Gesundheit
Wie Angst entsteht …

Der Lockdown im Frühling, das Ansteigen der Infektionen jetzt im Herbst – die Corona-Pandemie löst bei vielen Menschen Unsicherheit und Angst aus. In zwei Folgen gehen wir dem Phänomen Angst auf den Grund. Teil 1:

Einsamkeit macht Angst, ebenso die Möglichkeit zu erkranken, andere anzuste­cken, den Job zu verlieren. In der Corona-Pandemie kommen viele Ängste an die Oberfläche. Aber auch sonst muss man schon sehr cool sein, um sich von weltweiten Krisen nicht beunruhigen zu lassen: Flüchtlingsdramen, Klimaerwärmung, Korruption, abgeholzte Regenwälder geben berechtigten Grund zur Sorge. Gleichzeitig weiß jeder, dass Angst und Sorge nicht weiterhelfen.
Angst hat in dem Moment eine Funktion, in dem sie dazu beiträgt, eine konkrete Gefahr abzuwenden. Doch viele Ängste haben überhaupt keine Funktion: Wir haben Angst vor Ereignissen, die aller Wahrscheinlichkeit nach nie eintreten werden. Warum ist das so?

Was uns Angst macht
Die Angst hat ihren Sitz in Gehirnregionen, die denen der Säugetiere sehr ähnlich sind, erklärt der Neurobiologe Gerald Hüther in seinem Buch „Biologie der Angst“. Unser Gehirn sei aber – im Unterschied zu Tieren – in der Lage, einschneidende Erlebnisse über lange Zeit zu speichern. Deshalb kann auch die Erinnerung – sei sie bewusst oder unbewusst – an ein erlittenes Unrecht oder eine zugefügte Kränkung zu einer immer wieder aufflammenden Belastung werden. Weil wir Menschen auch in der Lage sind, uns eine Vorstellung davon zu machen, wie das Leben abläuft bzw. ablaufen sollte, können auch jede Erschütterung dieser Vorstellung und die Sorge um mögliche Ereignisse eine „unkontrollierbare Stressreaktion“ auslösen. So habe nicht das Corona-Virus selbst Angst ausgelöst, meint der Hirnforscher, sondern die Vorstellung einer durch das Virus ausgelösten lebensbedrohlichen Erkrankung. Als soziale Wesen können wir zudem Veränderungen in sozialen Beziehungen als Stress empfinden: den Verlust einer Person ebenso wie eine dauernde Anwesenheit, zu viel Kälte ebenso wie zu viel Wärme.

Was in unserem Körper abläuft
Laut Hüther beginnt jede Angstreaktion in jenem Teil des Gehirns, der Bewertungen vornimmt: im Frontallappen, „der komplexesten Region“ des Gehirns. Wenn wir einen Unterschied wahrnehmen zwischen dem, was wir erwarten, und dem, was tatsächlich geschieht, entsteht hier eine Erregung. Wenn kein Ausweg aus der Situation gefunden wird, übernehmen die archaischen Notfallprogramme im Hirnstamm das Kommando. Es bleiben nur drei Verhaltensmöglichkeiten: Angriff, Flucht oder, wenn beides nicht geht, ohnmächtige Erstarrung. Es werden Noradrenalin und Adrenalin ausgeschüttet, der Stoffwechsel schaltet in ein Notfallprogramm um. Etwa zehn Minuten später setzt laut Hüther eine nachhaltiger wirkende Reaktionskette ein, an deren Ende massiv Cortisol freigesetzt wird. Dieses Cortisol ist dann problematisch, wenn es zu einer unkontrollierbaren, länger andauernden Stressreaktion kommt: Mögliche Folgen eines andauernd erhöhten Cortisol-Spiegels kann z. B. eine erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten sein, weil das Immunsystem unterdrückt wird.

„Ich kenne keine Angst“
So mancher behauptet, er kenne keine Angst. Angesichts der Unwägbarkeiten des Lebens gehöre Angst allerdings unweigerlich zum Leben dazu, ist Gerald Hüther überzeugt. Da helfe es nichts, den Kopf in den Sand zu stecken. Es käme auch nicht darauf an, Ängste zu überwinden, zu unterdrücken oder gar zu bekämpfen. Da gebe es weitaus geeignetere Strategien im Umgang mit der Angst.
Jede Angst, ob real oder in der Phantasie „ausgemalt“, habe eine Botschaft, so Hüther, und die laute: Such eine Lösung, kehre um, ändere dein Leben.

Über sinnvolle Wege aus der Angst lesen Sie in der nächsten Ausgabe von „Kirche bunt“.

Autor:

Patricia Harant-Schagerl aus Niederösterreich | Kirche bunt

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