Eine "Hebamme des Trostes"
Die große Wirklichkeit schimmert überall durch

Antonia Kesselring an ihrem Arbeitsplatz im Schatten des Stephansdomes. Zusammen mit ihrem Team hat sie unter 142 für alle Sorgen und Nöte, aber auch für Menschen, die über schöne Momente reden wollen, stets ein offenes Ohr.
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  • Antonia Kesselring an ihrem Arbeitsplatz im Schatten des Stephansdomes. Zusammen mit ihrem Team hat sie unter 142 für alle Sorgen und Nöte, aber auch für Menschen, die über schöne Momente reden wollen, stets ein offenes Ohr.
  • Foto: Erzdiözese Wien/Stefan Schönlaub
  • hochgeladen von Der SONNTAG Redaktion

Abschiede haben von klein auf ihr Leben geprägt. Darum hat sich Antonia Keßelring auf die Suche danach begeben, was bleibt. Sie hat Theologie studiert und als Krankenhausseelsorgerin "unendlich viel über Leben und Tod gelernt".

Heute leitet sie die Telefonseelsorge Wien.

Gerade erst in Frankfurt am Main zur Welt gekommen, wächst Antonia Keßelring drei Wochen später bereits in Hongkong auf, dann in Tokio, Paris, Madrid und zwischendurch immer wieder in Bayern. Antonia Keßelrings Eltern arbeiten für den deutschen Bundesnachrichtendienst, der Vater als Jurist, die Mutter als Übersetzerin. Jeder Jobwechsel bringt ein neues Land, bis zu Antonia Keßelrings Schulabschluss. "Die Frage danach, woher ich komme, kann ich bis heute nicht beantworten", sagt die 53-Jährige. Zu einem Sehnsuchtsort sei Japan für sie geworden. "Das empfinde ich ganz tief in mir als einen Platz glücklicher Kindheit."

Jeder Umzug bedeutet Abschied
Jeder Umzug bedeutet für Antonia Keßelring und ihre Brüder Abschied. Und Verlust. Zur Heimat wird ihr der Glaube. Obwohl traditionell evangelisch erzogen, wird Antonia Keßelring als 19-Jährige katholisch: "Auch wenn ich meine evangelischen Wurzeln keinesfalls missen will." In der evangelischen Kirche, wie sie ihr damals begegnete, habe sie eine große Sprachlosigkeit über Glauben erlebt. "In der katholischen Gemeinde traf ich damals auf einen Pfarrer, der tiefer ging. Und auch die Liturgie – das Geheimnis ein wenig zu feiern, nicht nur darüber zu sprechen und nachzudenken, hat mir viel geholfen."

In Wien studiert Antonia Keßelring schließlich Theologie: "Ich wollte herausfinden, was die Welt im Innersten zusammenhält." Sie beginnt als Krankenhausseelsorgerin zu arbeiten. Und begleitet über zwanzig Jahre hinweg Menschen im Spital, viele von ihnen beim Sterben.

18 Jahre lang ist sie in der Klinik Donaustadt tätig: "Es war kein Zufall, dass ich einen Beruf gewählt habe, in dem Abschied und Tod Thema waren, nachdem ich ja selbst so an der Vergänglichkeit verzweifelt bin."

"Der Mensch ist mehr als ein Körper, der repariert werden muss"

Die Krankenhausseelsorge, sagt Antonia Keßelring, sei dazu da, daran zu erinnern, dass der Mensch "noch mehr" ist. Mehr als ein Körper, der repariert werden muss, mehr als Krankheit. "Das ist auch dann noch so, wenn man dement ist, wenn man im künstlichen Tiefschlaf oder im Wachkoma liegt."

Was sie von den Patientinnen und Patienten, die sie begleiten durfte, gelernt hat? "Dass nach diesem Leben nicht verloren sein wird, was wir sind, sondern dass es sich öffnet, in eine Weite, in ein Ganz-Sein. Dass diese große Wirklichkeit, die uns umgibt, überall durchschimmert."

Nie könne man das Geheimnis Gottes ergründen, doch stets weiter darin eintauchen: "Und durch diese Verbindung zu diesem Geheimnis, das größer als ich und gleichzeitig in mir ist, und das auch in jedem anderen steckt und in jedem Tier, in jeder Pflanze, die treibt und irgendwann wieder verblüht – dadurch wird irgendwie alles gut."

Eine "Hebamme des Trostes"
Dass sich die Dinge fügen, davon ist Antonia Keßelring außerdem überzeugt. Seit 2020 ist sie Leiterin der Telefonseelsorge Wien – als Studentin hatte sie bereits mehrere Jahre lang selbst das ehrenamtliche Team verstärkt.

Einsamkeit, Beziehungskonflikte und psychische Erkrankungen beschäftigen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Telefonseelsorge rund um die Uhr. Antonia Keßelring sieht sich als eine "Hebamme des Trostes": "Ich denke, dass Trost sich in uns selbst findet und aus uns herauswächst. Indem ich ihn ausspreche, kann ich Menschen den Trost vielleicht ein bisschen spürbarer und bewusster machen."

Autor:

Marlene Groihofer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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