Buchtipp: Stilles Venedig
Kleine Tour in die leere Lagunenstadt

In diesem Jahr ist alles anders: Still liegen die sonst von Touristen überquellenden Brücken, Gassen und Plätze der Lagunenstadt. (im Bild: Venedigs „Gründungskirche" San Giacomo.) | Foto: Danielle u. Luc Carton
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  • In diesem Jahr ist alles anders: Still liegen die sonst von Touristen überquellenden Brücken, Gassen und Plätze der Lagunenstadt. (im Bild: Venedigs „Gründungskirche" San Giacomo.)
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Schon im Frühjahr 2020 präsentierte sich Venedig aufgrund der Corona-Pandemie so menschenleer wie nie zuvor. Das Fotografenpaar Danielle und Luc Carton hielt diese Zeit des Lockdowns in der Lagunenstadt in Bildern fest.

Die Gründung Venedigs jährt sich im März zum 1.600. Mal. Mit Kunsthistoriker Gregor Bernhart-Königstein besuchen wir im Geiste die Serenissima, die schon so manche Epidemie überstanden hat, wie er uns erzählt.

Der Karneval in Venedig mit seinen berühmten Masken und Kostümen, artistischen Darbietungen und Feuerwerken würde in diesen Tagen normalerweise seinen Höhepunkt erreichen und zahlreiche Besucher in die Stadt locken. Doch in diesem Jahr ist alles anders: Still liegen die sonst von Touristen überquellenden Brücken, Gassen und Plätze der Lagunenstadt, auf den Kanälen sind kaum Boote unterwegs.

Schon während des ersten Lockdowns durch die Coronavirus-Pandemie im Frühjahr 2020 präsentierte sich Venedig so menschenleer wie vermutlich nie zuvor. Norditalien wurde von der Seuche schwer erschüttert. „Geschlossene Geschäfte, heruntergelassene Rollläden, leere Straßen, Kanäle wie Spiegel, die durch nichts durchbrochen werden, völlige Stille“, schildert das Fotografenpaar Danielle und Luc Carton, das seit 2005 in der Serenissima lebt. Es begann die zum Stillstand gekommene Touristenmetropole auf Fotos festzuhalten – zu sehen im Fotoband „Stilles Venedig“.

Venedig, einzigartige Schatzkiste des Christentums und über Jahrhunderte Knotenpunkt zur Welt, begeht am 25. März das 1.600. Jahr seiner Gründung. Mit Gregor Bernhart-Königstein, Dozent für Kirchliche Kunst an der Hochschule Heiligenkreuz, schauen wir im Geiste an die Obere Adria und begeben uns mit den frühlingshaft angehauchten Fotos von Danielle und Luc Carton auf die Piazza San Marco und an den Canal Grande.


Italienisches Flair und Altösterreich

„Wenn der Wiener für eine ,Petit Tour‘ gerne nach Venedig fährt, dann, weil es für ihn wie Triest in ein paar Stunden erreichbar ist, volles italienisches Flair bietet und zugleich eine Reise in die Vergangenheit Altösterreichs bedeutet“, sagt Kunsthistoriker Gregor Bernhart-Königstein dem SONNTAG. Besonders der direkt an der Rialtobrücke gelegene „Fondaco dei Tedeschi“, das Handelshaus der Deutschen, aus der Epoche der Renaissance würde die Deutschsprachigen mit den Venezianern verbinden. „Er erinnert uns außerdem an den von den Wienern nicht nur museal eingemeindeten Nürnberger Albrecht Dürer, der Venedig zweimal bereiste, und sich nur ,dort als Mensch und daheim als Bettler‘ fühlte“, erläutert der Kunst-Experte. Die deutsche Kaufmannschaft habe bei Dürer einst für die Kirche San Bartolomeo das Altargemälde „Rosenkranzfest“ bestellt (heute in Prag).

Als Gründungsdatum der Stadt Venedig gilt der 25. März 421 mit der Kirche San Giacomo auf der Inselgruppe Rialto. „Die römische Bevölkerung flüchtete im fünften Jahrhundert aus den schon vorchristlich gegründeten Städten des Umlandes wie Altino vor den Hunnen. Auf den Inseln der Lagune von Venedig schlugen sie Pfosten in Baumeslänge senkrecht in den Boden. So müsste man wohl für die Gründungskirche San Giacomo eigentlich von einer ,Grundpfostenlegung‘ sprechen, wären bis heute nicht Zweifel angebracht, dass es sich bei der Gründungslegende von Venedig um eine Erfindung der Renaissance handelt“, erläutert Gregor Bernhart-Königstein.

