Dirndlgwandsonntag
Was unser Leben prägt
- Mit dem Dirndl oder in Tracht zum Gottesdienst – dazu laden die Volkskultur Niederösterreich und viele Pfarren in unserer Diözese alljährlich am zweiten Sonntag im September herzlich ein.
- Foto: Margarete Jarmer
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Am 14. September ruft die Volkskultur Niederösterreich zum 17. Mal zum landesweiten Dirndlgwandsonntag auf. Im ganzen Land ist dieser Tag der Vielfalt der Tracht gewidmet: von traditionell bis modern kombiniert, von schillernd bis schlicht, von kurz bis lang. Welchen Wert die Volkskultur hat, erklärt die Volkskunde-Expertin Dorli Draxler.
Dorli Draxler gilt als „Erfinderin“ des Festtages, hinter dem mehr steckt als in schönen Kleidern in die Kirche zu gehen und gemeinsam zu feiern.
Frau Draxler, Sie haben den Dirndl-gwandsonntag ins Leben gerufen, der jedes Jahr am zweiten Sonntag im September ausgerufen wird. Wie kam es dazu?
Dorothea Draxler: Im Jahr 2008 haben wir die Initiative „Wir tragen Niederösterreich“ gestartet. Dabei ging es um das landesübliche Gewand, um die Tracht. Der damalige Landeshauptmann Erwin Pröll trat an uns heran und meinte, wir sollten die Traditionen weiterleben lassen. Der Landesanzug in seiner damaligen Form war allerdings nicht mehr zeitgemäß. Also haben Frau Tostmann, Alfons Schneider und ich uns daran gemacht, den niederösterreichischen Landesanzug zu erneuern. Das ist uns gelungen – und plötzlich hatte ihn jeder im Kasten. Damit hatten wir gar nicht gerechnet.
Was macht den niederösterreichischen Anzug aus?
Draxler: Der heutige Anzug ist dunkelblau, mit grünem Stehkragen und grünen Einfassungen – früher war das Schwarz. Auch der Schnitt wurde moderner. Es gibt Varianten mit Stehkragen, mit Quetschfalte und mit sogenanntem Dragoner.
Was genau ist ein Dragoner?
Draxler: Ein Dragoner ist eine Stoffleiste am Rücken, die in der Mitte geteilt ist. Man kann sie mit einem Knopf schließen, oder sie ist fix vernäht. Sie hält die Quetschfalte am Rücken ein wenig zusammen.
Sie haben 31 Jahre lang die Volkskultur in Niederösterreich geleitet. In den 1970er- und 1980er-Jahren hatte Volkskultur oft einen etwas angestaubten Ruf. Heute tragen viele Menschen wieder Tracht, junge Mädchen wünschen sich ein Dirndl. Wie kam es zu diesem Wandel?
Draxler: Das liegt sicher an der Qualität – des Materials, des Schnitts, der Passform und der Verarbeitung. Aber auch an der Erneuerung und der neuen Offenheit gegenüber der Tracht.
Ich selbst bin in der Steiermark mit Tracht aufgewachsen. Als ich dann in Niederösterreich zu arbeiten begann, war Volkskultur hier völlig aus der Zeit gefallen – und ideologisch belastet durch die NS-Zeit. Es gab kaum etwas, das die Nationalsozialisten nicht instrumentalisiert hatten. Besonders Tracht, Volksmusik und Volkskultur waren davon betroffen. Uns ist es gelungen, uns von dieser ideologischen Last zu befreien. Wir wollten uns diese kulturellen Ausdrucksformen nicht nehmen lassen – weder die Tracht, noch den Dialekt oder die Volksmusik. Unser Ziel war es, unbelastet in die Zukunft zu gehen.
Volkskultur ist mehr als schöne Kleidung. Auch die Musik spielt für Sie eine Rolle.
