Der einzelne Mensch und die Gemeinschaft
Nicht allein auf dieser Welt

Oft ist man teil mehrerer Gemeinschaften.  Man sollte nicht nur aus einer einzigen seine Kraft holen.
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  • Oft ist man teil mehrerer Gemeinschaften. Man sollte nicht nur aus einer einzigen seine Kraft holen.
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Der Mensch ist beides: Individuum in seiner Einzigartigkeit und Teil einer Gemeinschaft. Christliche Gemeinschaft – von der Pfarre über den Gebetskreis bis zur Ordensgemeinschaft – ist immer mehr als die Summe der einzelnen. Perfekt ist sie deswegen aber nicht.

Stellen wir uns das vor, was wir im Moment nicht erleben können: Ein Raum voller Menschen, die sich die Hände schütteln oder mit einer kurzen Umarmung begrüßen. Man sitzt einander gegenüber und steckt beim Reden die Köpfe zusammen. So nah, dass man hin und wieder den Atem des anderen an der eigenen Wange spürt.

Man spricht über den vergangenen Urlaub, Beziehungsprobleme oder originelle Ideen für Weihnachtsgeschenke. Hier wird gelacht, dort für einige Augenblicke zusammen geschwiegen. Kinder sausen herum, trinken Saft, die Älteren nippen an ihren Kaffeetassen.

Eine Gemeinde, die sich nach dem Gottesdienst beim Pfarrcafé trifft? Eine Großfamilie, die den 80er der Oma feiert? Oder gute Freunde, die sich mit ihren Familien zum Kaffee am Samstagnachmittag verabredet haben? Auf jeden Fall Menschen, die sich als Gemeinschaft erleben.

In einer Zeit, in der soziale Kontakte auf ein Minimum reduziert werden sollen, kommen Gemeinschaftserfahrungen definitiv zu kurz. Auch wenn die Verbundenheit in der Familie, einer Pfarre, eines Gebetskreises oder in der Schulklasse – zum Beispiel dank digitaler Medien auch angesichts von Corona gepflegt werden kann: Wir vermissen es, physisch zusammen zu kommen und hautnah zu erleben, dass wir Teile eines großen Ganzen sind.

Gemeinschaft prägt
Gemeinschaft, sagt die Psychotherapeutin und Ordensfrau Schwester Teresa Hieslmayr, ist etwas, das menschlichem Leben von Beginn an zugrunde liegt. „Ohne die Gemeinschaft zwischen Frau und Mann würde es keine Menschen geben. Gemeinschaft ist also zuerst einmal ein Faktum.“

Der Mensch sei von Anfang an beides: Individuum in seiner Einzigartigkeit und Teil einer Gemeinschaft. „Zwischen den beiden gibt es eine Wechselwirkung: Ich präge die Gemeinschaft mit, habe Gestaltungsmöglichkeiten und auch Verantwortung. Gleichzeitig prägt mich die Gemeinschaft, und zwar je jünger der Mensch ist, desto mehr.“ In der Kerngemeinschaft Familie wird das besonders deutlich. Die Rollen, die dort definiert werden, die Art, wie Beziehungen gelebt werden, können ein Leben lang beeinflussen.

Man kennt das: Wer als Kind ständig als tollpatschig bezeichnet und dementsprechend behandelt wurde, tut sich als Erwachsener schwer, diese Zuschreibung abzulegen. Möglicherweise auch dann, wenn er sich eigentlich ganz geschickt anstellt. Wer in der Herkunftsfamilie gelernt hat, dass man bei Streit am besten den Kopf in den Sand steckt, wird sich wahrscheinlich auch später scheuen, Konflikte offensiv anzugehen.

„Es gibt aber Möglichkeiten, aus eingeschliffenen Bahnen auszubrechen und neue Wege zu begehen. Das bedarf aber einiger Anstrengung und einer gewissen Reflexion“, sagt Schwester Teresa.

Perfekte Gemeinschaft gibt es nicht

Schwester Teresa Hieslmayr lebt mit drei Mitschwestern in Kirchberg am Wechsel. Die Schwesterngemeinschaft ist für sie Lernort vieler positiver Erfahrungen. „Wir haben zum Beispiel eine große Willkommenskultur. Meine Schwestern vermitteln mit immer, dass sie sich freuen, wenn ich wieder nach Hause komme. Wenn man diese Erfahrung tausende Male macht, dann wird man dadurch geprägt.“

Aber auch das Mühsame und Anstrengende beim Zusammenleben könne mit der richtigen Haltung positive Auswirkungen haben. Schwester Teresa zitiert in diesem Zusammenhang die heilige Katharina von Siena. „Gerade die Schwestern, die dich am meisten nerven, sind eine Aufgabe, die Gott dir geschickt hat.“ Sich nicht nur über die Schwierigkeiten, die zwangsläufig auftreten, wenn Menschen zusammenleben oder -arbeiten, ärgern, sondern darin die Aufgabe suchen: Das sei ein schöner Ansatz, findet die Ordensfrau, und erfordere eine gewisse geistliche Reife. „Schlagwörter wie Barmherzigkeit oder Verzeihen werden dabei sehr konkret.“

Ob Familie oder Ordensleben, Pfarre oder Fußballverein: Die perfekte Gemeinschaft gibt es nicht. Auch nicht unter Menschen, die sich ehrlich bemühen und versuchen nach christlichen Maßstäben zu handeln. „Wir dürfen uns nicht den Himmel auf Erden erwarten, sonst werden wir zwangsläufig enttäuscht“, betont Schwester Teresa. Sind die Ansprüche zu hoch, komme es automatisch zu Frust.

