Eine Tür zum Leben
Liebe ist

In der Liebe wird Gott greifbar.
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Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe gehören untrennbar zusammen. Das macht den Stellenwert der Liebe im Christentum aus. Besonders prägnant: Ohne Nächstenliebe gibt es kein Christentum.

Es ist nach dem Wort „Gott“ wohl das an meisten missbrauchte Wort in der Geschichte der Menschheit: die „Liebe“. Denn oft wird „Liebe“ verwechselt mit Gefühlsduselei und einer Pseudo-Romantik. Dabei zeigt ein kleiner Buchstabe („i“) in der deutschen Sprache einen engen Zusammenhang auf: zwischen „Lieben“ und „Leben“.

Wer liebt, der lebt, und wer lebt, der liebt. Christen sollen leben(dig) sein und lieben. Am schönsten formuliert es das paulinische „Hohelied der Liebe“ (Erster Korintherbrief, 13. Kapitel). Noch deutlicher sagt es der Erste Johannes-Brief: „Gott ist die Liebe“.

Caritas-Präsident Michael Landau
benennt im Gespräch mit dem SONNTAG den umfassenden Stellenwert der Liebe im christlichen Sinn. Er zeigt, dass Gottes- und Nächstenliebe untrennbar miteinander verbunden sind.

  • Inwiefern prägt die Liebe als göttliche Tugend unser Leben?
 Michael Landau
 © kathbild.at/Ruprecht
Michael Landau ist Direktor der Caritas der ED-Wien, Präsident der Caritas Österreich und Präsident der Region Europa der Caritas Internationalis.

Gott ist die Liebe, somit ist Liebe der Urgrund unseres Seins. Wer liebt, erfüllt sein Leben mit Sinn und setzt seine Taten nicht von sich selbst her, sondern denkt zuerst, was sie für die Nächsten bedeuten. Das ist doch das Große am Menschen: dass er sich selbst übersteigen kann und sich empathisch in das Gegenüber, am stärksten in das geliebte Gegenüber hineinversetzen kann.

Das griechische Wort, das die Bibel für Liebe verwendet, Agape, lautet im Lateinischen Caritas. Als von Gott Geliebte – er hat uns ja zuerst geliebt – sind wir ermutigt und befähigt Mitliebende zu werden. Glaube gewinnt daher nach meinem Verständnis zu allererst Gestalt in Taten und nicht in Theorien. Übersetzt für uns als Caritas bedeutet das: Not sehen und handeln. Der Schlüssel zu einem geglückten Leben liegt nicht darin, sich nur um das eigene, sondern auch um das Glück des Anderen zu kümmern.

  • Wie können wir zugleich Gott, den Nächsten und uns selbst lieben?

Zu Weihnachten feiern Christinnen und Christen, dass Gott Mensch wird. Seit diesem Ereignis können wir Spiritualität nicht mehr von Solidarität trennen. Im Menschen materialisiert sich das, was als abstraktes Wort „Liebe“ manchmal sehr philosophisch und abgehoben definiert werden kann.

In der Liebe wird Gott greifbar. Liebe ist etwas Göttliches. Das gilt – um noch einmal praktischer zu werden - für uns in der Caritas in erster Linie den Menschen, die darauf ganz besonders angewiesen sind: Den Armen und Schutzbedürftigen. Oder mit Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Welttag der Armen: „Die Armut tritt immer in verschiedenen Formen auf. … In jeder von ihnen können wir dem Herrn Jesus begegnen“.

Christlich gesehen können wir also die Gottesliebe gar nicht von der Nächstenliebe trennen. Dass wir bei all unserer Nächstenliebe auch auf uns selbst, unsere Grenzen, Talente und Möglichkeiten schauen, geht auch aus dem zweiten Teil des biblischen Liebesgebots hervor: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Ich glaube, wir werden mehr „wir selbst“, wo wir uns auf den Anderen, die Andere einlassen: Ohne ein Du wird keiner zum Ich.

  • Welchen Stellenwert hat die Liebe im christlichen Sinn?