Draxler: Ja, ich mag grundsätzlich jedes Lied, bei dem ich spüre, dass es eine gute Melodieführung und einen stimmigen Text hat. Da gibt es große Unterschiede, und ich habe mich intensiv mit Text und Melodie beschäftigt.
Man kann aus Volksliedern unglaublich viel lernen – historisch, kulturgeschichtlich, geografisch, soziologisch. Früher waren sie ein Ventil, um Dinge auszudrücken, die man offiziell nicht sagen durfte. Sie begleiteten das Leben und den Jahreslauf – sie waren ein Teil des Alltags.
Was gehört noch zur Volkskultur?
Draxler: Je nachdem, wie weit man den Begriff fasst, gehört eigentlich alles dazu, was unser Leben prägt – wie wir wohnen, wie wir zur Arbeit kommen. Im engeren Sinn zählen auf jeden Fall das Handwerk und der Dialekt dazu.
Glauben Sie, dass Dialekt Identität stiftet?
Draxler: Ja, wahrscheinlich schon. Lange Zeit war es ja verpönt, Dialekt zu sprechen – alle sollten Hochdeutsch reden. Aber Dialekt ist ein wichtiger Teil unserer kulturellen Identität.
Was würde uns fehlen, wenn wir die Volkskultur nicht pflegen würden?
Draxler: Sehr viel. Vor allem die Verbindung von Alltag und Festtag. Volkskultur gibt dem Jahr Struktur – mit Werktagen, Sonntagen, kirchlichen und weltlichen Feiertagen. Auch persönliche Feste wie Geburtstage oder Hochzeiten sind davon geprägt. Ohne Volkskultur würden uns viele Rituale und Bräuche fehlen. Und obwohl sich Traditionen verändern, werden sie doch weitergetragen.
Es ist Erntedankzeit und wir sollen achtsam mit unseren Ressourcen umgehen. Sie haben mir ein Beispiel einer Schülerin gezeigt, die Stoff gefärbt hat mit Kaffeesatz. Das ist eine sehr schöne Form mit natürlichen Produkten, etwas herzustellen. Worauf sollte ich denn achten, wenn ich mir eine Tracht zulege?
Draxler: Auf die Materialien und die hochwertige Verarbeitung. Da gibt es Manufakturen, aber das kann man natürlich auch bei einer Gewerbe- oder Hobbyschneiderin beauftragen oder wenn man geschickt ist, selber lernen. Zugegeben: Das ist schon ein Weg. Ich sage immer, altersgerecht soll es sein und es muss stimmig zur Person passen. Und der gute Geschmack im übrigen, der ist auch nicht nur ganz individuell, der gehört auch geschult. So wie das Gefühlsleben auch geschult gehört. Wir sind kulturelle Wesen. Es gibt eine afrikanische Stoffdesignerin, die auch Dirndlstoffe gemacht hat. Frau Tostmann hat auch Stoffe aus Indien. Und diese Durchmischung ist eine Bereicherung und keine kulturelle Aneignung, wie das einmal das Thema war. Eine wertige Tracht hat man ein Leben lang. Das ist ja kein Verbrauchsgut. Das gibt man möglicherweise auch weiter an seine Kinder. Man kann eine Tracht, die so fein ist, so leicht verändern mit den Schürzen, Tüchern und Schmuck.
Eine Freundin aus der Steiermark hat mit ihrer Mutter einen Kurs besucht für das Stricken von Stutzen.
Draxler: Das ist auch sehr schön, wenn man das gemeinsam macht und das Wissen und Können weitergibt.
Ich sehe bei Ihnen einen Trick: Sie tragen Sneakers. Aber Sie haben Schuhbänder selber gemacht, passend zu Ihrem Kleid.
Draxler: Man kann weiße Sneakers anpassen, indem man einfach vom Dirndlstoff oder von der Schürze eine Bahn dazu abschneidet, schnell abendelt und einzieht. Also das ist so ein kleiner Trick, wie es im Alltag chic werden kann. Das Interview führte Sophie Lauringer
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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