„Wir haben diese Sehnsucht in uns, dass alles perfekt ist, müssen uns aber bewusst sein, dass es den Himmel eben erst im Himmel gibt. Diese Differenz offen zu lassen, halte ich für etwas ganz Wichtiges.“ Schwester Teresas Empfehlung: „Man ist ja meistens Teil mehrerer Gemeinschaften. Ich sollte mir nicht nur aus einer einzigen meine Kraft holen.“

Mehr als die Summe der einzelnen
Johann Pock, Professor für Pastoraltheologie an der Universität Wien, warnt ebenfalls davor, vor allem christliche Gemeinschaften nicht mit zu hohen Erwartungen zu überfrachten. „Überall gibt es Menschen mit ihren Schwächen, da menschelt es eben.“ Dass das immer schon so gewesen ist, zeige die ursprüngliche Bedeutung des Bußsakramentes: „Das war früher eher auf der Ebene der Gemeinde angesiedelt und die Frage, wo wir schuldig aneinander geworden sind, stand im Mittelpunkt“.

Auch wenn sich christliche Gemeinschaften in punkto Unvollkommenheit nicht von anderen unterscheiden, sei zum Beispiel eine Pfarre nicht auf derselben Ebene wie ein Verein anzusiedeln. „Eine Gemeinde ist immer mehr als die Summe der Einzelnen. Es handelt sich um eine geistliche Größe, durch den, der uns zusammenruft. Und das ist nicht der Pfarrer, sondern Christus“, sagt Johann Pock.

Braucht es als Christ, als Christin notwendigerweise eine Gemeinschaft? Je nach Perspektive, sagt Pock. „Durch die Taufe sind wir ohnehin in die große Gemeinschaft der Christen aufgenommen. Die ist sehr weit, es gehören auch alle dazu, die vor mir waren und die, die nach mir kommen.“

Nicht jeder brauche auch eine konkrete Pfarre oder geistliche Gemeinschaft. „Es gibt viele Christen, die gemeindeungebunden sind, die aber deswegen nicht alleine ihr Christsein leben.“ Die Zugehörigkeit zu einer Gemeinde dürfe man außerdem nicht am Grad des ehrenamtlichen Engagements dort messen. Personen, die mitarbeiten, seien zwar notwendig, auf welche Weise das geschieht, sei aber sehr individuell. „Eine Gemeinschaft muss vertragen, dass einzelne sich mehr, andere sich gar nicht einbringen. Nicht jeder hat die gleichen Fähigkeiten mitbekommen. Und wir wissen zum Beispiel nicht, was jemand, der Jahr für Jahr hinten im Gottesdienst sitzt und sonst in der Pfarre nichts tut, in die Gesellschaft hinaustragt.“

Überhaupt plädiert Pock für einen stark charismenorientierten Zugang, wenn es darum geht, Menschen in einer Pfarre zu integrieren. Dazu sei ein Perspektivenwechsel notwendig. „Es geht nicht darum, für unsere offenen Funktionen jemanden zu finden. Schauen wir uns eher an, was der einzelne will und kann, welche Fähigkeiten er mitbringt.“ Das wirke sich sowohl für das Individuum als auch für die Gemeinschaft aus: „Der Mensch hat das Gefühl, dass er als Person gefragt ist. Und die Gemeinde bekommt durch den Einzelnen neue Impulse.“

Verbunden mit der Natur
Gemeinschaft und Individuum sind also aufeinander verwiesen, genauso wie es auch die einzelnen Mitglieder untereinander sind. „Der Mehrwert von Gemeinschaft besteht ja auch darin, dass mich die anderen tragen können, wenn ich selber geistlich durch die Wüste gehe. Und zu einem späteren Zeitpunkt, wenn es mir wieder besser geht, trage ich die anderen mit. So war es schon in der Urkirche: Da haben die Stärkeren die Schwächeren mitgenommen, materiell und auch geistlich.“

Zurück zu Corona und der Tatsache, dass wir auf so manche Gemeinschaftserfahrungen wohl noch eine Weile verzichten müssen. Für all jene, die unter der Isolation besonders leiden, hat Schwester Teresa noch eine Empfehlung: „Gemeinschaft geht über menschliche Grenzen hinaus. Es gibt auch immer eine Verbundenheit mit der Natur. Ich bin niemals allein, weil ich immer mit der lebendigen Natur verbunden mit.“

Autor:

Sandra Lobnig aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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