Die sieben "Todsünden"
Neid

Matthias Beck: Anstatt Neid könnte man auch Eifersucht oder Missgunst sagen. Ich gönne dem anderen etwas nicht. Das haben wir auch schon durch die Bibel, das Alte Testament hindurch. Dahinter steckt im Grunde das Gefühl: „Ich bin nicht gut genug.“
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  • Matthias Beck: Anstatt Neid könnte man auch Eifersucht oder Missgunst sagen. Ich gönne dem anderen etwas nicht. Das haben wir auch schon durch die Bibel, das Alte Testament hindurch. Dahinter steckt im Grunde das Gefühl: „Ich bin nicht gut genug.“
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NEID (lateinisch invidia) bezeichnet den Wunsch, selbst über mindestens als gleichwertig empfundene Güter (materieller oder nichtmaterieller Art) wie die beneidete Person zu verfügen.
Neben diesem „konstruktiven Neid“ besteht mitunter auch der Wunsch, dass die beneidete Person die Güter, um die sie beneidet wird, verliert (destruktiver Neid, auch Missgunst). oder andersgearteten Schaden erfährt. Der Gegensatz von Neid ist das Wohlwollen.

Um Neid ist niemand zu beneiden

Die Psychotherapeutin und Karriereberaterin Sonja Rieder spricht über die Ursachen von Neid und den richtigen Umgang mit dem unangenehmen Gefühl, das in unserer Gesellschaft ein großes Tabu ist.

Interview mit Psychotherapeutin und Karriereberaterin Sonja Rieder und eine Expertise von Ethiker Ao. Univ.-Prof. DDr. Matthias Beck.

Neid und Missgunst sind ständige Begleiter im heutigen Berufsleben.

 Mag. Sonja Rieder
Mag. Sonja Rieder MSC ist Karriereberaterin, Coach und Psychotherapeutin in Wien

Das bemerkt die Karriereberaterin Sonja Rieder in ihrer täglichen Arbeit. Was steckt hinter dem Gefühl Neid? „Er ist eine zusammengesetzte Emotion, besteht aus Wut und Trauer und es kann auch Angst mitschwingen“, antwortet Rieder. „Die Wut darüber, etwas nicht zu haben, was ein anderer hat, die Trauer darüber, dass man etwas nicht hat.

Die Angst bezieht sich darauf, nicht ganz mitzukönnen in der Gesellschaft oder in einer Konkurrenzsituation. Für mich ist es schon ein Gefühl mit vielen Schattierungen. Es kann die Wut stärker betont sein. Es kann mehr einen Trauer-Aspekt haben, wenn sich Neid auf etwas bezieht, das man einfach nicht mehr erreichen kann. Jemand wollte immer Balletttänzerin sein, dann wird es zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr möglich, zumindest nicht professionell.“

  • Warum sind wir neidisch?

Sonja Rieder: Ich antworte jetzt einmal polemisch. Das Gefühl gehört anscheinend zur Grundausstattung des Menschen. Es ist natürlich nicht jeder gleich viel neidisch. Wir sind neidisch, weil wir uns vergleichen. Wir brauchen den Vergleich aber auch, um uns zu orientieren. Die Postulate „Vergleich dich doch nicht immer“ gehen ins Leere, weil sich gar nicht zu vergleichen, ist nicht gut möglich für uns. Was ich für notwendig halte, ist allerdings nach dem Vergleich ein bewusstes Reflektieren darüber anzustellen.

  • Wie tritt Neid in Erscheinung?

Er kann offen oder verdeckt auftreten. Selbst wenn er offen ist, da er ein hoch tabuisiertes Gefühl in unserer Gesellschaft ist, wird er nie ganz offen gezeigt. Ein Teil des Wesens des Neids ist, dass sich oft die Neid-Erregenden gar nicht so sicher sind, haben sie etwas getan oder nicht.

Wenn Neid im Raum ist, wird oft die Stimmung einfach komisch und man kann es aber oft nicht so richtig deuten. Trotzdem kann er offen oder halboffen sein, indem ganz einfach irgendwelche Wortmeldungen kommen, die teils Kompliment, teils beschämend oder angriffig sind. Neid kann aber auch sehr verdeckt sein, indem man zum Beispiel mit dem, den man beneidet, nicht redet, ihn einfach ignoriert. Es gibt durchaus im Berufsleben immer wieder Fälle, wo jemand neu in ein Unternehmen kommt und als große Bedrohung wahrgenommen wird. Dann versucht man so gut wie möglich ihn zu schneiden.

