Darüber spricht die Bischofskonferenz
Menschenhandel - Ein schmutziges Geschäft

Menschenhandel passiert immer zum Zweck von Ausbeutung. 
Die häufigste Form ist die Zwangsprostitution, dann die Arbeitsausbeutung, vor allem von Männern in der Gastronomie, in der Landwirtschaft und in der Bauwirtschaft. Der dritte Bereich ist der Kinderhandel.
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  • Menschenhandel passiert immer zum Zweck von Ausbeutung.
    Die häufigste Form ist die Zwangsprostitution, dann die Arbeitsausbeutung, vor allem von Männern in der Gastronomie, in der Landwirtschaft und in der Bauwirtschaft. Der dritte Bereich ist der Kinderhandel.
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Menschenhandel ist eine moderne Form der Sklaverei. Dunkelziffern sprechen von jährlich 2,4 Millionen Menschen, die weltweit verkauft werden – unter ihnen sind 70% Frauen und Mädchen. Österreichs Bischöfe haben das grausame Thema bei ihrer diesjährigen Frühjahrsvollversammlung auf die Agenda gesetzt und rufen zum verstärkten Kampf gegen Menschenhandel auf.
von Sophie Lauringer

Schwester Maria Schlackl
Schwester Maria Schlackl
Ich finde, alle Menschen guten Willens müssen sich fragen: ‚In welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Schwester Maria Schlackl, Ordensfrau bei den Salvatorianerinnen, ist eine beherzte Kämpferin gegen den Menschenhandel und gegen die Ausbeutung von Frauen in der Prostitution. Sie brachte ihre Expertise in die Bischofskonferenz und benannte die Missstände in Österreich.

Im Gespräch mit dem SONNTAG erklärt sie ihre Forderungen.

  • Warum gab es den Studientag zum Thema Menschenhandel bei der Frühjahrsbischofskonferenz?

Sr. Maria Schlackl: Ich habe vor vier Jahren angefangen, die Dringlichkeit des Themas den Bischöfen nahezubringen. Der Linzer Bischof, Manfred Scheuer, und der zuständige Referatsbischof Weihbischof Franz Scharl aus Wien wussten um die Problematik. So sind wir auf die Bischofskonferenz zugegangen und dazu brauchten wir einen langen Atem. Vier Organisationen haben ihre konkrete Arbeit vorgestellt und die Bischöfe waren dankbar für diese Information. Sie wussten viele Fakten über den Menschenhandel nicht.

Wir müssen hinschauen, wo mitten unter uns Unfassbares passiert, denn der Menschenhandel ist ja sehr vielschichtig. Vier Initiativen haben beim Studientag informiert: „Kavod“ sucht Zwangsprostituierte auf, „Hope for the Future“ hilft Betroffenen nach dem Ausstieg, die Malteser haben einen internationalen Blick und SOLWODI hat eine Schutzwohnung für Frauen und leistet Bewusstseinsbildungsarbeit.

  • Welche Arten von Menschenhandel gibt es in Österreich?

Menschenhandel passiert immer zum Zweck von Ausbeutung. die Die häufigste Form ist die Zwangsprostitution, dann die Arbeitsausbeutung, vor allem von Männern in der Gastronomie, in der Landwirtschaft und in der Bauwirtschaft. Der dritte Bereich ist der Kinderhandel - bis 18-Jährige gelten als Kinder, der stark im Ansteigen ist. Das Geschäft ist lukrativ. Bis zu 120.000 EUR verdient ein Menschenhändler an einer Frau. Besonders erschreckend: Es gibt auch Frauen, die ihre Kinder und Töchter verkaufen, oft aus finanzieller Not heraus, und Familienclans aus Osteuropa, die ihre Kinder in die Prostitution zwingen.

  • Ist das für uns versteckt oder können wir etwas dagegen tun?

Man kann ein Menschenhandelsopfer nicht offen erkennen, die Frauen würden sich auch nicht so definieren. Sie sind immer beobachtet und haben Todesängste, auszusagen. Die Opfer sind sehr stark eingeschüchtert, das macht es die Verfolgung von Tätern so schwer. Körperlich und seelisch sind die Frauen und Mädchen kaputt, wenn sie es bis in die Schutzwohnung schaffen. Was hier getan werden muss, ist, die Nachfrage einzudämmen, ja, am besten abzuschaffen!


  • Wie sind Sie zu der Aufgabe bei Solwodi gekommen?

