Zum Tag des geweihten Lebens
Seid Zeugen der Auferstehung und nicht des Weltuntergangs

P. Gerwin Komma SJ: "Ich glaube, die Orden haben einen Riecher für die Nöte der Zeit und sie stellen sich ihr, um Dinge durchzusetzen."
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  • P. Gerwin Komma SJ: "Ich glaube, die Orden haben einen Riecher für die Nöte der Zeit und sie stellen sich ihr, um Dinge durchzusetzen."
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Seit drei Jahren zeichnet Jesuitenpater Gerwin Komma für die Orden in der Erzdiözese Wien als Bischofsvikar verantwortlich. Der SONNTAG hat ihn zu Aufgaben und Herausforderungen befragt, gerade auch in Zeiten des Lockdown.

In der Erzdiözese Wien gibt es 57 Ordensgemeinschaften mit 579 Ordensmännern. Bei den weiblichen Ordensgemeinschaften sind es 48 mit 886 Schwestern. Dazu kommen die Mitglieder der sieben Säkularinstitute mit 43 Mitgliedern. Während Ordensmänner in rund der Hälfte der Pfarren in der Erzdiözese Wien als Priester tätig sind, arbeiten die Ordensfrauen neben ihrem ehrenamtlichen Seelsorgedienst vor allem in Schulen, Krankenhäusern und im Sozialbereich.

Zu den Aufgaben der Orden hat der SONNTAG den verantwortlichen Bischofsvikar und Jesuiten Gerwin Komma befragt:

  • Zahlen alleine sagen noch nichts über die Realpräsenz bzw. die Wirksamkeit der Ordensleute aus. Es gibt ja den vielfältigen Einsatz im Bereich der Bildung und im Gesundheitsbereich?

Bischofsvikar Gerwin Komma: Das stimmt, wir haben 76 von Orden betriebene Schulen mit 18.000 Schülerinnen und Schülern. Weiters betreuen wir rund 3.000 Kinder in Kindergärten und Horten. Der Hochschulbereich ist bekannt durch das Stift Heiligenkreuz. Dazu kommen sieben Ordenskrankenhäuser in Wien. Diese decken ein Fünftel der Wiener Spitalsbetten ab. Dazu kommen noch Alten- und Pflegeeinrichtungen, die von Ordensleuten betrieben werden. Sicher ist die Anzahl der dort hauptamtlich tätigen Schwestern oder Brüder im Verhältnis zum Personalstand gering, aber diese Einrichtungen sind vom Geist der Orden getragen.

  • Welche Bedeutung hat die Arbeit der Ordenskrankenhäuer jetzt in der Pandemie?

Der Wiener Gesundheitsstadtrat Peter Hacker weiß, was er an den Ordensspitälern hat. Mit dem Krankenhausverbund sind diese gut vernetzt, und ohne die Ordensspitäler wären die nötigen Kapazitäten sicher nicht allein durch die Häuser der öffentlichen Hand erreichbar.

  • Das Motto der Pontifikalvesper zum „Tag des geweihten Lebens“ lautet: „Dann werden sie dem Herrn die richtigen Opfer darbringen“. Es kommt vom biblischen Propheten Maleachi. Wie ist das zu verstehen?

Wir haben hier einen etwas provokativen Text ausgewählt, aber es ist ein theologischer Text. Dieser Bote, der sozusagen zu den letzten zwölf Prophetenboten gehört, markiert den Übergang in das Neue Testament mit den Bezügen von Elias bis hin zum Kommen des Messias. Dort werden das damalige Volk und die Priester in recht dramatischen Diskussionsworten mit der Wirklichkeit konfrontiert, die hauptsächlich im Kontext des gottesdienstlichen, aber auch des gemeinschaftlichen Lebens erfahrbar ist. Da werden die Themen von Segen, Gabe und Gerechtigkeit behandelt. Der Segen ist dem Volk Israel gewiss. Das wird hier eindeutig ausgesprochen.

  • Welche Anregungen und Wünsche möchten Sie anlässlich des „Tags des geweihten Lebens“ den Menschen, die diese Lebensform gewählt haben, mitgeben?

Ein Wort aus dem Hebräerbrief: „Voll Leben und Kraft ist Gottes Wort.“ Im vierten Kapitel heißt es: „Es richtet über die Gedanken, die Regungen des Herzens.“ Dieses Wort Gottes wirklich ernst in das Leben hineinzunehmen und auch den Mut zu haben, es freimütig zu verkünden, das halte ich für wichtig. Weiters angesichts der Realität: „Seid Zeugen der Auferstehung und nicht des Weltuntergangs.“

Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass wir die Realität auch wahrnehmen und wissen, dass Gott in dieser Welt Mensch geworden ist und wir uns in dieser Welt als entsprechende Menschen auch zu verhalten haben, geschwisterlich miteinander zu wirken haben. Und all das im Sinne des ignatianischen Dreischritts: weltzugewandt, unterscheiden und entscheiden. Und alles zur größeren Ehre Gottes und nicht nur zur Befriedigung der eigenen Interessen und der Befindlichkeit.

