Erzählung
Erinnerung an April 1945

Nachdem der gefürchtete Front­durchgang vorüber, das Schießgetöse von Artillerie, Stalinorgel, Panzerfäusten und was weiß ich noch alles sich in der Ferne verlor, trauten wir uns wieder aus den Kellern. Wir siedelten wieder zurück in unsere Häuser. Meine schier in allen Belangen unerschrockene Groß­mutter, damals 74 Jahre alt, war ja überhaupt nicht in den Keller gezogen. „Kimmt wosderwöll“, so ihre Rede, „aus unsarn Haus geh’ ih net ausse!“ „Aber Großmutter“, hatten wir zu bedenken gegeben, „und waunn a Granotn ei’schlogt ins Haus?“ Dann wären wir alle in Gottes Hand, war Großmutters Überzeugung, im April 1945.
Mit den russischen Soldaten, die nun das Dorfbild prägten, die flanierend, oft in lärmend-wilden Haufen die Straßen bevölkerten, mit ihnen hatten wir schon in den Kellern durchaus Berührung gehabt. Unsere Armband- und Taschenuhren hatten sie schon. Nun kamen die Fahrräder dran. Wer von den Frauen und Mädchen nur irgendwie abkömmlich, war in Verstecke geflohen. Denn das Schlimmste von Anfang an war das schier unentrinnbare Ausgeliefertsein der Frauen und Mädchen an die männliche Gewalt.
Ungefähr nach einer Woche Besatzung kam die Einquartierung ins Haus, ihrer vier Mann schliefen im Ehebett meiner Eltern. Von ihnen hatten die Hausleute nichts zu fürchten, sie gingen nur friedlich ein und aus. Das kleine Schulmädchen, das ich war, freundete sich sogar ein wenig mit ihnen an. Einer hieß Iwan, ein anderer Gregor. Eines Vormittags kommt nun der Iwan mit einer neuen Uniform­jacke, die keine Knopflöcher hat. Er hat das schmucke Stück am Bett ausgelegt und verlangt von mir, ihm da Knopflöcher einzunähen. Ich erkläre ihm, dass ich das nicht könne, es in der Schule noch nicht gelernt habe. Er missversteht mich, gerät in Zorn: „Wenn du mir nicht machen“, schreit er, „ich ganzes Haus kaputt!“ Mit seinen Händen zeigt er, wie er das Haus in die Luft sprengen würde. Als er nach der Flinte greift, renne ich in Todesangst aus dem Zimmer.
Ganz schrecklich lange Angstminuten warte ich im Garten, was passieren würde. Als nach Längerem kein Knall zu hören ist und das Haus noch immer dasteht, wage ich aufzuatmen – und mich langsam wieder hinein. Im Zimmer kein Iwan, keine Jacke.
Nach ein paar Tagen der Einquartierung wurden die Soldaten ohnehin schon wieder abgezogen. Unsere Familie hatte ihre Schlafstellen wieder. Und jeder weitere Tag damals: eine besondere Herausforderung. Viele Erlebnisse davon habe ich mir gemerkt …
Margret Pfaffenbichler

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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