Schutz vor Gewalt
Bis hierher und nicht weiter

Wenn sie den Eindruck haben, dass eine Frau in Gefahr ist, rufen sie die Polizei. Manchen Tätern kann man nur so Einhalt gebieten.
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12 Frauen wurden in diesem Jahr bereits in Österreich ermordet. Um weitere häusliche Gewalt zu verhindern, fordern Katholische Organisationen heute gezielte Hilfe für Opfer, aber auch für die Täter. Und – im Ernstfall – auch eine große Portion Zivilcourage von jedem Einzelnen.

Sie rechtfertigen ihre blauen Flecken damit, dass sie die Treppe hinunter gefallen oder gegen den Türstock gelaufen sind. Beschimpfungen, Abwertungen und Bedrohungen durch ihre Partner nehmen sie oft als selbstverständlichen und unabänderlichen Teil ihres Familienalltags wahr. Viele Frauen erleben Gewalt in unterschiedlichster Ausprägung in ihrer Partnerschaft und bei sich zu Hause. Aber kaum eine spricht darüber.

"Bis eine Frau tatsächlich in eine Beratungsstelle wie die unsere kommt und davon erzählt, dass sie daheim schlecht behandelt, vielleicht sogar geschlagen und misshandelt wird – das dauert eine halbe Ewigkeit", sagt Nicole Meissner, Geschäftsführerin der St. Elisabeth-Stiftung der Erzdiözese Wien, die seit vielen Jahren Schwangere und Frauen mit kleinen Kindern in Not unterstützt: "Das Paradoxe dabei: Die Frauen sind eigentlich die Opfer, schämen sich aber offensichtlich dafür, dass ihnen das passiert. Sie sehen die Schuld für die schlechte Behandlung oft bei sich selbst. Manche reden sich auch ein, dass das alles ,dazugehört‘.

Gewalt an Frauen, das sieht man an diesem Verhalten, ist immer noch ein Tabu in unserer Gesellschaft, über das man nicht redet."

Das muss keine aushalten
Um die Situation für Frauen endlich zu verbessern, brauche es deshalb nicht nur mehr Geld für einschlägige Beratungsangebote und Hilfsmaßnahmen– "obwohl das natürlich sehr wichtig ist", sagt Nicole Meissner. Darüber hinaus aber gehöre das Thema Gewalt gegen Frauen schnellstens entstigmatisiert: "Wir müssen da in der Öffentlichkeit viel mehr darüber reden, müssen Beratungsstellen besser bekannt machen.

Den betroffenen Frauen muss endlich klar werden, dass sie die Gewalt nicht erdulden, nicht aushalten müssen. Sie müssen wissen, dass es geeignete Stellen gibt, an die sie sich mit ihren Problemen wenden können und wo ihnen geholfen wird." Das beginne bei den Frauenhäusern, die in Wien ganz bestimmt Anlaufstelle Nummer 1 seien und setze sich aber bei Beratungsangeboten wie jenen der St. Elisabeth- Stiftung fort.

"Wir stehen sozusagen als Folgeeinrichtung mit unserer Familien- und Rechtsberatung und unseren Mutter-Kind-Häusern zur Verfügung und versuchen mit den betroffenen Frauen Perspektiven zu erarbeiten und gemeinsam einen möglichen Weg aus der Krise zu finden. Alles natürlich vertraulich und auf Wunsch auch anonym."

Rollenbilder aufbrechen

Aber nicht nur bei den Frauen müsse in diesem Zusammenhang angesetzt werden, ist Nicole Meissner überzeugt. Gerade mit den jenen, die gewalttätig werden müsse auch präventiv gearbeitet werden. "In unserer Familienberatungsstelle sitzen immer wieder auch Männer, denen sehr wohl bewusst ist, dass es ein Problem gibt, dass sie dieses Problem verursachen und die auch daran arbeiten wollen: Männer, die lernen wollen, ihre Frauen mit Respekt und Achtung zu behandeln. Männer, die von veralteten Rollenbildern wegkommen wollen, in denen der Mann der Starke ist, der seinen Willen mit aller Macht und – im wahrsten Sinn des Wortes – aller Gewalt durchsetzen muss."

Eine Forderung, die auch die Katholische Frauenbewegung in der vergangenen Woche einmal mehr bekräftigt hat. "Prävention kann dann gelingen, wenn Frauen gestärkt werden, "nein" zu sagen und Männer darin unterstützt werden, sich von einem patriarchalen Selbstverständnis zu verabschieden und sich zu verändern.