  • Wozu sind Orden eigentlich entstanden?

Das ist eine provokative Frage. Orden sind entstanden, um auf Gott und die Verwirklichung seines Reiches hin zu leben, die Sehnsucht, aus dem Geist des Evangeliums heraus ins Leben umzusetzen, Jesus nachzufolgen und auch seine Botschaft von Liebe und Barmherzigkeit nicht nur zu verkünden, sondern auch zu leben und zwar ganz bewusst zurück in Gemeinschaft. Diese Sehnsucht lebt, und je besser dem Heil der Menschen gedient wird, desto heilsamer wird die Präsenz von Ordensleuten. Dem Leben aufhelfen in verschiedenster Weise. Ich glaube, die Orden haben einen Riecher für die Nöte der Zeit und sie stellen sich ihr mit persönlichem und auch oft genug politischem Einsatz, um Dinge durchzusetzen.

  • Wie können Orden heute Mut machen?

Sie machen Mut, wo sie der Freude Gottes Raum geben und diese auch vermitteln können. Dort, wo sie sich der Menschen solidarisch annehmen, und zwar in allen Bereichen, in allen Situationen unseres Lebens. Dort, wo sie deren Not erkennen, diese ernst nehmen, und letztlich neu immer wieder ins Leben aufbrechen. Da braucht es sozusagen noch den Mut, sich mit der Wirklichkeit zu konfrontieren.

  • Wie erschwert der Lockdown die Tätigkeit von Orden?

Dieser setzt Grenzen, kann aber den Einsatz von Ordensleuten nicht verhindern. Viele gehen ihrem Beruf nach. Die kontemplativen Orden bleiben ohnehin in ihren Gemeinschaften. Und freilich, wenn ich daran denke, dass ich vor kurzem eine gute alte Freundin besucht habe im Haus der Barmherzigkeit, oder wenn man Besuche in Altersheimen machen möchte, dann kommt man an Grenzen, weil es Besuchsordnungen gibt und man warten muss, bis man überhaupt reinkommt. Da gibt es deutliche Einschränkungen, nicht nur im Gottesdienstbereich, sondern im pastoralen Alltag.

  • Viele Orden werden kleiner, einige haben regen Zulauf, wie ist das zu erklären?

Das ist schwer zu sagen. Die Gegebenheiten der Weltkirche sind jedenfalls sehr verschieden. Gott sei Dank haben unsere Sozialsysteme mindestens so viel von uns Christen gelernt, dass es heute die entsprechenden Berufsmöglichkeiten auch gibt, ohne in einen Orden eintreten zu müssen. Säkularisierung hat ja durchaus auch seine positiven Nebeneffekte und fordert uns als Christen erneut heraus zu schauen, wo heute die größte Not ist. Wenn wir unseren Blick über Europa hinaus weiten, dann merken wir, dass es blühende Orden gibt. Bei uns in Europa momentan leider nur sehr vereinzelt.

  • Warum sind die Orden mehr als bloße Helfer des Bischofs, sondern eine Bereicherung der spirituellen Landkarte einer Erzdiözese?

Weil sie nicht dem Drang des noch mehr, sondern ihrer Berufung und ihrer Sendung folgen. Jede Gemeinschaft ist mit ihrem Charisma sozusagen im Dienst der Sendung Christi, vereint mit dem Bischof. Bei dem hohen Anteil an Ordensleuten in unserer Erzdiözese und deren Präsenz in der Pastoral bzw. den verschiedensten Bereichen der Mitverantwortung und Leitung, stehen wir alle gemeinsam vor den uns herausfordernden Fragen. Die Freude an Gott ist unser aller Heil. Und „variatio delectat“: Abwechslung macht Freude. Die vielen Ordensgemeinschaften tragen dazu bei.

Schauen Sie sich die Kirchentürme an, wenn Sie durch die Innenstadt gehen. Wie viele verschiedene Gemeinschaften leben hier und tragen dazu bei, dass die Erzdiözese Wien einen ganz unverwechselbaren Charakter hat.

P. Gerwin Komma SJ: "Ich glaube, die Orden haben einen Riecher für die Nöte der Zeit und sie stellen sich ihr, um Dinge durchzusetzen."
P. Gerwin Komma SJ
Autor:

Stefan Hauser aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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