Gedanken zum Evangelium: 1. Adventsonntag
Aufwachen!


Matthäus 24, 37-44

Ich staune immer wieder über die gekonnte Dramaturgie der Leseordnung im Advent. Am ersten Adventsonntag wird einmal alles ordentlich durchgerüttelt. Da ist nichts zu spüren von wohlig-gemütlicher Vorfreude. Und es wird auch schnell klar: Wir erwarten im Advent nicht einfach die Geburt eines Kindes, sondern das Kommen des Menschensohnes. Und das hat nichts mit Idylle zu tun.

Am ersten Adventsonntag beginnt das neue Kirchenjahr. Und der Jahresregent der Leseordnung, der Evangelist Matthäus, geht gleich zum Antritt seiner „Herrschaf‘t“ zur Sache.

Dass es hier um Wachsamkeit geht, wird schnell klar. Aber die Details sind mehr als beunruhigend.

Ich bleibe zuerst einmal beim ersten Beispiel hängen: am Beispiel mit der Sintfl‹ut. Ich gebe zu, dass ich mir nie Gedanken gemacht habe, was die Menschen gerade getan haben könnten, als die Flut losbrach. Von der Sint‹fluterzählung in Gen 6–9 selbst wäre mir dieser Aspekt gar nicht in den Sinn gekommen: Dort werden die Menschen einfach als gewalttätig und böse dargestellt. Kein weiterer Gedanke an sie ist nötig. Aber so tun sie mir unwillkürlich leid. Das ist wie in Filmen: Je eindimensionaler jemand als bösartig charakterisiert wird, desto weniger Probleme haben wir mit seinem Tod.

So aber wird meine Sicherheit erschüttert: Ob ich wirklich so viel anders bin als diese Menschen? Gerade weil es hier nicht um ihre moralischen Vergehen geht, sondern um ihre gewöhnlichen Lebensvollzüge.

Die nächsten Aussagen verstärken das noch: Die beiden Männer und die beiden Frauen tun genau dasselbe. Und trotzdem ist ihr Schicksal konträr. Und ich beginne mich unwohl zu ‘ühlen: Woher weiß ich denn, zu welcher Gruppe ich mich zählen darf?

Das letzte Beispiel ist dann vollends verstörend: Zum einen bringt es mich in Verlegenheit: Der Herr des Hauses kann nicht wach bleiben, weil er ja nicht weiß, wann der Dieb kommt. Ich aber soll gerade deshalb wach bleiben, weil ich nicht weiß, wann der Menschensohn kommt. Fordert man da nicht das Unmögliche von mir? Und noch prekärer: Sintfl‹ut und Einbruch werden mit dem Kommen des Menschensohns verglichen: Ist also das Kommen des Menschensohns so schrecklich und katastrophal, dass ich es lieber verhindern wollen würde?

Meiner Meinung will der Text ganz bewusst diese innere Verunsicherung bewirken. Er will das Unerwartete,
Unvorstellbare, Hereinbrechende verdeutlichen, mit dem wir zwar rechnen müssen, aber das wir nicht berechnen können. Und uns die Dringlichkeit vor Augen stellen, aus unserer Zuckerguss-Hirtenromantik-Weihnachtspunsch-Idylle aufzuwachen. Vorbereitung ja, aber nicht auf das Ende einer Schwangerschaf‘t, sondern auf das Ende der Welt.

Autor:

Elisabeth Birnbaum aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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