Kirchengeschichte
Ein Niederländer in Niederösterreich

Halbfigurenporträt vom ersten St. Pöltner Bischof Johann Heinrich von Kerens. | Foto: Museum am Dom/Seebacher.
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  • Halbfigurenporträt vom ersten St. Pöltner Bischof Johann Heinrich von Kerens.
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Johann Heinrich von Kerens war Lehrer, Reformer und kluger Verwalter. Der erste Bischof von St. Pölten feierte am 22. Mai seinen 300. Geburtstag. „Kirche bunt“ schaut auf das bewegte Leben jenes Bischofs, der bis heute die Diözese prägt.

Nach langer Vorbereitung war es am 8. Mai 1785 so weit: In die bisherige Stiftskirche der Augustiner Chorherren zu St. Pölten zog jener Geistliche ein, der fortan die Geschicke der neugegründeten Diözese im westlichen Niederösterreich lenken sollte. Es handelte sich dabei um den bisherigen Bischof von Wiener Neustadt, Johann Heinrich von Kerens. Der niederländische Ex-Jesuit Kerens hatte zu diesem Zeitpunkt bereits zahlreiche herausfordernde Ämter und Aufgaben hinter sich und daher wohl andere Pläne für sein Alter gehegt, als mit 60 Jahren die Gründung einer neuen Diözese zu bewerkstelligen.

Das bewegte Leben des Bischofs begann am 22. Mai 1725 in der niederländischen Stadt Maastricht, deren Bewohner trotz Zugehörigkeit zu den überwiegend protestantisch gewordenen Niederlanden katholisch geblieben waren. Sein Vater war ein angesehener Advokat und bekleidete eine Zeit lang auch das Amt des Bürgermeisters der Stadt Maastricht. Der junge Kerens erhielt seine Ausbildung am städtischen Jesuitenkolleg und trat im Anschluss daran dem Jesuitenorden bei. Nach seinem Noviziat und Philosophiestudium wirkte er als Lehrer am Jesuitenkolleg in Brüssel.

In der Gunst der Kaisergattin

Im Zuge des österreichischen Erbfolgekrieges mussten zahlreiche Jesuiten aus Flandern ausreisen und fanden Zuflucht in Österreich und Böhmen. So verschlug es auch Kerens 1749 nach Olmütz, wo er seine Studien vollendete und 1751 zum Priester geweiht wurde. Der Orden entsandte ihn anschließend nach Wien, um am dortigen Theresianum Französisch, Ethik und Geschichte zu unterrichten. 1760 wurde er zum Direktor des Theresianums ernannt.

Kerens stand in seiner Zeit am Theresianum in einem engen Austausch mit Erzherzogin und Kaisersgattin Maria Theresia. Diese versuchte bald, ihm einen Bischofssitz zu vermitteln. „Bereits im Jahr 1767 wandte sie sich vorsorglich an Rom, um für Kerens die Entbindung von seinen Ordensgelübden zu erwirken.“ Nach dem Tod des Bischofs von Roermond, einem Teil der Österreichischen Niederlande, 1769, schlug Maria Theresia sofort Kerens für dessen Nachfolge vor. Die Bischofsweihe empfing dieser allerdings noch in Wien, in der Kapelle „seines“ Theresianums.

In Roermond konnte und musste Kerens sich erstmals als kirchlicher Reformer beweisen: Das Bistum hatte durch die kriegerischen Wirren in der Region, allerdings auch durch innerkirchliche Richtungsstreitereien stark gelitten und war auch wirtschaftlich in einem schlechten Zustand. Kerens ging proaktiv an sein neues Amt und begann gleich damit, fast alle Pfarren der Diözese zu visitieren.

Während Kerens sich in Roermond um die desolate Diözese kümmerte, geriet seine geistliche Heimat, der Jesuitenorden, in große Bedrängnis. Auf Druck der aufgeklärten Monarchen von Portugal, Spanien, Frankreich und Parma hob Papst Clemens XIV. den Orden auf. Er konnte erst 1814 wiedererrichtet werden.
Die Aufhebung des Jesuitenordens hatte zur Folge, dass sich viele traditionell jesuitengeführte Einrichtungen gänzlich neu erfinden mussten. Dies galt auch für die österreichische Militärseelsorge, die bislang in Jesuitenhand war.

Maria Theresia schuf daher 1773 erstmals die Stelle eines österreichischen Militärbischofs und entschloss sich, dieses Amt in Personalunion dem Bischof von Wiener Neustadt zu übertragen, der als „Stadtbischof“ ohnehin nicht ausgelastet war und gleichzeitig seinen Sitz unweit der Residenzstadt hatte. Dort war soeben der amtierende Bischof verstorben, was der Erzherzogin die Möglichkeit gab, den von ihr geschätzten Kerens nach Österreich zurückzuholen und ihn zum k. k. Feldvikar und zum wirklichen geheimen Rat zu ernennen.

Zum zweiten Mal musste Kerens ein wirtschaftlich darniederliegendes Bistum sanieren.

