Sonderausstellung im Stift Göttweig
Schreiben aus dem Glauben
- Sammelhandschrift mit geistlichen Texten
- Foto: Stift Göttweig
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In der neuen Sonderausstellung des Stiftes Göttweig steht das Schreiben im Mittelpunkt: Mittelalterliche Schriftkunst wird hautnah erlebbar. Einerseits an originalen Manuskripten aus vergangenen Jahrhunderten, andererseits an anschaulichen Einblicken in den Alltag der Buchproduktion.
Die Museumssaison in Göttweig steht heuer im Zeichen mittelalterlicher Schriftkultur. Mit der Sonderausstellung „Schreiben aus dem Glauben. Das Göttweiger Skriptorium und seine Handschriften“ wird an eine Zeit erinnert, als Bücher noch von Hand hergestellt wurden und die Schreibstube, das sogenannte Skriptorium, gemeinsam mit Kirche und Bibliothek das Zentrum des Klosters bildete. Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen Handschriften, die vom 12. bis zum 15. Jahrhundert im Benediktinerstift Göttweig entstanden sind – es handelt sich um kostbare Unikate, die Kunstfertigkeit und Können der im Skriptorium tätigen Personen erkennen lassen.
Lange Geschichte
Nachdem Stift Göttweig 1083 durch Bischof Altmann von Passau (reg. 1065-1091) als Augustiner-Chorherrenstift gegründet worden war, erfolgte 1094 die Umwandlung in ein Benediktinerstift.
Gemäß der Vita Altmanni, also der Lebensbeschreibung des Stiftsgründers, wurden unter dem ersten Benediktiner-abt Hartmann I. (reg. 1094–1114) bereits Schreiber beschäftigt. Damit lässt sich für Göttweig ab dem späten 11. Jahrhundert die Existenz eines Skriptoriums belegen. Die Herstellung von Büchern war eine Grundvoraussetzung dafür, den klösterlichen Alltag nach den Geboten des Ordensgründers Benedikt von Nursia (um 480-547) zu führen. Demnach mussten Bücher in ausreichender Zahl vorhanden sein, um Gottesdienste, Stundengebet, geistliche Lesung, Tischlesung und natürlich auch die Lektüre der Regula Benedicti (Ordensregel) zu ermöglichen. Ora et labora et lege – der kontrastierende Wechsel von Gebet, Arbeit und Lesung bestimmt das Leben der Benediktiner und führt sie hin zu Gott. Die Tätigkeiten im Skriptorium, sei es als Schreiber, Illuminator oder Buchbinder, erfüllten die Mönche aus dem Glauben heraus. Das Kopieren geistlicher Schriften führte zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den Texten, das waren in Göttweig insbesondere die Bibel, Kommentare zur Bibel, Missale, Predigtliteratur, Psalter und Werke von Kirchenvätern.
Zweifellos war die Arbeit in der Schreibstube mit körperlichen Anstrengungen verbunden.
Der genaue Standort der Schreibstube ist nicht bekannt, denkbar wäre eine Lokalisierung nahe der Kirche, nämlich im Bereich des Kreuzganges. Das Skriptorium muss ein heller, mit zweckmäßigen Möbeln ausgestatteter Raum gewesen sein, in dem alle für die Buchproduktion nötigen Materialien zur Verfügung standen, insbesondere Pergament, Schreibfedern, Federmesser und Tinte. Der Göttweiger Codex 116 wurde als Exponat für die Sonderausstellung ausgewählt, weil die figürliche Initiale auf Folio 1r eine gewisse Idee davon vermittelt, wie man sich die Schreibsituation im mittelalterlichen Kloster vorstellen kann: Dargestellt ist der hl. Hieronymus, vor einem Pult auf einem Hocker sitzend. In leicht gebückter Haltung widmet er sich dem Schreiben auf Pergament, in der rechten Hand hält er den Federkiel, in der linken Hand das Federmesser, mit dem die Schreibfeder täglich immer wieder zugespitzt werden musste. Zweifellos war die Arbeit in der Schreibstube mit körperlichen Anstrengungen verbunden, erforderte sie doch über Stunden hinweg vor allem höchste Konzentration und Präzision. Die schreibenden und malenden Mönche blieben meist anonym, aus dem frühen 13. Jahrhundert kennen wir allerdings den Schreiber Eugenius, er nennt sich selbst im Codex 984 (heute Österreichische Nationalbibliothek).
