Gedanken zum Evangelium: 3. Fastensonntag
Warum? Oder: Warum nicht?!

Geduld zahlt sich aus. | Foto: iStock/okugawa

Die Frage nach dem Warum angesichts des Leides ist weit verbreitet. Noch verbreiteter sind Antworten darauf. Als den biblischen Ijob unverschuldet zahlreiche Unglücksschläge ereilen,  sind seine Freunde sofort mit Erklärungen über den Grund seines Leides zur Stelle.  Auch im heutigen Evangelium reagiert Jesus auf ähnliche Tendenzen.

Warum ist es eigentlich so wichtig, für das Leid anderer immer eine Erklärung zu finden?

Meine Theorie dazu lautet: weil man sich damit hervorragend distanzieren kann. Denn ich suche damit unbewusst etwas, was mich von dem Leidenden unterscheidet: Essgewohnheiten, Rauchen, moralisches Verhalten … Denn dieser Unterschied gibt mir die befriedigende Sicherheit, dass mich dessen Unheil nicht auch treffen wird. Ich erkläre also das Leid des anderen so lange, bis ich mich davor sicher fühle.

Und genau diese schöne, beruhigende Taktik weist Jesus schroff zurück. Es klingt fast unwirsch, wenn er statt beruhigender Distanz beängstigende Gemeinsamkeiten zwischen den von Unheil Betroffenen und den Nicht-Betroffenen erzeugt: Alle sind gleichermaßen schuldig geworden. Nur weil Gott so geduldig ist – noch! –, hat es nicht längst schon alle getroffen. Wer jetzt noch davongekommen ist, kann sich daher noch lange nicht in Sicherheit wiegen. Statt zu beruhigen, kontert Jesus also mit Drohen.

Und er dreht dabei die Fragestellung um: Nicht das Leid ist erklärungsbedürftig, sondern das Fehlen von Leid. Die Frage lautet nicht: „Warum?“, sondern: „Warum nicht ihr auch?“ Und die Antwort auf diese provokante Frage ist mindestens genauso provokant: „Sicher nicht, weil ihr besser seid.“

Das ist keine Antwort auf die Frage nach dem Leid. Es ist aber eine Antwort auf das Wegerklären von Leid und auf zu große Selbstzufriedenheit. Jesus scheint zu sagen: Verschwende deine Zeit nicht mit Überlegungen zur Schuld oder Unschuld anderer. Nütz lieber die Zeit, wo Gott noch Geduld hat, und schau jetzt, in diesem Augenblick, was du besser machen kannst.

Autor:

Elisabeth Birnbaum aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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