Gedanken zum Evangelium: 4. Adventsonntag
Kulturwandel

Matthäus 1, 18-24

Geschichte und Traditionen sind oft einseitig geprägt. Die Bibel erzählt, wie Menschen sich von Gott in ein anderes Denken, eine veränderte Kultur führen lassen. Das könnte für unsere Kirche, unsere Pfarren und Gemeinschaften Mut zu Neuem machen.

Matthäus schreibt für Menschen, die von ihrem Denken und Empfinden in der jüdischen Tradition des 1. Jahrhunderts beheimatet sind. An den Anfang des Evangeliums stellt er einen Stammbaum Jesu. Er will damit deutlich machen, dass der, um den es in seinem Evangelium geht, in der Geschichte des Volkes Israel verwurzelt ist. Das heutige Evangelium schließt den Stammbaum Jesu ab. Wir finden in den ersten Versen des Matthäusevangeliums eine lange Liste von Männern, die die ganze Geschichte des Volkes Israel mit ihren Höhen und Tiefen repräsentieren. Könige, die als ideale Herrscher hochstilisiert werden, Männer, die sich beliebig fremder Frauen bedienen und Kriegsherrn. Menschen, die achtsam auf das Wort Gottes hören und solche, die ihre eigenen Interessen verfolgen. Wer genauer hinschaut entdeckt, dass mitunter in ein und derselben Person unterschiedliche Aspekte zum Vorschein kommen. Matthäus ist ein Kind seiner Zeit und bezieht sich auf eine Geschichte, die stark von Männern geprägt und wahrgenommen wird. Aber er nennt einige Frauen. Sie alle verbindet, dass sie nicht den üblichen Idealvorstellungen entsprechen. Tamar verführt als Dirne ihren Schwiegervater, Rut ist eine Ausländerin und die „Frau des Urija“ hat sich der König David aus Lust erregt in den Palast holen lassen.

In der Logik des Matthäus setzt Maria diese Unregelmäßigkeiten fort. Der Engel offenbart dem Josef, dass sie ihr Kind durch besondere göttliche Initiative empfängt. Dadurch wird wiederum die übliche Logik durchbrochen. Der Stammbaum Jesu erzählt mir, dass Dunkles, Sündhaftes, Mühsames zur Geschichte des Volkes Gottes, zur Geschichte der Kirche, zu meiner eigenen Geschichte gehört. Indem die Bibel diese dunklen Erfahrungen beim Namen nennt, öffnet sie die Tür, dass sie nicht das letzte Wort haben. In der Schilderung des Matthäus bringen die Frauen im Stammbaum Jesu bis hin zu Maria zum Ausdruck, dass Gott in der Lage ist, schlechte Gewohnheiten, engherziges Machtdenken und andere Formen von Unkultur zu durchbrechen. Er tut es, indem er sich in dem kleinen Kind, dem „Gott mit uns“, auf unser Leben, auf unsere Geschichte, auf die Realität unserer Kirche, unserer Pfarren und Gemeinschaften einlässt, um die Tür zu öffnen, dass nicht in Ewigkeit alles so bleiben muss, wie es ist. Josef lässt sich auf diese andere Logik, auf diesen Kulturwandel ein und gibt Gott eine Chance. Eine tolle Perspektive für unser eigenes Leben und für so manches, was in Kirche, Pfarren und Gemeinschaften zu einer anscheinend unverrückten Gewohnheit geworden ist.

Autor:

Markus Beranek aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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