Mitten im Glauben - Interview mit Helmut Krätzl
Kirche war immer Treffpunkt

Helmut Krätzl: "Die Kirche muss immer auf Zukunft ausgerichtet sein".
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Die Kirche hat viele Aufgaben und sie hat neue Aufgaben. Der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl nennt diese Dinge beim Namen. Im SONNTAG-Interview erläutert er seine anhaltende Freude am Glauben, er erinnert an die starke Stimme der Frauen in der Kirche und er erklärt, warum er auf die Jugend setzt.

Im Oktober wird Weihbischof Helmut Krätzl seinen 90. Geburtstag feiern. Der SONNTAG besuchte den Weihbischof in seiner Wiener Wohnung zu einem Gespräch zum Thema „Kirche“, zu dem sich der Weihbischof in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder klar und deutlich geäußert hat.

  • Sie werden heuer, am 23. Oktober, 90 Jahre alt. Über was freuen Sie sich gegenwärtig besonders?

HELMUT KRÄTZL: Über alles, was mir gelungen ist in diesen bald neunzig Jahren. Beispielsweise das Gespräch mit den Menschen, die Bücher, die ich schreiben konnte, die vielen Firmungen. Ich glaube, ich habe einige tausend Jugendliche gefirmt, Burschen und Mädchen.

  • Sie sprachen und schrieben viel über Ihre neue Freude an der Kirche. Wie haben Sie sich diese Freude an der Kirche bis heute bewahrt?

Indem ich in meiner Aufgabe als Bischof immer wieder Kirche verkündigt und dabei versucht habe, meine eigene Freude an der Kirche anderen mitzuteilen, vor allem den Firmkandidatinnen und -kandidaten.

  • Gibt unsere Kirche gegenwärtig auch genug Anlass zur Freude?

In einer neuen Weise schon wieder, weil gerade durch die Pandemie die Kirche eine neue Aufgabe bekommen hat, etwa als Verbindung zu den Einsamen. Ich sage immer gern: Nach außen ist die Distanz wohl verordnet worden. Aber die Kirche war immer noch der Ort, wo sich die Menschen gefunden haben, nicht zuletzt zum gemeinsamen Gebet. Und die neuen Möglichkeiten der Technik haben es ermöglicht, auch Gottesdienste zu Hause zu feiern und virtuelle Gespräche zu führen.

Ich glaube, die Kirche ist auch jene Kraft, die noch immer den sozialen Ausgleich schafft zwischen den Bedürftigen und den weniger Bedürftigen, zwischen den Arbeitslosen, denen, die Arbeit suchen und denen, die Arbeit haben. Die Kirche hat hier eine neue Aufgabe bekommen, die zunächst einmal weniger religiös ausschaut, aber ganz wichtig ist für die Menschen, um mit dieser schweren Prüfung der Pandemie persönlich fertig zu werden. In der eigenen Familie und darüber hinaus.

  • Manche leiden auch an unserer Kirche, besonders Frauen. Was sagen, was raten Sie jenen, die an der Kirche leiden?

Erstens ist es wichtig, dass nicht nur das Negative aufgezeigt wird, sondern dass auf die vielen starken Frauen hingewiesen wird, die die Kirche hat und immer gehabt hat. Damit das Negative, das es auch gibt und das natürlich zu verurteilen ist, doch zahlenmäßig geringer wird. Ich denke immer auch an jene starken Frauen, wie etwa Hildegard Burjan und andere, wie sie Prof. Ingeborg Schödl in ihrem Buch „Gottes starke Töchter“ ausführlich gewürdigt hat.

  • Sie haben in Ihrem langen Leben seit 1931 viele Päpste erlebt. Was fällt Ihnen zu Papst Franziskus ein?

Seine Offenheit. Und seine Bereitschaft, die Kirche in eine neue Zeit zu führen. Ich bedauere allerdings, dass er dabei nicht immer von allen Bischöfen und Kardinälen unterstützt wird, sondern oft sogar in den eigenen Reihen damit zu kämpfen hat, um seine guten Vorsätze und seine neuen Wege für die Kirche durchzusetzen.

  • Sie haben wohl Tausende gefirmt in Ihrem Leben als Weihbischof. Was bedeutet Ihnen die Spendung der Firmung?

Ich glaube, dass es mir bei den Firmungen gelungen ist, den jungen Leuten bewusst zu machen, was Kirche ist und dass Kirche gerade junge Menschen braucht und dass sie als Gefirmte eine besondere Aufgabe in der Kirche haben. Zum Teil habe ich auch dann beobachtet, dass sich nach der Firmung oft Gruppen gebildet haben, die neues Leben in die Pfarrgemeinden gebracht haben.

