Mein Jesus: Barmherzigkeit

Michael Triegel: "Barmherziger Jesus" - zu sehen in der Kirche St. Peter und Paul in Würzburg, Bayern. | Foto: Kerstin Schmeißer-Weiß (POW)
  • Michael Triegel: "Barmherziger Jesus" - zu sehen in der Kirche St. Peter und Paul in Würzburg, Bayern.
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Der „Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit“ ist nicht zuletzt wegen seines Urpsrungs für viele herausfordernd. Der Glaube an ein unbegreifliches Geheimnis fordert aber immer heraus.

Niemand war dabei, als Christus auferstanden ist. In der Heiligen Schrift wird nur berichtet, dass die Frauen das leere Grab gefunden haben. Aber wie die Auferstehung ausgesehen hat, der Moment. als Christus die Augen aufschlug, darüber ist uns nichts überliefert. Schob er allein den Stein zur Seite oder halfen ihm jene Engel dabei, die nachher den Frauen begegnen? Passierte es leise, unauffällig oder in großer Herrlichkeit? Warum hat Jesus sein Schweißtuch zusammengelegt und „an einer besonderen Stelle“ (Joh 20,7) abgelegt?

Es ist eine große Leerstelle, eine Ungewissheit, was in dieser „hochheiligen“ Nacht genau passiert ist. Der Glaube sagt, dass es passiert ist und dass danach nichts mehr so war wie zuvor. Die Auferstehung Jesu ist die alles verändernde Zäsur, die das Zentrum christlichen Glaubens bildet. Gerade weil sie im Zentrum steht, bleibt sie unbestimmt: Sie ist zu groß, zu bedeutend, als dass sie sich mit dem unzureichenden Werkzeug menschlicher Sprache beschreiben lassen könnte. Sie sprengt die Logik, schwappt über den Rahmen unseres Denkens hinaus. Die Auferstehung überfordert uns und mit ihr alles wofür sie steht: Das Eingreifen Gottes, die totale Hinwendung des allmächtigen Gottes zu den Menschen, die Tatsache, dass Gott nicht nur Mensch geworden ist, sondern auch als Mensch gestorben ist. Es ist unglaublich, und fordert doch, geglaubt zu werden.

Das Unglaubliche glauben

„Warum fällt es mir so schwer, wenn etwas Wunderbares räumlich und zeitlich ganz nahe an mich herankommt?“, fragte sich der deutsche Maler Michael Triegel, als er begann, an einer Neuauflage des „Barmherzigen Jesus“ zu malen. Das Original wurde auf Anweisung der polnischen Klosterschwester Maria Faustina Kawolska gemalt. Ihr soll in Visionen Jesus erschienen sein, der ihr auftrug, ihn zu malen und dieses Bild für die weltweite Verehrung zu verbreiten. Tatsächlich entwickelte sich in den Jahren nach den ersten Visionen 1933 eine rege Verehrung des Bildes – und der Seherin. Letzteres war es vor allem, was den Heiligen Stuhl 1959 dazu bewegte, die Verbreitung des Bildes zu untersagen.

Das änderte nicht viel und Papst Johannes Paul II., selbst Pole und Verehrer des „Barmherzigen Jesus“, legitimierte die Visionen, das Bild und die von Schwester Faustina geschriebenen Gebete durch die Heiligsprechung der Schwester und die Einführung des „Sonntags der göttlichen Barmherzigkeit“ am Sonntag nach Ostern.

Die Seher berichten Unglaubliches, aber dieses Unglaubliche fordert, geglaubt zu werden.

Doch bis heute haftet dem Kult ein ambivalenter Ruf an. Eine Nonne, die Jesus gesehen haben will? Freilich ist sie kein Einzelfall: In der Geschichte der Kirche gab es viele Mystiker und noch mehr Mystikerinnen, die Christus selbst in Visionen gesehen haben sollen. Ihnen wurden Botschaften für die Menschheit, für sich selbst oder bestimmte Personen anvertraut: Die Hirtenkinder von Fatima, Theresa von Avila, die Jugendlichen von Medjugorje, Bernadette Soubirous, ...

Die Seher berichten Unglaubliches, aber dieses Unglaubliche fordert, geglaubt zu werden – und es wird geglaubt: Abermillionen Menschen pilgern nach Fatima, Medjgorje und Krakau – und zum Heiligtum der göttlichen Barmherzigkeit, wo der barmherzige Jesus verehrt wird.

Kritische Geister stören sich daran, tun es vielleicht als Aberglaube oder sowieso nur als Spinnerei religiös Verblendeter ab. Die Kirche ist bei solchen Dingen immer zurückhaltend: Keiner ist verpflichtet, an die Privatoffenbarungen der Seher zu glauben.

Aber egal ob man nun daran glaubt, dass die heilige Faustina Christus gesehen hat oder nicht, so kann man sich dennoch ergreifen lassen von der Tatsache, dass so viele Menschen, unter ihnen Papst Johannes Paul II., vom barmherzigen Jesus bewegt und beeindruckt sind.

