Tipps von der Lebensberaterin
Leben im "Corona-Alltag"

„Auch diese Krise schärft wieder unseren Blick für das Wesentliche: Was ist uns wirklich wichtig? Auf welches heutige Verhalten wollen und werden wir stolz sein? (Brigitte Ettl)
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  • „Auch diese Krise schärft wieder unseren Blick für das Wesentliche: Was ist uns wirklich wichtig? Auf welches heutige Verhalten wollen und werden wir stolz sein? (Brigitte Ettl)
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Es geht wieder los. Der Alltag hat uns wieder – zu Hause, in der Schule, in der Pfarre und in der Arbeit. Aber der Alltag wird auch noch in den kommenden Wochen und Monaten anders aussehen, als wir ihn gewohnt sind. Aber wie genau? Das kann keiner ganz genau sagen. Wie wir mit dieser Unsicherheit am besten umgehen, wie wir sie am besten aushalten und ob man ihr vielleicht sogar etwas Positives abtrotzen kann – ein Gespräch mit Psychotherapeutin und Coach Brigitte Ettl.

Kindergärten und Schulen haben unter strengen Auflagen wieder geöffnet. Pfarren versuchen so normal wie möglich, aber auch so sicher wie möglich ins neue Arbeitsjahr zu starten – Gottesdienste, Feste, Gruppenstunden, Erstkommunion- und Firmvorbereitungen inklusive. In den Büros sitzen wieder alle Kolleginnen und Kollegen – mit so viel Abstand wie möglich und trotzdem der bestmöglichen Zusammenarbeit. Keine Frage – Corona hat uns immer noch fest im Griff. Von Normalität sind wir noch weit entfernt.

Wir leben in unsicheren Zeiten und müssen uns damit abfinden, dass Manches nicht zu 100 Prozent durchgeplant werden kann.

  • Doch was bedeutet eigentlich eine Situation der Verunsicherung, der Unsicherheit, wie wir sie schon seit einiger Zeit erleben für unsere Seele? Oder anders gefragt: Wie viel Unsicherheit hält ein Mensch aus?

Grundsätzlich, so Brigitte Ettl, Psychotherapeutin und Coach im Gespräch mit dem SONNTAG, ist es so, dass es völlig unterschiedlich ist, „was Menschen überhaupt als Belastung empfinden und wieviel sie davon aushalten. Jeder Mensch ist einmalig und einzigartig - durch seine charakterliche Disposition, seine Lebensgeschichte und seine Ressourcen. Manche leben voll Optimismus und Selbstvertrauen nach der Devise: ,Geht nicht gibt’s nicht!‘.“ Für andere sei schon leichter Gegenwind, der zu minimalen Abweichungen von den bisherigen Plänen führt, eine heftige Krise, die Stressreaktionen auslöst.

Stabiles Fundament

  • Warum haben die meisten Menschen eigentlich ein so großes Bedürfnis nach Sicherheit?

„Jeder Mensch will sich - bewusst oder unbewusst – weiterentwickeln“, sagt dazu Brigitte Ettl: „Und für diese beabsichtigten Veränderungen braucht es ein stabiles Fundament: das Vertrauen in meine persönlichen Fähigkeiten, in meine Gesundheit, in mein Beziehungsnetz und in meine materiellen Rahmenbedingungen.

Wenn jetzt dieses Fundament Risse bekommt, tauchen Zweifel auf, wie sehr die Zukunft nach meinen Vorstellungen gestaltet werden kann.“ Doch auch hier sei die Bandbreite sehr groß – wie sich beispielsweise schon an der Urlaubsplanung auch vor Corona immer wieder gezeigt hätte: „Für viele ist da die Pauschalreise mit der Gruppe im Bus schon Herausforderung genug – andere packen einen kleinen Rucksack und lassen sich für Wochen durch zufällige Begegnungen und Begebenheiten in unbekannte Länder ver-führen.“

Wofür kann ich dankbar sein?

  • Gibt es Strategien, die wir entwickeln können, um mit Unsicherheiten umzugehen, ohne selbst Schaden zu nehmen?