  • Warum wollen oder können wir nicht über Neid sprechen? Warum ist er ein Tabuthema?

Es ist eigentlich erstaunlich, dass das Gefühl tabuisiert ist, wo sonst die Gesellschaft sehr auf Konkurrenz und Wettbewerb zugeschnitten ist. Es ist für uns in Ordnung, dass wir ehrgeizig sind, dass wir in einem gesunden Wettbewerb stehen. Nur Neid sollte es nicht geben. Konkurrenz in höchstem Maße ja, alles gut, aber Neid nicht. Es passt eigentlich nicht zusammen, aber es ist nun einmal so, dass Gesellschaften Tabus haben.

Neid ist so ein Gefühl, mit einer langen Vorgeschichte, natürlich von theologischer Seite, aber auch von philosophischer Seite. Dem Gefühl wurde wenig Positives abgewonnen. Es gibt ein starkes Narrativ, das Neid einfach nur ganz weg haben will, den darf es nicht geben. Und es ist natürlich kein schönes Gefühl. Es fühlt sich nicht gut an, weder für den Neidenden noch für den Neid-Erregenden.

  • Sie sind Karriereberaterin. Welche Situationen treten am Arbeitsplatz auf?

Es gibt kaum einen Arbeitskonflikt und vor allem auch kein Mobbing, wo nicht Neid eine gewisse Rolle spielt. Es wird zwar oft gesagt, das ist „NUR“ Neid, aber es ist meistens ein Gefühl, das gemischt mit vielen anderen daherkommt und dann noch einen weiteren Aspekt hat.

Da die Berufswelt von einer ganz starken Konkurrenz geprägt ist, führt dieses Vergleichen „wie gut bin ich und wie gut bin ich im Wettbewerb mit meinen Kollegen?“ bald einmal zu einem Neidgefühl. Jemand ist befördert worden und man findet es eigentlich überhaupt nicht gerecht. Es gibt Menschen, die sich mit gewissen Dingen leichter als andere tun. Andere tun sich damit aber schwerer. Neid entsteht ganz schnell. Ich finde, dass das Gefühl an sich gar nicht so bedrohlich ist, sondern eher das, was man daraus macht.

  • Was mache ich, wenn ich bemerke, dass jemand auf mich neidisch ist?

Es ist eine Frage der Intensität und was die andere Person tut. Es gibt auch einen bewundernden Neid. Dann wird offen gesagt: „Puh, um das beneide ich dich wirklich.“ Wenn man so etwas hört, dann braucht man gar nichts zu machen. Das ist einfach etwas Wohlwollendes von einer Person, die gut mit ihrem Gefühl umgehen kann.

Vor allem am Arbeitsplatz muss man es wirklich ernst nehmen, weil es kann zu allen möglichen Formen kommen. Es gibt Intrigen, Herabsetzung, Machtmissbrauch, Konkurrenzkämpfe und so weiter. Da ist Neid oft eine große Treibkraft.

  • Der österreichische Kabarettist Helmut Qualtinger formulierte einmal: „Die größte Genossenschaft auf Erden ist die Neidgenossenschaft.“ Ist Österreich ein Land der Neider?

Ich weiß es nicht genau. Man kann sagen, dass Neid im Zusammenhang mit wachsender Ungleichheit eine zunehmende Rolle spielt. Das ist aber nichts typisch Österreichisches. Eine Gesellschaft, die stabil ist, erzeugt weniger Neid als eine Situation, in der nicht klar ist, wer wohin gehört und wo sich die Mittelschicht hin bewegt.

Sind wir abstiegsgefährdet oder schaffen wir es, den Level zu halten? Diese Situation ist bereits in Österreich eingetreten, die Mittelschicht plagt sich und Teile der Gesellschaft hat Angst, abzusteigen. Und es gibt natürlich auch Armut und armutsgefährdete Bereiche. Insofern muss es ja auch ein Thema sein. Aber vor allem dieses Verschiebende, dieses Dynamische, dass die Gesellschaft sich verändert, diese Unsicherheiten, erzeugen verstärkt Neid. Gerade politische Kräfte nutzen das aus.