Männer, die sich dieser Muster bewusst werden und sie durchbrechen, laufen nicht Gefahr, auf Biegen und Brechen Dominanz zeigen zu müssen", zeigt sich Angelika Ritter- Grepl, Vorsitzende der Katholischen Frauenbewegung Österreichs, überzeugt. Die Politik müsse für die notwendigen finanziellen und infrastrukturellen Ressourcen in der Betreuung von Opfern sorgen – und das in vielen gesellschaftlichen Bereichen: in der Frauen- und Männerberatung genauso wie in der Ausbildung und Ausstattung von Polizei und Justiz, in der Kooperation mit Gewaltschutzorganisationen und auch bereits in Einrichtungen der Bildung und Erziehung von Kindern.

"Jede betroffene Frau, jedes betroffene Kind schlägt eine neue Wunde und ist Appell an unser aller Verantwortungsbewusstsein."

Hinschauen, nicht wegschauen
Und was kann jeder Einzelne tun, um Frauen vor Gewalt in den eigenen vier Wänden zu schützen? "Hinschauen, nicht wegschauen – ganz einfach", sagt Nicole Meissner. Das sei eigentlich so banal und passiere dann doch nicht immer, wenn es notwendig wäre.
"„Wenn sie den Eindruck haben, dass eine Frau zu Hause Gewalt angetan wird, seien sie für sie da, zeigen sie ihr, dass es ihnen nicht egal ist, wie es ihr geht. Versuchen sie, vielleicht auch die ganze Familie, zu einem geeigneten Zeitpunkt auf Beratungsstellen aufmerksam zu machen. Wir erleben es ja wie gesagt immer wieder, dass es manche Familien schaffen, die Probleme zu lösen.

Wenn sie den Eindruck haben, dass eine Frau in Gefahr ist, rufen sie die Polizei. Manchen Tätern kann man nur so Einhalt gebieten."

Fakten, Rat & Hilfe

▸ Erschreckende Gewaltstatistik
Jede fünfte Frau ist körperlicher und/oder sexueller Gewalt ausgesetzt und erlebt ab ihrem 15. Lebensjahr physische und/oder sexuelle Gewalt. Jede dritte Frau wird ab ihrem 15. Lebensjahr sexuell belästigt. Jede siebente Frau ist ab ihrem 15. Lebensjahr von Stalking betroffen. Darunter fallen Verfolgen, Nachstellen, penetrantes Belästigen, Bedrohen und Terrorisieren.

▸ Tatort Familie und Beziehung
Laut polizeilicher Kriminalstatistik erreichte die Zahl mit 41 Morden an Frauen 2018 einen Höchststand. Beim überwiegenden Teil der Frauenmorde bestand ein Beziehungs- oder familiäres Verhältnis zwischen Täter und Opfer. In diesem Jahr wurden bereits zwölf Frauen ermordet und fünf Mordversuche festgestellt (Stand: 6.5.2021).

▸ Betretungs- und Annäherungsverbote
2020 wurden 11.652 Betretungs- und Annäherungsverbote von der Polizei verhängt. Rund 83% der Betroffenen Opfer waren Frauen und Mädchen, ca. 90% der Gefährder waren männlich.

▸ Fluchtort „Frauenhäuser“
2020 haben 26 Frauenhäuser insgesamt 2.994Personen betreut, davon waren 1.507 Frauen und 1.487 Kinder. Im Vergleich zu den Vorjahren ist ein Rückgang zu beobachten, der auf die Covid-19-Pandemie zurückzuführen ist. Für viele betroffene Frauen war es deutlich erschwert zu flüchten, weil die Familie ständig anwesend ist, weil sie stärker der Kontrolle gewaltausübenden Partners ausgesetzt sind und weil in ländlichen Gebieten die soziale Kontrolle spürbar ist.

▸ Ansprechpartner
Frauenhäuser: aoef.at
Frauenhelpline - täglich, 24 Stunden, anonym, kostenlos und mehrsprachig: 0800222 555 und frauenhelpline.at
Hilfe bei Gewalt - Onlineberatung für Frauen und Mädchen, die von Gewalt betroffen sind, täglich,
16-22 Uhr: haltdergewalt.at

Quellen:
Autonome Österreichische Frauenhäuser/aoef.at;
Polizeiliche Kriminalstatistik
Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie;
Statistik der österreichischen Frauenhäuser;
Erhebung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte zu geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen; unwomen.at

Wenn sie den Eindruck haben, dass eine Frau in Gefahr ist, rufen sie die Polizei. Manchen Tätern kann man nur so Einhalt gebieten.
Autor:

Sophie Lauringer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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