Zuerst helfe da der Blick in die Vergangenheit, sagt Brigitte Ettl. Wie habe ich frühere Krisen bewältigt? Was hat mir damals geholfen? Diese Erfahrungen seien jetzt kostbar. „Sie machen mir bewusst, dass ich schon das nötige Rüstzeug habe, um auch die aktuellen Belastungen zu bewältigen.“

Dann gilt es, den Augenblick wahrzunehmen. Oft gibt es mehrere Lebensbereiche, die derzeit nicht von der Krise betroffen sind und die Wahrnehmung dieser Ressourcen stärkt in einer Atmosphäre der Instabilität. „Wenn ich und meine Lieben heute gesund sind, wenn wir heute in die Schule und in die Arbeit gehen können, so sind dies gute Gründe für Dankbarkeit. Und dieses Gefühl der Dankbarkeit nährt und stärkt mich, es eröffnet die Perspektive der Hoffnung, wenn ich mich zu einem späteren Zeitpunkt tatsächlich mit konkreten Folgen der Pandemie in meiner Lebensgestaltung auseinandersetzen muss.“

Hilfe, keine Bevormundung

  • Kinder und ältere, alleinstehende Menschen leiden unter der momentanen Situation besonders, so scheint es. Gibt es Möglichkeiten, ihnen die Unsicherheit zu nehmen, die jeder von uns anwenden kann?

„Gerade Kinder und ältere, alleinstehende Menschen tun sich oft sehr schwer, um Hilfe zu bitten. Im wahrsten Sinn des Wortes ,not-wendend‘ kann es hier sein, von sich aus Hilfe anzubieten“, so Brigitte Ettl: „Das hat ja im Lockdown schon sehr gut funktioniert: Alleine lebende Menschen wurden von Freunden regelmäßig angerufen, Jüngere sind für betagte Nachbarn einkaufen gegangen, Kinder haben die Nähe der Eltern erlebt. Natürlich kommt es auch hier immer auf ein gutes Maß an – Helfende brauchen hier auch viel Sensibilität, Hilfe darf nicht zu Bevormundung ausarten.“

Wichtig erscheine ihr auch, nachzufragen, die Angst anderer zu konkretisieren. „Es ist gefährlich, von meinen eigenen Ängsten auf die Unsicherheiten der anderen zu schließen. Möglicherweise plagen meine Nachbarin ganz andere Sorgen. Wenn sie die Möglichkeit hat, diese genau zu benennen - dann kann ich vielleicht die passende Ermutigung finden und oft hilft es schon, die Angst einfach zu würdigen und ehrliches Verständnis zu zeigen. Gerade jetzt gibt es ja für viele Ängste gute Gründe und sie sind alles andere als ein Ausdruck einer psychischen Erkrankung.“

Weiterentwicklung

  • Bei allem Schwierigen, was wir derzeit erleben, hat diese ungewohnte Situation auch einen Aspekt, aus dem wir für die Zukunft sogar Kraft schöpfen können?

Bestimmt, sagt dazu Brigitte Ettl: „Auch diese Krise schärft wieder unseren Blick für das Wesentliche: Was ist uns wirklich wichtig und auf welche Gewohnheiten können wir in Zukunft ohne Verluste an Werten verzichten? Persönliche Begegnungen, Umarmungen, Kulturerlebnisse, Reisen und vieles mehr haben ihre Selbstverständlichkeit verloren und sind damit kostbarer geworden. Und wenn wir schon jetzt die Zukunft vorwegnehmen: Auf welches heutige Verhalten wollen und werden wir stolz sein?

Jeder, jede einzelne und auch wir als Gesellschaft haben durch diese Pandemie die Chance zu einer bewussten und wertorientierten Weiterentwicklung.“

„Auch diese Krise schärft wieder unseren Blick für das Wesentliche: Was ist uns wirklich wichtig? Auf welches heutige Verhalten wollen und werden wir stolz sein? (Brigitte Ettl)
Dr. jur. Brigitte Ettl ist Psychotherapeutin, Wirtschaftscoach und Mediatorin.
Autor:

Andrea Harringer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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