Venedigs kulturelle Schätze
Allein im historischen Zentrum gibt es heute 90 Kirchen. „Die vielen gotischen, byzantinischen und barocken Kirchen, allen voran der Markusdom mit seinen imposanten Kuppeln und dem berühmten Himmelfahrtsmosaik waren in den Lockdowns regelmäßig geschlossen – auch Tizians berühmte Madonna der Himmelfahrt in der Frari-Kirche durfte nicht erlösend betrachtet werden“, bedauert Bernhart-Königstein. Venedigs berühmte Museen, „allen voran die Accademia, mit ihrer bis heute nicht geklärten schwülen ,La Tempesta‘ von Giorgione, das Guggenheim, die wieder etablierte Antikensammlung im Palazzo Grimani oder ganz neuerdings das Ozeanmuseum von Francesca von Habsburg“ öffnen derzeit nur langsam ihre Pforten.

Pest, Cholera und Corona
Venedig war immer wieder Inspirationsquelle für Künstler und Komponisten, vor allem für Schriftsteller von Shakespeare bis Thomas Mann. In Manns Novelle „Tod in Venedig“ wird die Lagunenstadt von der Cholera heimgesucht. Venedig wurde in der Vergangenheit auch von der Pest mehrfach schwer getroffen. „Ja, die Pestärzte mit den langen Nasen dürften in den 30 oft sehr letalen Pestwellen der Stadt zumindest im Frühjahr kaum aufgefallen sein. So war Venedig das Einfallstor für viele Pandemien Europas. Mal sehen, welche Erneuerung in der Maskenmode der Fasching in Venedig auch für uns bringen wird. Ein FFP2-Maskenmodell mit langer Nase, namens Scaramouche?“, fragt sich Gregor Bernhart-Königstein.

Nicht nur Krankheiten, auch das Hochwasser war und ist eine regelmäßige Bedrohung besonders für die Kirchen der Stadt. „Obwohl keine Masse von Touristen das Plateau der Stadt hinuntergedrückt hat, war Venedig leider im Dezember wieder Opfer seines Acqua Altas, das sich diesmal ganz frei über den Markusplatz in den Markusdom ergießen konnte“, schildert Gregor Bernhart-Königstein. Das neue Dammsystem mit dem biblischen Namen „Mose", das diesen Winter als „deus ex machina“ zum ersten Mal zum Einsatz hätte kommen sollen, hatte in der menschlichen Bedienung „wohl wegen Kurzarbeit“ noch Anlaufschwierigkeiten und wurde zu spät hochgefahren, vermutet er. „Doch zumindest von der ,touristischen Heuschreckenplage‘ ist Venedig diese Saison verschont geblieben. Denn außer der heimischen Bevölkerung bekommt niemand nasse Füße.“

Ohne Touristengewühl, hochhausartige Kreuzfahrtschiffe und Souvenirläden mit Waren „Made in China“ zeigt die Serenissima ein anderes, von vielen lange vermisstes Gesicht. „Darf man sich überhaupt an einer leeren Stadt erfreuen oder muss man nicht vielmehr stets die pandemischen Voraussetzungen mitdenken?“, fragt Hochschuldozent Gregor Bernhart-Königstein.

Als Wiener fühlt sich der Experte für Kirchliche Kunst und Buchautor im Café Florian auf der Piazza San Marco bei Kaffee und Zeitung wohl. Er hofft, dass die legendäre Gaststätte und ihr Wirt Marco Paolini trotz der wirtschaftlich so bedrohlichen Situation das 300-jährige Jubiläum des Cafés feiern werden. „So richtig können wir uns an ein menschenleeres Venedig eben nicht gewöhnen“, findet der Kunstexperte und betrachtet die Fotos aus dem Buch „Stilles Venedig“.

Er resümiert: „Der Band ist noch eine Momentaufnahme, und wenn man es einmal auch hier gesehen hat, was überraschend ist und die Bibliothek bereichert, sollte es bald Vergangenheit sein, denn niemand, und schon gar nicht die Venezianer nährt die Schönheit allein.“

Autor:

Agathe Lauber-Gansterer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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