  • Vor einer Woche haben wir Pfingsten gefeiert. Was bedeutet Ihnen persönlich der „Geburtstag“ der Kirche?

Die Sendung des Heiligen Geistes und vor allem die Gabe der Sprache. Dass auf einmal alle Menschen, ganz gleich, woher sie gekommen sind, sich wie in ihrer eigenen Muttersprache verständigt haben. Das ist auch ein neuer Zugang für die Jugendlichen. Die mit ihren Medien und den damit verbundenen Fähigkeiten sozusagen eine neue Sprache erfunden haben, mit anderen umzugehen. Also die Gabe der Sprache zu Pfingsten.

Aber zugleich darf nicht übersehen werden, dass die Sprache nicht alles ist, sondern dass es um die Großtaten Gottes geht, wie es in der Bibel heißt, und dass wir Gott nicht vergessen dürfen – bei all den Möglichkeiten, sich in der digitalen Welt bemerkbar und verständlich zu machen.

  • Das Pfingstfest hat auch eine ökumenische Dimension...

Ja, wie es in der Apostelgeschichte heißt: Parther und Elamiter und viele andere hören sie in ihrer Muttersprache reden. Auch in der Ökumene müssen wir uns immer besser verstehen lernen, auch wenn es keine Gleichmacherei meint, sondern ein Voneinander-Lernen. Es geht dabei immer auch um die Beziehung zu Gott – wie in allen Religionen.

  • Vor 60 Jahren, vor dem Konzil, war die Sehnsucht nach einem neuen Pfingsten groß. Brauchen wir heute ein neues Pfingsten?

Ja, das glaube ich schon. Und ich verlasse mich darauf, dass die Jugend einen neuen Zugang zum Pfingstfest bekommt. Nicht zuletzt auch wegen der Gabe der Sprache, die es auf einmal möglich gemacht hat, dass sich Menschen aus der ganzen Welt wieder verständigen konnten.

  • Wie können wir den Heiligen Geist in uns wirken lassen? Öfters wird eine sogenannte „Geist-Vergessenheit“ im westlichen Christentum beklagt...

Das hängt von der eigenen Frömmigkeit ab. Dass man um den Heiligen Geist betet und offen ist für diesen Geist, und dass man auch mit anderen um diesen Heiligen Geist betet. Ich wünsche mir, dass viele in den Wochen rund um Pfingsten gemeinsam um den Heiligen Geist und um das Verständnis dessen beten, was er gerade in dieser Zeit durch die Kirche wirken will. Ich fürchte allerdings, dass manches Mal der Heilige Geist verdrängt wird.

  • Ein anderes Thema, gehen wir zurück in die Geschichte: Heuer vor 50 Jahren, 1971, endete die Wiener Diözesansynode. Welche Impulse von damals sind bis heute wirksam, was steht noch aus?

Wirksam ist sicher die Mitverantwortung der Laien im Pfarrgemeinderat und darüber hinaus in anderen Räten. Aber vielleicht steht noch aus, dass wir diese Mitwirkung der Laien noch immer zu wenig ernst nehmen, in wichtigen Fragen, und da gerade auch die Frauen noch immer viel zu wenig ernst nehmen.

  • Sie haben auch immer wieder Reformen in unserer Kirche eingefordert und eingemahnt. Ist der Katalog der Reformen abgearbeitet oder durch die Corona-Pandemie zum Stillstand gekommen?

Der Fortschritt ist nie abgearbeitet. Die Kirche muss immer auf Zukunft ausgerichtet sein. Ich glaube, dass die Pandemie sogar die Kirche zwingt, neue Wege zu suchen, um den Menschen Hilfe zu leisten in ihrer existentiellen Bedrohtheit. Da muss die Kirche eine Antwort aus dem Glauben heraus geben.

  • Inwiefern?

Dass man die Kraft hat, mit dem eigenen Leid und mit dem Leid anderer fertig zu werden und sich auch zu öffnen für das Leid anderer.

  • Wozu oder warum gibt es Kirche?

Weil Jesus selbst die Kirche gegründet hat. Jesus hat Jüngerinnen und Jünger um sich gesammelt und das ist der Ursprung der Kirche gewesen. Er ist, wie es im Johannesevangelium (Kapitel 10, Vers 10) heißt, gekommen, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben.

Autor:

Stefan Kronthaler aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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