Michael Triegel bekam von einer Würzburger Pfarre den Auftrag, einen Ersatz für ein dort befindliches Exemplar der vielen, massenhaft angefertigten Kunstdrucke des „Strahlen-Jesus“ anzufertigen, das nach der Renovierung eben jener Pfarrkirche nicht mehr in den nun hellen, strahlenden Kirchenraum passte.
Zuerst lehnte er den Auftrag ab, auch weil er nichts mit diesen Visionen anfangen konnte: „Ich habe erst einmal einen Schreck bekommen, als ich von ihren Visionen gelesen habe.“ Doch nach einer Zeit der Besinnung, einer Reise nach Krakau und der Lektüre von Schwester Faustinas Tagebüchern begann er zu malen. Und was ihm gelang, war nicht weniger als eine kleine Sensation: ein Bild von solcher Tiefe und Vielschichtigkeit, dem es gelingt, dem teils umstrittenen Kult neue Aspekte abzugewinnen.

Ein vielschichtiges Bild

Da ist einmal Christus selbst. Sein Gesicht ist der hellste Punkt im Bild; es schaut dem Betrachter ruhig und unaufgeregt entgegen und doch ist es gleichzeitig verklärt, leuchtet aus sich. Es hebt sich vom schwarzen Hintergrund ab, aus dem Christus gerade herausgetreten ist. Er ist das Licht, das im größtmöglichen Gegensatz zum Dunkel steht. Aber er war auch in diesem Dunkel, im Dunkel des Todes, der Verlassenheit, der Schmähung. Davon zeugen noch die Wundmale, die er an Füßen und Händen trägt. Er ist jetzt der Auferstandene, aber er ist auch der Gekreuzigte und Gestorbene.

Gleichzeitig ist dieses Dunkel hinter ihm aber so undurchdringlich, dass es aussieht, als würde sich hinter Jesus nichts befinden, oder noch besser: das Nichts. Das Nichts kann zwei Assoziationen hervorrufen: Zum einen versteht die Theologie das Böse als ein Mangel an Sein, eine Annäherung an das Nichts. Christus zeigt sich als das im Gegensatz zu diesem Bösen Stehende, indem er in voller Plastizität und Wirklichkeit im Kontrast zum schwarzen Nichts steht. Das Nichts kann aber auch im mystischen Sinn als eine Art Platzhalter für das unaussprechliche Geheimnis dienen. Christus tritt aus diesem Geheimnis heraus und gibt diesem Geheimnis ein Gesicht, eine Greifbarkeit, die aber doch nicht gänzlich in unserer Verfügungsgewalt steht. Das zeigt seine linke Hand, die über die Seitenwunde gelegt ist. Das Herz, das Zentrum bleibt dem Betrachter verborgen, genau wie Gott letztliche dem Wissen des Menschen verborgen bleibt und sich der Anschauung verweigert, unbegreiflich bleibt.

Christi Gewand ist gefaltet, vielleicht sogar gebügelt gewesen, davon zeugen die geraden Falten. Es erinnert an das Schweißtuch, das gemäß dem Johannesevangelium ja geordnet auf der Seite im Grab lag. Gott ist kein Gott des Chaos, die Auferstehung war keine Anarchie, sondern fügt sich ein in die Schöpfungsordnung. Gott will nicht das Zerstören von Ordnung, sondern er durchdringt die Wirklichkeit mit einer neuen, alles verändernden Ordnung.

Die Gnade Gottes, die aus Christi Herz strömt, ist das radikal andere, aber es durchdringt unsere Wirklichkeit.

Der Türrahmen, aus dem Jesus tritt, ist aufgesprengt: Die Tür selbst fehlt, nur das Schloss hängt noch nutzlos am Rahmen. Gott ist der Sprenger der Ketten, der Überwinder von Grenzen. Und er ist es auf eine überwältigende Art, eine, die „Türen aus den Angeln hebt“. Das zeigt sich nochmal in der Akelei: Sie ist ein Symbol für die Dreifaltigkeit und gerade bricht sie aus dem Steinboden. Das Göttliche bricht sich Bahn, ihm sind keine Grenzen gesetzt, auch wenn es in großer Zartheit erscheint. Eine zweite Blume ist zu Jesu Füßen, die Blüte eines Klatschmohns, die für den Schlaf, den Bruder des Todes, aber auch für Hingabe und Leidenschaft steht. Tod und Hingabe hat Jesus bereits hinter sich, er schreitet an ihr vorbei auf den Betrachter zu: Für den hat er sich hingegeben. Der Schmetterling ist Symbol der Verwandlung; mit dem Tod und der Auferstehung Christi wurde die ganze Welt verwandelt.

Und dann sind da natürlich noch die Strahlen, die wesentlich zum Bild des barmherzigen Jesus dazugehören. Sie schauen dem Strahlenkranz sehr ähnlich und sie brechen mit dem Realismus des Bildes. Sie sehen wirklich aus wie aufgemalt, aber strömen doch aus der verborgenen Herzenswunde. Die Gnade Gottes, die aus Christi Herz strömt, ist das radikal andere, aber es durchdringt unsere Wirklichkeit.

Auf einem kleinen Zettel am unteren Ran steht: „Jesus, ich vertraue auf dich.“ Klein ist das menschliche Vertrauen, oft zu klein. Aber es ist wichtig, sich immer wieder aufs Neue zu sagen: Auf diesen Jesus, den barmherzigen, vertraue ich. Auch wenn ich vieles nicht sicher weiß, vieles nicht verstehe, darf ich auf Jesus vertrauen, der dem unendlichen Geheimnis ein Gesicht gegeben hat. Matthias Wunder

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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