Mittelalterliche Handschriften
Das Benediktinerkloster Göttweig verfügt über mehrere Bibliotheken und insgesamt rund 165.000 Bücher: Zu dieser Sammlung zählen 1.150 Handschriften, die vom 12.-18. Jahrhundert entstanden sind. Um die Erfassung und Erschließung des ältesten Handschriftenbestandes (12.-15. Jh.) kümmerte sich von 2013-2024 ein Forschungsteam der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Die unter der Leitung von Mag. Dr. Christine Glaßner gewonnenen Erkenntnisse wurden in der Datenbank manuscripta.at veröffentlicht. Im Hinblick auf das Göttweiger Skriptorium konnte festgestellt werden, dass nur ein äußerst geringer Teil der im Kloster befindlichen mittelalterlichen Handschriften vor Ort hergestellt worden ist. Codices mit der Provenienz Göttweig gelangten im Laufe der Zeit auch in auswärtige Institutionen, nämlich durch Schenkung, Verkauf oder aus nicht näher bekannten Gründen. So haben sich Göttweiger Handschriften vor allem in der Österreichischen Nationalbibliothek erhalten, unter anderem aber ebenfalls in den Klöstern Melk und Vorau und sogar in der Bibliotheca Apostolica Vaticana (Rom) und in The Morgan Library & Museum (New York).
Erstmals wird in Göttweig eine Ausstellung zum stiftseigenen Skriptorium präsentiert. Die Schau vereint Handschriften vom 12. bis zum 15. Jahrhundert. Die Zusammenstellung der Handschriften ist in dieser Form einmalig, vergleichende Betrachtungen sind möglich und Gemeinsamkeiten wie Unterschiede werden sichtbar. Die ausgewählten Handschriften sind beeindruckende Beispiele für die mittelalterliche Kunst der Buchherstellung – ergänzend wird einerseits das Handwerk mit Pergamentbögen, Schreibfedern und weiteren unverzichtbaren Materialien und Hilfsmitteln thematisiert, andererseits wird die Schreibstube selbst zum Thema, und zwar anhand nachgebauter Skriptoriumsmöbel im Kabinett des ersten Ausstellungsraumes. Mittels eines mehr als vier Meter hohen und zwei Meter breiten Fotos eines offenen Bücherschrankes, gedruckt auf einer Stoffbahn, wird außerdem Einblick in das Handschriftenzimmer gewährt, wo der gesamte Handschriftenbestand der Stiftsbibliothek Göttweig untergebracht ist.
Sehr bereichernd: die einzige erhaltene Handschrift des ehemaligen Benediktinerinnenstifts Göttweig.
Jeder der ausgestellten Codices ist für sich einmalig, beispielsweise ein Missale (Stift Vorau, Codex 303, vor 1174, Nachträge des 13. bis 15. Jahrhunderts), das prächtige Initialen und eine ganzseitige Kreuzigungsszene aufweist sowie eine Sammelhandschrift (Stift Göttweig, Codex 95 (rot), 2. Viertel 12. Jahrhundert), bestehend aus Texten von Kirchenvätern und verziert mit den für Göttweig so typischen Knollenblattranken-Initialen. Bereichert wird die Sonderausstellung noch durch die einzige erhaltene Handschrift des ehemaligen Benediktinerinnenstifts Göttweig, deren Entstehung wahrscheinlich in Zusammenhang mit dem Skriptorium der Nonnen gebracht werden kann: Es handelt sich um ein Kapiteloffiziumsbuch (Stift Altenburg, AB 15 E6 (Codex 68), 13. bis 16. Jahrhundert), das unter anderem eine deutsche Bearbeitung der Benediktinerregel enthält, die sich explizit an ein weibliches Publikum wendet – der Text nimmt auf Folio 119r seinen Anfang, hier ist eine mit Deckfarben gemalte Initiale zu erkennen, mit einer Äbtissin im Zentrum, links vermutlich der hl. Scholastika und rechts dem hl. Benedikt (darunter das Göttweig-Wappen).
Handschriftensammlungen sind verborgene Orte und die darin befindlichen Bücher wohl gehütete Schätze, die nur selten zugänglich sind. Bis Ende des Jahres ist es möglich, die Göttweiger Sonderausstellung zu besuchen und mehr zu erfahren über das Göttweiger Skriptorium und seine Handschriften.
Autorin
Mag. Dr. Angelika Kölbl kuratiert in ihrer Funktion als Ausstellungskuratorin im Stift Göttweig die Ausstellung „Schreiben aus dem Glauben“.
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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