Sie ist das Zentrum des christlichen Glaubens. Wichtig scheint mir gerade an dieser Stelle zu sein, dass Nächstenliebe kein moralisches Gesetz ist. Vielmehr liegt darin der tiefste Grund unseres Daseins, der letzte Sinn. Erst wer liebt, lebt wirklich. „Das ist mein Gebot: Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ (Johannes 15,12), sagt Jesus.

Er spricht nicht von hundert Geboten, er stellt keinen Katalog auf. Er spricht von einem einzigen, nämlich vom Lieben – und zwar in Tat und Wahrheit. Mit Papst emeritus Benedikt XVI.: „Die Liebe ist möglich, und wir können sie tun, weil wir nach Gottes Bild geschaffen sind.“ (DCE 39)

In einer – ich würde sagen – hymnischen Sprache versucht Paulus hier das Geheimnis hinter einem geglückten Leben auszudrücken. Paulus weiß: er kann Liebe nicht definieren. Und er weiß zugleich, dass ohne Liebe alles, was wir tun, nichts wert ist. Ein Mensch im Bewusstsein, dass das Besondere an einem guten und gerechten Leben in dem liegt, was das unmittelbar Dingliche übersteigt, hat ein gutes Leben: „Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; doch am größten unter ihnen ist die Liebe.“

Welche Rolle das spielt? Ich denke, dieser Satz ist erfreulicherweise genauso wie das Liebesgebot sehr stark in das gesellschaftliche Bewusstsein vieler Länder eingedrungen und hat doch auch einen starken Einfluss auf das Entstehen tausender solidarischer Initiativen, oft unabhängig von Weltanschauungen. Gott, der die Welt erlöst hat, ist immer schon am Werk…

  • Was sind, vereinfacht gesagt, die Früchte der Liebe?

Die Früchte der Liebe liegen in all dem, was aus gelungenen Beziehungen wächst. Ausgehend von unserer menschlichen Entwicklung ist das zuerst die Liebe zwischen Eltern und Kindern, ohne die keine gesunde Entwicklung möglich ist. Je geglückter bereits diese ersten Beziehungen verlaufen, umso besser kann sich eine solidarische, barmherzige, nächstenliebende Grundhaltung im gesamten weiteren Leben entfalten.

Eine Besonderheit des jüdisch-christlichen Gottesbildes ist schließlich die Grenzenlosigkeit der Nächstenliebe. Mit Blick auf den Barmherzigen Samariter: Er sieht die Not und handelt, obwohl er den Halbtoten gar nicht kennt und obwohl er sich nach den damaligen gesellschaftlichen Regeln gar nicht um ihn kümmern müsste. Somit gibt es nach Johann Baptist Metz kein Leid in der Welt, das uns gar nichts angeht.

Ich halte es für eine der schönsten Früchte des christlichen Liebesbegriffs, dass die Nächstenliebe den Leidenden, allen Leidenden gilt, egal ob es sich um eine alte Frau in einem unserer Pflegewohnhäuser handelt, um einen obdachlosen Menschen in der Gruft, eine sterbende Frau im Hospiz oder um ein Kind in einem Flüchtlingslager im Südsudan.

  • Warum ist die Nächstenliebe das Kennzeichen der Christen?

Ohne Nächstenliebe gibt es kein Christentum. Oder mit dem ersten Johannesbrief: „Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder hasst, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht.“

Nächstenliebe darf nicht nur ein Kennzeichen sein, an dem die Welt sieht, was das spezifisch Christliche ist, sondern mit Papst Franziskus möchte ich auch die Zuspitzung in die Kirche hineintragen: „Das Gebet zu Gott und die Solidarität mit den Armen und Leidenden können nicht voneinander getrennt werden. Um einen dem Herrn wohlgefälligen Gottesdienst zu feiern, ist es notwendig anzuerkennen, dass jeder Mensch, mag er noch so bedürftig und verachtet sein, Gottes Abbild in sich trägt. …

Daher kann die dem Gebet gewidmete Zeit niemals zum Vorwand werden, um den Nächsten in seiner Not zu vernachlässigen. Das Gegenteil ist wahr: Der Segen des Herrn kommt auf uns herab.“ (Botschaft zum Welttag der Armen 2020, 2).

Serie: Eine Tür zum Leben

Autor:

Wolfgang Linhart aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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