Genussvoll glauben - Teil 2
Man sieht nur mit dem Herzen gut

In Venedig wird das Spiel mit der Maske im Karneval seit Jahrhunderten gepflegt.
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  • In Venedig wird das Spiel mit der Maske im Karneval seit Jahrhunderten gepflegt.
  • Foto: iStock/Anna Chaplygina
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Im ersten Teil haben wir unsere Ohren auf Entdeckungsreise geschickt. Heute sind unsere Augen dran. Diese bekommen in der Faschingszeit so einige Maskierung zu sehen. Und wo gibt es da Verbindungen zu unserem Glauben? Das Motto auch diesmal: Dem Glauben genussvoll folgen.

In der Commedia dell‘Arte, die wie kaum eine andere Theaterkunst stark mit Masken arbeitet, gilt: ‚Die Maske selbst hat eine eigene Magie. Sie wird erst dann lebendig, wenn sie von mir als Spielerin Besitz ergreift, wenn ich selbst ganz zurücktrete und ihr diene.‘ Ganz so dramatisch geht es mit den Verkleidungen im Fasching dann doch nicht her. Aber einen Reiz haben sie. Einmal jemand anders zu sein. Oder besser: Seiten zu zeigen, die sonst nicht zum Vorschein kommen. Oder nicht zum Vorschein kommen dürfen, weil ich den Erwartungen anderer entsprechen muss.

Mitunter verstecken wir uns ganz bewusst hinter einer Maske

Dabei begegnen mir Masken das ganze Jahr hindurch. Nur unauffälliger. Masken, die ich in gewissen Situationen geneigt bin, aufzusetzen. Sei es aus Höflichkeit, aus Berechnung, aus Scham. Um etwas von mir selbst zu verstecken. Oder aus der Lust heraus, für einen Moment aus gewohnten Bahnen auszubrechen. Aber muss das tatsächlich so sein? So lautete meine Frage an Markus Muth, Subregens des Priesterseminars. „Es gibt Masken, die wir brauchen, um unsere verletzlichen Seiten nicht der Öffentlichkeit darzubieten, oder um Dingen die Chance zu geben, zu heilen. Andere wiederum haben mit Unaufrichtigkeit zu tun – anderen und sogar uns selber gegenüber.”

Wie kann ich lernen, in den anderen Menschen Jesus Christus zu sehen

In Italien, wo Ästhetik groß geschrieben wird, merke ich nur zu oft: Wir leben in einer Welt, die sehr über Äußerlichkeiten funktioniert. Und Vorurteile mit sich bringt. Markus Muth erinnert sich an seine Zeit in Rom: „Das Erste, was ich von meinem Zimmerkollegen, einem jungen kolumbianischen Priester, gesehen habe, war ein Passfoto. Er wirkte darauf wie ein Mafiaboss. Als ich ihn dann in natura zu Gesicht bekam, war er das totale Gegenteil: Ein strahlendes Gesicht, sympathisch, herzlich. Und das Erste, was er gesagt hat, war: ‚Alles, was in diesem Zimmer mir gehört, gehört auch dir.‘ Er hatte folgenden Satz Jesu‘ verinnerlicht: ‚Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.‘ (Mt 25,40) Ausgehend von diesem Satz können wir lernen, in den anderen Jesus Christus zu sehen.“

Genauso wie in den Dingen, die mein Herz erfreuen. Auch in ihnen kann ich Gott wahrnehmen. Hier in Rom muss ich oft kurz innehalten, wenn mir eine malerische Ecke ins Auge fällt. Wenn ich am Petersdom vorbeispaziere. Oder wenn das abendliche Sonnenlicht die roten und orangefarbenen Häuserfronten noch intensiver und wärmer leuchten lässt. Für Markus Muth ist die Zeit in dieser Stadt mit vielen Dingen verbunden, an die er gerne zurückdenkt. „Die dankbaren Gesichter der Obdachlosen bei der Ausspeisung genauso wie die Freude, wenn man es im ersten Anlauf geschafft hat, in der völlig überfüllten U-Bahn einen Stehplatz zu bekommen.“

Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, erkennt, wie wunderbar die Welt ist

Und auch sonst gibt es unzählige Dinge, die meine Augen tagtäglich erfreuen können. Ein Gemälde von Raffael. Die Zeichnung meiner kleinen Nichte. Eine winterlich verschneite Landschaft. Die Blume auf dem Küchentisch. Ein Film mit meinen Lieblingsschauspielern. Das Gesicht eines geliebten Menschen. Oder mein eigenes im Spiegel, wenn ich mit mir zufrieden und im Frieden bin. Je mehr ich nämlich ich selbst bin, desto mehr zeige ich mich als jene, als die mich Gott gewollt hat.

Wenn ich offenen Auges durch die Welt gehe, kann ich versuchen zu sehen, wie wunderbar und magisch sie Gott für uns geschaffen hat. Bei mir selbst angefangen. Muth: „Die christliche Tradition verwendet für die Vollendung in der Ewigkeit unter anderem das Bild von der ‚selig machenden Schau‘ Gottes. Wir werden Gott sehen, wie er ist (vgl. 1 Joh 3,2) – unverhüllt also. Da wir im Himmel auch uns selbst ohne Fassaden wahrnehmen werden, wird es eine innige Begegnung von du zu du.“ Wenn ich mich selbst unverhüllt zeige, mir und meinen Mitmenschen, können sie und ich sehen, wer ich wirklich bin.
Doch zurück zur anfangs beschriebenen Commedia dell‘Arte. Was passiert, wenn ich ihr Gesetz auf unseren Glauben umlege? Dann hieße es so: ‚Der Glaube selbst hat eine eigene Magie. Er wird erst dann lebendig, wenn er von mir als Spielerin Besitz ergreift, wenn ich selbst ganz zurücktrete und ihm diene.‘ Vielleicht kann ich genau dieses Gesetz im Auge behalten. Und als etwas Heiliges im Herzen tragen.

Autor:

Victoria Morawetz aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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