Palmsonntag 26: Mag. Alexander Fischer
Menschen spüren, hier passiert etwas Entscheidendes
- Palmprozession 2025 in Ertl mit Pfarrmoderator Alexander Fischer.
- Foto: Franz Krendl
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Manchmal gibt es Situationen, in denen plötzlich alles anders ist als sonst. Der gewohnte Alltag wird unterbrochen. Menschen reagieren intensiver, Gefühle gehen hoch, vieles wirkt größer als gewöhnlich. Man könnte sagen: Es ist ein Ausnahmezustand.
Hoffen auf neue Zeit
Der Palmsonntag erzählt von einer solchen Situation. Die Evangelien berichten, wie Jesus in Jerusalem einzieht. Die Menschen stehen an den Straßen, sie breiten ihre Mäntel aus, sie schwenken Palmzweige und rufen: „Hosanna dem Sohn Davids!“ Die ganze Stadt scheint auf den Beinen zu sein. Auch wenn zur Zeit Jesu wohl öfter Menschen als vermeintliche Messiasgestalten nach Jerusalem gekommen sind, ist dieser Einzug in der biblischen Schilderung etwas Besonderes. Es ist, als ob die Stadt in einen Ausnahmezustand gerät. Die Menschen spüren: Hier geschieht etwas Entscheidendes. Hoffnung liegt in der Luft. Vielleicht beginnt jetzt wirklich eine neue Zeit.
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Doch dieser Ausnahmezustand hält nicht lange. Nur wenige Tage später erleben wir einen ganz anderen Ausnahmezustand, den des Karfreitags. Diesmal nicht als großes Ereignis einer ganzen Stadt, sondern als zutiefst persönliches Geschehen. Jesus, der ganz mit Gott verbunden ist, befindet sich im Todeskampf. Im Glaubensbekenntnis von Nizäa nennen wir ihn „Gott vom Gott“. Und doch hören wir aus seinem Mund den erschütternden Psalmvers: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Hier zeigt sich ein Ausnahmezustand, der bis in die tiefste menschliche Erfahrung hineinreicht: das Gefühl der Gottverlassenheit. Alles scheint anders geworden zu sein. Der Jubel von Jerusalem ist verstummt. Aus dem „Hosanna“ ist sogar „Kreuzige ihn!“ geworden.
Auch solche Ausnahmezustände kennen wir aus unserem Leben. Zeiten, in denen die Welt aus den Fugen gerät. Krankheit, Verlust, Angst oder Enttäuschung können das Gefühl hervorrufen, dass nichts mehr so ist wie vorher – und vielleicht sogar, dass Gott fern geworden ist.
Gottes Nähe ist kein flüchtiger Moment, sie ist der tragende Normalzustand unseres Lebens.
Doch die Geschichte endet nicht am Karfreitag. Ostern bringt den größten Ausnahmezustand von allen: Ein Toter lebt. Jesus steht auf vom Grab. Das, was unmöglich scheint, geschieht. Gott erweist sich stärker als Tod und Dunkelheit. Und doch ist gerade dieser Ausnahmezustand im tiefsten Sinn der eigentliche Normalzustand. Denn Jesus lebt aus der unzerstörbaren Gemeinschaft mit seinem Vater. Diese Nähe Gottes gehört zu seinem Wesen (eben als „Gott von Gott“). Durch die Auferstehung wird sichtbar: Diese Gemeinschaft kann nicht zerstört werden – nicht einmal durch den Tod. Und weil Jesus Mensch geworden ist, bleibt diese Wirklichkeit nicht nur ihm vorbehalten. Durch ihn wird dieser „Normalzustand“ auch für uns wieder eröffnet: die Nähe Gottes, die stärker ist als alles, was uns im Leben erschüttern kann.
Palmsonntag, Karfreitag und Ostern zeigen drei verschiedene Ausnahmezustände: den Jubel der Menge, die tiefste Verlassenheit und schließlich das Wunder des Lebens. Die ersten beiden gehen vorüber. Begeisterung kann kippen. Dunkelheit kann uns erschüttern. Aber Ostern zeigt: Der tiefste Grund unseres Lebens ist nicht der Ausnahmezustand, sondern die Nähe Gottes.
Darum dürfen wir, wenn unser eigenes Leben aus der Bahn gerät – in guten wie in schweren Zeiten –, darauf vertrauen: Hinter allem bleibt Gottes Wirklichkeit bestehen. Seine Nähe ist kein flüchtiger Moment. Sie ist der tragende Normalzustand unseres Lebens. Und genau deshalb gehen wir durch die Karwoche – mit dem Palmzweig in der Hand und mit der Hoffnung im Herzen, dass am Ende nicht der Ausnahmezustand des Leidens steht, sondern das Leben.
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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