Violetter Strickpullover als Fastentuch
Wiener Stephansdom wird in Fastenzeit zum Ausstellungsort Erwin Wurms

Der 80 Quadratmeter große violetten Strickpullover, der als Fastentuch den Hauptaltar verhüllt, wird als Symbol für wärmende Nächstenliebe gesehen.
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  • Der 80 Quadratmeter große violetten Strickpullover, der als Fastentuch den Hauptaltar verhüllt, wird als Symbol für wärmende Nächstenliebe gesehen.
  • Foto: Nelo Ruber
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Der Wiener Stephansdom wird in der Fastenzeit zum Ausstellungsort eines der bedeutendsten Vertreters österreichischer Gegenwartskunst: Erwin Wurm verhüllt den barocken Hochaltar mit einem 80 Quadratmeter großen, 200 Kilogramm schweren violetten Strickpullover, platziert im Innenraum des Doms Skulpturen, die über die eigenen Begrenzungen nachdenken lassen und an der Außenfassade neben dem Singertor seine bekannte "Big Mutter" - eine überdimensionierte Wärmeflasche auf menschlichen Füßen.

Er habe sich über die von Dompfarrer Toni Faber ausgesprochene Einladung sehr gefreut, heuer den seit 2013 bestehenden alljährlichen Brückenschlag zwischen zeitgenössischer Kunst und vorösterlicher Bußzeit fortzuführen, erklärt der Künstler Erwin Wurm. Zum Stephansdom habe er eine enge Beziehung, immer wieder suche er das Wiener Wahrzeichen auf und bewundere die "tolle Architektur". Und auch die Einstellung zur Religion habe sich bei dem früher aus der Kirche ausgetretenen gebürtigen Steirer geändert: Im Zuge eines seelsorglichen Gesprächs mit Toni Faber trat Erwin Wurm wieder in die Kirche ein, was für ihn "auch ein kulturelles Zeichen" sei, wie er erzählt. Er sei künstlerisch von Romanik, Gotik und Renaissance geprägt - Epochen, die "sich in der Kirche abgespielt" hätten.

Das Motiv des Pullovers als "wärmende und schützende zweite Haut" habe er bereits mehrmals aufgegriffen; das im Stephansdom hängende Exemplar in der zu Bußzeiten verwendeten liturgischen Farbe violett sei in Thailand extra für dieses Fastenzeit-Projekt angefertigt worden, so Wurm. Auch die "Big Mutter" sei für ihn ein Symbol wärmender Nächstenliebe, das er bereits anlässlich der Ehrung der Flüchtlingshelferin Maria Loley verwendete.

Darüber hinaus stellt Wurm Skulpturen zur Verfügung, die - wie der Dompfarrer erklärt - einen Anstoß darstellen, "sich dem zu stellen, was unser Leben deformiert": ein Mann ohne Kopf und Hände; Beine, die in einen Aktenkoffer bzw. eine Handtasche münden; abgepackte Würstchen, die das "Sehnen nach dem, der ich sein könnte", ausdrücken statt dem "Leiden unter dem, der ich bin", so Faber weiter.

"Gedankenanstößige" Kunst

Dem kunstsinnigen "Hausherrn" im Stephansdom ist bewusst, dass solche Arbeiten nicht allen gefallen. Fabers Einladung habe auch bereits Missfallensbekundungen "saturierter Damen" ausgelöst, die mit derlei "Gedankenanstößigkeiten" nichts anfangen können. Und gegen das absehbare Argument "Dafür zahle ich Kirchensteuer?!" stellte der Dompfarrer schon vorab klar, dass die Material- und Transportkosten frei finanziert werden. Dankbar wies er zudem darauf hin, dass Erwin Wurm seine Mitwirkung von einer Bedingung abhängig machte - nämlich dass er kein künstlerisches Honorar bekommt.

Die österliche Bußzeit sei der "Auftakt für eine Befreiung von den Deformierungen unseres Lebens und unserer Umwelt", erinnert Toni Faber an den tieferen Sinn des diesjährigen Kunstprojekts. Fasten und Beten machten frei von der Dominanz des Konsums und "lassen Schieflagen erkennen", als dritter Teil einer "biblischen Trias" sei noch Almosengeben als Sensibilität für die Not anderer zu nennen. Diese Trias bekomme in der Begegnung mit Wurms Skulpturen "neuen Geschmack" und eine "Anstößigkeit, die von keinem religiösen Gefälligkeitsritual eingeholt werden kann".

Das Fastentuch verbleibt im Stephansdom bis zum Ende der Fastenzeit am Karsamstag, 11. April, die Skulpturen sogar bis Samstag, 6. Juni, dem Tag nach der "Langen Nacht der Kirchen".

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Der SONNTAG Redaktion aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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