  • Empfinden Sie selbst auch Neid?

Wir haben uns vor wenigen Wochen einen kleinen Hund genommen. Jetzt haben wir erfahren, dass er eine Wirbelsäulenmissbildung hat und wir nicht wissen, wie lange er leben wird und dass er bald sehr stark gehandicapt sein kann. Wir wissen das noch nicht genau. Ich habe vor ein paar Tagen auf der Straße Neid empfunden auf Leute, die mit ihrem gesunden Hund dahinspaziert sind.

  • Werden Sie beneidet?

Ja, das kenne ich. Das ist aber nicht angenehm. Für mich selber bin ich schon zu dem Punkt gekommen, wenn jemand seinen Neid klar äußert, dass ich überprüfe, ob es wirklich einen Grund dafür gibt. Das kann man aber nur eine gewisse Zeit machen, sonst verunsichert das einen immer mehr.

Wenn man auf nichts Wesentliches kommt und von anderen Leuten noch eine Meinung einholt, dann ist es eine Frage der Intensität und wie weit es die Beziehung stört. Ich finde, es ist etwas anderes, ob es im privaten oder beruflichen Umfeld passiert. Je nachdem kann man sich unterschiedlich verhalten.

Also man kann einerseits ehrlicher in ein Gespräch gehen. Im Beruf ist das ganz große Authentische, alles zu besprechen, oft nicht möglich und nicht ratsam. Klar ist: Eine neidfreie Welt gibt es nicht!

Bis zu einem gewissen Grad muss man damit leben, dass man auch beneidet wird. Ansonsten müsste man sich eigentlich permanent verstecken und selbst dort ist man nicht sicher.

NEID

Matthias Beck über die Wurzelsünde Neid

Matthias Beck
Univ. Prof. Matthias Beck lehrt Theologische Ethik mit Schwerpunkt Medizinethik an der Uni Wien und ist Priester

Anstatt Neid könnte man auch Eifersucht oder Missgunst sagen. Ich gönne dem anderen etwas nicht. Das haben wir auch schon durch die Bibel, das Alte Testament hindurch. Dahinter steckt im Grunde das Gefühl: „Ich bin nicht gut genug.“ Oder: „Gott meint es nicht gut mit mir.“ Wenn der andere mehr Geld hat, oder mehr Talente fragt man sich: „Wieso er und nicht ich?“

Neid gibt es übrigens auch in der Kirche. Man ist neidisch: Wer kann öfter mit dem Papst sprechen? Wer kann öfter mit dem Bischof sprechen? Wer hat mehr Gottesdienstbesucher? Papst Franziskus hat es in einer seiner ersten Ansprachen an die Kardinäle sehr in den Vordergrund gestellt: „Seid nicht neidisch aufeinander, sondern nehmt euch, was Gott euch gibt. Er meint es gut mit euch.“ Das ist imgrunde die Angst, zu kurz zu kommen.

Es gibt eine positive Form von Neid. Wenn ich sage „ich beneide dich darum“, dann freue ich mich für den anderen. „Ich beneide dich darum, dass du so gut Schi fahren kannst. Aber ich gönne es dir und freue mich für dich.“

Aber die negative Seite ist, wenn ich den anderen schlecht mache, ihn verachte. Ich gönne ihm das nicht. Deswegen ist Missgunst auch eine sehr gute Umschreibung für Neid.

Neid kann auch eine Form von Eifersucht sein. Da gibt es auch wieder zwei Seiten. Es gibt eine Art positive Eifersucht. Es gibt immer wieder Ehepartner, die sagen, mein Mann oder meine Frau hat sich nie so richtig für mich interessiert, was ich so abends mache. Also in dem Fall ist die Eifersucht darüber, was die eigene Frau oder der Mann macht, ganz gut. Aber wenn diese Eifersucht zur dauernden Kontrolle wird, sodass ich mich nicht mehr frei bewegen kann, dann wird sie einfach schädlich.

Serie: Die sieben "Todsünden"

Autor:

Markus A. Langer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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