Allersseelen
Ist alles eitel?
- Pieter Claesz: „Vanitas-Stillleben mit Spinario“ (1628). Zu sehen im Rijksmuseum in Amsterdam.
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Gerade im Herbst, wenn die Blätter fallen und uns der Gang zum Grab an unsere Verstorbenen erinnert, ist man konfrontiert mit der Vergänglichkeit des Lebens – ein ewiges Thema.
Ein leeres Glas, ein Totenschädel, eine Uhr, verlöschendes Räucherwerk, eingetrocknete Farbe auf einer Palette: Alles Bilder für die Vergänglichkeit, dafür, dass alles im Leben ein Ablaufdatum hat, eine tickende Uhr, die die Sekunden bis zu seinem Vergehen zählt. „Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, das ist alles Windhauch“ (Koh 12,8), heißt es in der Bibel und meint damit genau das: Dass alles vergänglich ist.
In der lateinischen Übersetzung der Heiligen Schrift heißt es „vanitas vanitatum“ und dieser Ausdruck, den Martin Luther nicht mit Windhauch, sondern viel direkter mit „Eitelkeit“ im Sinne von „Nichtigkeit“ übersetzte, wurde namensgebend für ein Genre oder vielmehr für einen Topos der Kunst und Malerei. Dieses Genre, uns heute besonders in Stillleben präsent, war mehr als bloßer künstlerischer Kniff, es war Ausdruck einer Geisteshaltung. Indem auf den Bildern Totenköpfe und Knochen – ganz offensichtliche Zeichen menschlichen Verfalls – mit Musikinstrumenten, Gemälden, Zeichnungen, Schriftstücken, Büchern, Herrschaftszeichen und Waffen kombiniert wurden, machten die Maler deutlich: Auch alles edle Streben des Menschen nach Wissen, Macht, Schönheit, Kunst, ist letztlich eitel, vergänglich und – vor der alles umspannenden Ewigkeit – nichtig.
Die ganze Wucht menschlichen Erdenlebens scheint sich auf diesem Bild darzustellen.
In obigem Bild fällt besonders die an den Rand des Bildes geschobene und doch präsente Statue auf, die einen Knaben darstellt. Er zieht sich einen Dorn aus der Fußsohle – für die christliche Kunst war das lange ein Bild für die Erbsünde, die uns als Dorn im Fuß den Weg zu Gott erschwert. Die ganze Wucht menschlichen Erdenlebens scheint sich auf einem solchen Bild darzustellen: Egal, was wir tun, egal wonach wir streben, auch wenn wir uns noch so sehr bemühen, etwas Bleibendes zu schaffen, letztlich bleibt nichts davon übrig.
Im Kontext ihrer Entstehung gewinnen solche Bilder eine besondere Tragik, aber sie lassen sich auch besser verstehen. Ihre Blüte erreichte die Vanitasmalerei im Barock, jenem Zeitalter, aus dem uns die prächtigen Stifte und Paläste erhalten sind, deren Prunk fast schon ein Stück Himmel auf Erden ist. Doch neben dieser Prachtentfaltung stehen in dieser Zeit auch unglaubliche Schrecken: Kriege, allen voran der Dreißigjährige Krieg, ständig wiederkehrende Pestepidemien, Leibeigenschaft, die Massen in Armut zwang. Es ist genau dieser schroffe Gegensatz, der in der Kunst jener Zeit zu seiner Geltung kommt.
Was bleibt, kommt von Gott
Doch noch mehr zeigt sich in diesen Bildern die feste Überzeugung, dass es nichts Irdisches gibt, was bleibt, und dass hingegen das Bleibende in der Welt immer nur von Gott kommen kann.
Das ist letztlich auch wesentliche Botschaft des Liedes Kohelet, das bei seiner scheinbar weltverdrossenen Aussage über die Nichtigkeit der Welt in Wahrheit nur der Rahmen für einen Aufruf ist, wahrhaftig zu leben. Und das heißt für den Propheten Kohelet, ein Leben zu führen, das nach ewigen Gütern strebt; ein Leben nicht im Schein des Vergänglichen zu leben, sondern nach jenem Licht zu streben, von dem alles Irdische nur ein Abglanz ist: Gott.
Wenn der Herbst die Blätter gold färbt, seine Stürme sie zu Boden werfen und sein nasser Boden sie verrotten lässt; wenn man am Grab seiner heimgegangenen Verwandten steht; wenn der Himmel grau verhangen ist, dann lohnt es sich nicht nur an den Windhauch und die Eitelkeit zu denken, sondern auch an die goldene Herbstsonne, die hinter der Wolkendecke verborgen ist, an die göttliche Ewigkeit, die hinter der Eitelkeit der Welt auf uns wartet. Von Matthias Wunder
Autor:Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt |
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