren der deutschen Rüstungsindustrie Ziel der Angriffe.

25. November 1945: Bei der ersten niederösterreichischen Landtagswahl nach Ende des Zweiten Weltkriegs erlangt die ÖVP mit 54 Prozent die absolute Mehrheit.

1965: Niederösterreich erhält als vorletztes Bundesland seine eigene Landeshymne. Den Text verfasst Franz Karl Ginzkey, als Melodie dient Beethovens Kantate „In allen guten Stunden“.

2. März 1986: Im Rahmen einer landesweiten Volksbefragung stimmen 56 Prozent für eine eigene nieder­österreichische Landeshauptstadt. Eine relative Mehrheit von 45 Prozent spricht sich für St. Pölten aus.

1997: Das neue Landhaus in St. Pölten ist fertiggestellt und die letzten niederösterreichischen Landtagsabgeordneten übersiedeln aus Wien nach St. Pölten.

„100 Jahre Niederösterreich“

Die NÖN haben die Geschichte der Trennung Niederösterreichs und
Wiens und die wechselvolle Entwicklung Niederösterreichs zum modernen Bundesland mit einem neuen Magazin der Edition Geschichte mit vielen interessanten Beiträgen von Experten aus den verschiedensten Bereichen nachgezeichnet. Das neue Magazin ist ab sofort um 8,90 (plus 2,50 Euro Versandkosten) direkt bei den NÖ Nachrichten erhältlich. Bestellungen unter: Telefon: 050/80211803 bzw. unter der E-Mail-Adresse: aboclub@noen.at.

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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