Fastenserie, Teil 7
Ich rede gut über dich
- Der Ausschnitt aus einem Fresko in der Abtei von Monte Oliveto zeigt den heiligen Benedikt, wie er gerade vom Priester und dessen Helfer besucht wird. Das Gemälde wurde um 1505 von Giovanni Antonio Bazzi, genannt Sodoma, gemalt.Monte Oliveto, südlich von Siena gelegen, ist berühmt für seinen Kreuzgang. Dieser ist geschmückt mit einem Zyklus von 36 Fresken von Luca Signorelli und Sodoma. Die wandhohen Gemälde schildern das Leben des heiligen Benedikt und gelten als einer der schönsten Freskenzyklen der Renaissance.
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In der letzten Folge unserer Fastenzeit-Serie, die den neuen Werken der Barmherzigkeit gewidmet ist – wie sie der deutsche Altbischof Joachim Wanke in Anlehnung an die klassischen Werke Jesu (im Evangelium nach
Matthäus) formuliert hat – schreibt Abt Pius Maurer vom Zisterzienserstift Lilienfeld über das neue Werk
„Ich rede gut über dich“.
Der heilige Benedikt von Nursia (ca. 480-547) – das ist der Begründer des benediktinischen Mönchtums – war in seiner Jugend ein radikaler Aussteiger. Er zog sich für mehrere Monate, vielleicht sogar Jahre, in die Einsamkeit dichter Wälder zurück. Er lebte lange Zeit ganz abgeschieden von der Zivilisation. Er war so isoliert vom Leben seiner Zeitgenossen, dass er nicht einmal mitbekam, wann die einzelnen Festtage im Laufe des Jahres gefeiert wurden. In den biographischen Überlieferungen zum heiligen Benedikt heißt es: Als nun das Osterfest kam, offenbart sich Gott einem Priester, der gerade dabei war, sich ein gutes Ostermahl zuzubereiten. Gott sagte dem Priester: „Du bereitest dir hier Köstlichkeiten, und mein Diener wird dort vom Hunger gequält.“
Sofort stand der Priester auf und machte sich noch am Osterfest mit den Speisen, die er für sich zubereitet hatte, auf den Weg. Er suchte den Mann Gottes, Benedikt, in den steilen Felsen, in den Talgründen und in den Schluchten. Schließlich fand er ihn in der Höhle verborgen. Der Priester und der junge Einsiedler Benedikt beteten miteinander. Sie priesen den allmächtigen Herrn und setzten sich nieder. Nach beglückendem Gespräch über das wahre Leben sagte der Priester, der gekommen war: „Auf! Wir wollen Mahl halten, denn heute ist Ostern.“ Der Mann Gottes gab zur Antwort: „Gewiss! Es ist Ostern, denn ich durfte dich sehen.“ (vgl. 2. Buch der Dialoge, 1,6-7).
Die Begegnung mit einem fürsorgenden Mitmenschen ist wie ein persönliches Osterfest.
Aus dieser Episode im Leben des heiligen Benedikt wird deutlich: Die Begegnung mit einem fürsorgenden Mitmenschen erfährt der hl. Benedikt als sein persönliches Osterfest. Der Priester, der ihn besucht, verrichtet keine spezifisch priesterlichen Handlungen, reicht ihm nicht einmal die Kommunion, sondern bringt ihm einfach Mitmenschlichkeit entgegen. Die Begegnung mit einem Menschen ist für den heiligen Benedikt Ostern, das größte Fest, das Fest der Auferstehung. Er sieht im fürsorgenden Mitmenschen den auferstandenen Christus. Welch tiefe Wertschätzung für den Mitmenschen ist hier ausgedrückt! Die Begegnung mit einem Mitmenschen ist nie eine Selbstverständlichkeit, sondern Grund zu größter Freude.
Nicht immer einfach ...