Mit Wiener Neustadt hatte Kerens bereits zum zweiten Mal die Aufgabe erhalten, ein wirtschaftlich darniederliegendes Bistum zu sanieren. Doch waren es in diesem Fall nicht äußere Einflüsse, sondern vielmehr die Prunksucht seines Vorgängers Graf Hallweils, die dafür verantwortlich waren. Aus diesem Grund wurde Kerens vom Papst zunächst nur zum Administrator der Diözese ernannt. Erst nach Beseitigung der finanziellen Misere, zwei Jahre später, konnte er den Bischofssitz vollständig übernehmen.

Kerens hielt weiter intensiven Kontakt zur Erzherzogin, die auch immer wieder in Wiener Neustadt zu Besuch war. Aufgrund der guten Beziehungen zum Herrscherhaus gelang es ihm, einige Ex-Jesuiten in angemessenen Positionen unterzubringen. In seiner Amtszeit erneuerte er die Innenausstattung des Wiener Neustädter Domes und setzte einige Reformen des kirchlichen Lebens, wie etwa die Einführung der „Christenlehren“ für die Stadtbevölkerung, durch.

Umstrukturierungen unter Joseph II.

Einen Höhepunkt seines Wirkens erlebte Kerens im Jahr 1782: Aufgrund der staatlichen Eingriffe in das kirchliche Leben durch Kaiser Joseph II. unternahm Papst Pius VI. eine Reise nach Wien, um den Kaiser zum Einlenken zu bewegen. Als er dabei Station in Wiener Neustadt machte, stellte Joseph II. ihm „den sowohl um die Kirche als auch um das Vaterland wohlverdienten Bischof“ von Wiener Neustadt vor. Pius VI., der selbst an einem Jesuitenkolleg studiert hatte, soll darauf geantwortet haben: „Ich wundere mich nicht, denn er kommt ja aus einer guten Schule!“

Kaiser Joseph II. erhob ganz im Sinne des aufgeklärten Absolutismus einen umfassenden Herrschaftsanspruch über alle Bereiche des Lebens, auch den religiösen. So war es ihm ein Anliegen, zugleich die Diözesanverwaltung in seinem Einflussbereich neu zu regeln. Als erster Schritt wurde 1783 das bisher nur als Stadtbistum bestehende Wiener Neustadt erheblich erweitert: Von der Erzdiözese Salzburg erhielt es 46 Pfarren, von der ungarischen Diözese Raab (Győr) vier.

Schon bald wurde klar, dass die Erweiterung der Diözese Wiener Neustadt nur als Provisorium dienen würde. Der Tod des damaligen Fürstbischofs von Passau brachte für den Kaiser die Möglichkeit zur Verwirklichung eines lange gehegten Traums: die Abtrennung des österreichischen Gebiets von der Diözese Passau. Der überwiegende Teil Nieder- und Oberösterreichs war ein Jahrtausend lang kirchlich von Passau – also einem Ort außerhalb der habsburgischen Erblande – regiert worden, was mit der absolutistischen Haltung Josephs II. schwer vereinbar war.

„Ich wundere mich nicht, denn er kommt ja aus einer guten Schule!“

Rasch war klar, dass die Diözese Wiener Neustadt zugunsten einer neuen Diözese im Westen Niederösterreichs weichen musste und Kerens der Auserwählte für die Leitung des neuen Kirchensprengels sein würde. Nach einigem Hin und Her entschied man sich dafür, den Bischofssitz in St. Pölten zu errichten, wofür zuvor das dortige Augustiner-Chorherrenstift aufgelassen werden musste. Am 28. Jänner 1785 erhielt die Neuordnung ihre päpstliche Bestätigung. Mit gleichem Datum wurde auch die Diözese Linz gegründet.

Beim Aufbau der neuen Diözese half die reiche Erfahrung des Bischofs: In nur kurzer Zeit war die Diözese in Dekanate gegliedert und die Konsistorialkanzlei personell und strukturell gut ausgestattet. Auch hier schritt Kerens sogleich an die persönliche Visitation seiner neuen Diözese. Im frei gewordenen Franziskanerkloster in St. Pölten (heutiges Alumnatsgebäude in der Wiener Straße) richtete er ein Priesterseminar ein, das dort bis ins Jahr 2012 untergebracht war.

Dem Klostersturm Kaiser Josephs II. musste Kerens tatenlos zusehen. Ein eingefleischter Josephinist und obrigkeitshöriger Staatsdiener, wie ihm oft aufgrund seiner guten Beziehungen zum Kaiserhof unterstellt wurde, war er allerdings nicht. Wenn es notwendig war, scheute er auch mit dem Kaiser keine Konfrontation. Eine Beschwerde des Kaisers, dass ein vom ihm Empfohlener eine bestimmte Pfarre nicht erhalten hatte, beantwortete Kerens mit: „Eine Empfehlung ist kein Befehl.“

Heinrich Johann von Kerens starb im Jahr 1792, nach sieben Jahren an der Spitze der Diözese St. Pölten. Die von ihm gestellten Weichen prägen die Diözese bis heute wesentlich. Felix Deinhofer

Halbfigurenporträt vom ersten St. Pöltner Bischof Johann Heinrich von Kerens. | Foto: Museum am Dom/Seebacher.
Das Bischofswappen von Johann Heinrich von Kerens am Bischofstor in St. Pölten.  | Foto: Wikimedia Commons
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Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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