Die Frauengemeinschaften der Orden haben die Problematik des Menschenhandels international aufgegriffen. Wir Salvatorianerinnen haben in 29 Ländern, in denen wir präsent sind, Verantwortliche dafür. 2013 habe ich in Oberösterreich aktiv damit begonnen, mich gegen Menschenhandel und für würdevolles Leben zu engagieren. Mir war als ausgebildete Erwachsenenbildnerin klar, dass ich das Thema gesellschaftspolitisch einbringen muss, um ein Bewusstsein für diese grausame Wirklichkeit zu schaffen. Dass ich das als Ordensfrau und als Frau der Kirche tue, hat vielleicht eine besondere Konnotation. Ich finde, alle Menschen guten Willens müssen sich fragen: „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?“

  • Was haben Sie in den zehn Jahren Ihrer Tätigkeit verändern können?

Das Netzwerk der Mitwirkenden wächst. Ich erlebe Unterstützung, aber für manche bin ich auch ungemütlich – und das freut mich besonders. Immer wieder wird mir zurückgemeldet: das Thema wird schon anders wahrgenommen. Ich merke es an Schulen. Da gab es beispielsweise das Theaterprojekt „Kalbfleisch“. Der Titel weist darauf hin, dass die ausgebeuteten Mädchen immer jünger werden. Und Mädchen und Burschen lernen gemeinsam, sich mit dem Thema, aber auch mit der Frage auseinanderzusetzen: „Wie lernt man Liebe und Beziehung?“

Sexkauf hat mit gelebter Sexualität nichts zu tun. Das müssen junge Burschen lernen, um nicht gedankenlos zu Sexkäufern zu werden. Oder überlegen wir, wenn wir Erdbeeren im Jänner aus Sizilien importieren. Dazu gibt es Berichte, dass Menschen in der Landwirtschaft als Arbeitskräfte ausgebeutet werden. Unter Tags arbeiten die Frauen am Feld und am Abend werden sie in ihren Behausungen von Aufsehern vergewaltigt. Das passiert in der EU und das kann nicht sein! Darüber müssen wir informieren, unser Konsumverhalten überprüfen und Wirtschaft und Politik in die Pflicht nehmen.

  • Ihnen ist die Aufklärungsarbeit der Bevölkerung und in Schulen besonders wichtig.

Ja, wir müssen das herrschende Bild über das Rotlicht-Milieu verändern, in dem vorwiegend Frauen arbeiten müssen, die es nicht freiwillig tun und oft Opfer von Menschenhändlern sind. Der Freier hat in unserer Gesellschaft eine weiße Weste – als Familienvater, als Ehemann, als Chef. Das ist ein Desaster. Für die Frau ist es in den meisten Fällen Vergewaltigung, aber nicht lustvoll. Das wird aber nicht so wahrgenommen. Dadurch wird eine Frau in mehrfacher Hinsicht missbraucht.

  • Welche Forderungen haben Sie an die politischen Verantwortlichen in Österreich und in der EU?

Wir brauchen starke Vernetzungspartner. Es ist eine politische und pastorale Aufgabe, im Kampf gegen Menschenhandel, speziell gegen Frauenhandel, voran zu kommen und zusammenzuarbeiten. Wenn Menschen entrechtet werden, können wir nicht schweigen. In Österreich vermisse ich bislang noch den öffentlichen Diskurs darüber. Es braucht ein Gesetzesmodell, das verhindert, dass Frauen als Ware hierhergebracht und sexuell ausgebeutet werden – und das ganz legal.

In Österreich sind 8.000 Frauen "legal" in der Prostitution registriert, aber die Dunkelziffer scheint doppelt so hoch. Bordelle sind von staatlicher Seite gebilligt und dort findet legal Vergewaltigung statt. Denn, so empfinden es die allermeisten Frauen. Es wird derzeit nicht gefragt, wie es den Frauen geht. Es geht allein um die Befriedigung des Mannes. Auf die Frauen in Prostitution wird zugleich oft verächtlich geschaut. Zudem bleibt ihnen kaum etwas von dem Geld, das sie für ihre Zuhälter verdienen müssen.

Mehrere Initiativen fordern daher die Umsetzung des „Nordischen Modells“, das zum Ziel hat, den Menschenhandel durch Sexkaufverbot einzudämmen.
Das Modell ist vierstufig:

  1. Aufklärung, dass Frauen keine Ware sind,
  2. zweitens werden Zuhälter und Freier kriminalisiert,
  3. drittens werden die betroffenen Frauen entkriminalisiert.
  4. Und viertens werden Ausstiegshilfen angeboten.

Es ist also höchst an der Zeit, in Österreich einen öffentlichen, politischen Diskurs zur Gesetzeslage und zur Realität gegen Ausbeutung und Frauenhandel, sowie gegen Menschenhandel insgesamt zu führen.

Autor:

Sophie Lauringer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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