Doch wenn wir täglich mit vielen Mitmenschen zu tun haben, ihre Launen aushalten müssen, ihre Charakterschwächen erleben, ihre Fehler immer wieder sehen, dann ist das nicht immer einfach mit der Wertschätzung und Freude an den Mitmenschen. Vielleicht kommt es sogar vor, dass wir manchmal sagen müssen: „Diesen oder diese halte ich nicht aus.“ Und über Leute, über die man sich ärgert, gut zu reden: das ist nicht einfach. Vor allem, wenn die Personen nicht anwesend sind, lässt sich leicht über sie schimpfen. Manchmal wirkt es sogar befreiend, wenn man sich über die Missstände und Schlechtigkeit anderer so richtig auslassen kann.
Es ist auch wichtig, das Negative nicht einfach unter den Teppich zu kehren. Auch Missstände müssen benannt werden. Alles muss ans Licht. Dunkelheit und Intransparenz würden Ungerechtigkeiten schnell wuchern lassen.
Jeder Mensch hat in sich die Sehnsucht, gut zu sein.
Doch trotzdem gilt: Jeder Mitmensch ist von unbeschreiblich großem Wert und einer einzigartigen Würde. Jeder Mensch hat in sich die Sehnsucht, gut zu sein. Jeder Mensch hat wertvolle Talente. Wenn wir es zulassen, so entdecken wir im Mitmenschen viel Gutes. Es kommt in hohem Maß auf die Betrachtungsweise, auf unseren Blickwinkel an. Wenn wir von uns selbst sehr eingenommen sind und gerne als unzufriedene Nörgler durch das Leben wandern, dann schauen wir schnell auf die anderen herab, ziehen über sie mit negativen Worten her und urteilen verächtlich über sie. Wenn wir dagegen selbst bescheiden und zufrieden sind, so fällt es leichter, in den Mitmenschen das Gute zu sehen, sie in ihren Stärken zu bewundern und – auch in ihrer Abwesenheit – von ihnen positiv zu sprechen.
Wenn also die negativen Dinge zur Sprache kommen müssen, so sollte daneben der Blick für das Positive des Mitmenschen nie fehlen. Wenn eine Person als nur schlecht und grauenvoll geschildert wird und keine positiven Seiten Erwähnung finden, so liegt meistens eine Einseitigkeit vor. Die Augen für das Gute, für das Positive bewirken, dass ich den Mitmenschen wertschätze, und dass ich zum Mitmenschen sagen und über ihn denken kann: Ich bewundere dich in deinen Stärken. Ich rede gut über dich, auch in deiner Abwesenheit.
Impuls: Die drei Siebe
Die christlichen Mönche haben manche Schriften und Anekdoten der griechischen Philosophen über das Mittelalter hindurch immer wieder abgeschrieben und dadurch überliefert. Im Zusammenhang mit dem Reden über die Mitmenschen ist vor allem folgende Anekdote des griechischen Philosophen Sokrates berühmt geworden:
Ein Schüler kam zu Sokrates und war voller Aufregung. „Sokrates, hast du das gehört, was dein Freund getan hat? Das muss ich dir gleich erzählen.“ „Moment mal“, unterbrach ihn der Weise. „hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?“ „Drei Siebe?“, fragte der andere voller Verwunderung. „Ja, mein Lieber, drei Siebe. Lass sehen, ob das, was du mir zu sagen hast, durch die drei Siebe hindurchgeht.
Das erste Sieb ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?“
„Nein, ich hörte es irgendwo und ...“ „So, so!
Aber sicher hast du es mit dem zweiten Sieb geprüft. Es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst – wenn es schon nicht als wahr erwiesen ist –, so doch wenigstens gut?“ Zögernd sagte der andere: „Nein, das nicht, im Gegenteil. ...“
„Aha!“, unterbrach Sokrates. „So lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden und lass uns fragen, ob es notwendig ist, mir das zu erzählen, was dich erregt?“
„Notwendig nun gerade nicht ...“ „Also“, lächelte der Weise, „wenn das, was du mir erzählen willst, weder erwiesenermaßen wahr, noch gut, noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste weder dich noch mich damit!“
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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