Der dritte Orden
Brücke zwischen Kloster und Welt

Sternwallfahrt des weltlichen franziskanischen Ordens nach Mariazell im Juni 2019.
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  • Sternwallfahrt des weltlichen franziskanischen Ordens nach Mariazell im Juni 2019.
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Ein dritter Orden ist eine Gemeinschaft für Frauen und Männer, verheiratet oder ehelos, darunter auch Priester, welche die Lebensweise und Spiritualität einer Ordensgemeinschaft außerhalb des Klosters – aber in Gemeinschaft mit Brüdern und Schwestern – gewählt haben.

Dritter Orden ist der Oberbegriff für vorwiegend aus Laien bestehende Gemeinschaften, die sich einem der größeren traditionellen Orden angeschlossen haben.

Der Sprachgebrauch ist damit zu erklären, dass jeweils der männliche Zweig als „erster“ und der weibliche Zweig als „zweiter“ Orden eines der großen Gründer gilt. Die Mitglieder der „Laienorden“ setzen ihr bürgerliches Leben fort und leisten nicht die kanonischen Gelübde der Ehelosigkeit, der Armut oder des Gehorsams. Sie übernehmen jedoch als „Terziaren“ (vom Lateinischen „tertius ordo“ – dritter Orden) gewisse Verpflichtungen und stützen die Ordensfamilie durch Gebet und Arbeit. Sie orientieren sich an der Spiritualität der jeweiligen Ordensregel und legen nach einer Probezeit (Noviziat) ein Versprechen auf Lebenszeit ab. Auch Diözesanpriester können einem Drittorden beitreten.

Zu den ältesten dritten Orden gehören jene der Franziskaner (Ordo Franciscanus Saecularis), der Prämonstratenser, der Dominikaner (Dominikanische Laiengemeinschaften) und der Karmeliten (heute als Karmelitanische Gemeinschaft und Teresianische Karmelgemeinschaft bezeichnet).

Aus dem Dritten Orden, welcher ursprünglich für Laien gegründet wurde, entwickelten sich mit der Zeit auch Gruppen, die ein klösterliches Gemeinschaftsleben suchten und Ordensgelübde ablegten. So entstand etwa im 15. Jahrhundert der Dritte Regulierte Orden des hl. Franziskus und im 19. Jahrhundert Kongregationen für Frauen, wie z.B. die Franziskanerinnen. Die Salesianischen Mitarbeiter Don Boscos wurden im Vergleich dazu als ein dritter Orden im ursprünglichen Sinne von Don Bosco gegründet und 1876 kirchlich anerkannt.

Dritter Orden des heiligen Franziskus
Die „Brüder und Schwestern von der Buße“, wie die Gemeinschaft zu Beginn hieß, hat ihren Ursprung in der Tatsache, dass einer der ersten Brüder des Heiligen Franziskus sich für ein Leben mit Familie entschied.

„Dies hatte zur Folge, dass er die Bruderschaft – sehr schweren Herzens und mit arg schlechtem Gewissen – verlassen musste. Immer und immer wieder bat er zuvor Gott um Vergebung für seine Schwäche“, erzählt Diakon Werner-Karl Friedrich, der Vorsteher des „Dritten Ordens vom Heiligen Franziskus“ in Wien. „Franz von Assisi tröstete ihn damit, dass der Herr ganz besonders mitten in der Welt auch Brüder und Schwestern brauche, die seine Werke der Liebe und Barmherzigkeit, in Treue zum Evangelium und der Kirche zu den Menschen bringen.“ Um die Wichtigkeit dieser Entscheidung zu untermauern, verfasste der Heilige 1221 eine eigene Ordensregel, welche der Gemeinschaft Richtschnur sein sollte.

Von Anfang an gab es auch weitere Menschen, die die franziskanischen Ideale befolgen wollten, aber den Schritt zur Ehelosigkeit und zur absoluten Armut nicht tun konnten, etwa weil sie verheiratet waren und Kinder hatten oder weil sie für Angehörige sorgen mussten. „Auch diesen Menschen wandte sich Franziskus zu, er wurde von ihnen unterstützt, und er betrachtete sie sozusagen als erweiterten Raum seiner Gemeinschaft.

Schon zu seinen Lebzeiten setzte im Orden aber eine immer stärker werdende Klerikalisierung ein, die Franziskus nicht verhindern konnte“, berichtet Werner-Karl Friedrich, der als Ordensbruder den Namen „Masseo“ trägt. Es wurde eine juristisch genaue Regel verfasst, die die alte Regel ablöste, die im Wesentlichen aus Evangeliumszitaten bestanden hatte.

Es traten immer mehr Priester in den Orden ein, die aufgrund ihrer höheren Bildung sehr bald die Führungspositionen besetzten. Durch diese Entwicklung wurde es nötig, auch der weiterhin bestehenden Bewegung franziskanisch gesinnter Laien eine eigene Struktur zu geben. 1289 gab Papst Nikolaus IV. dem nun so genannten dritten Orden seine erste Regel.

Die Neufassung der Ordensregel approbierte Papst Leo XIII., seit 1872 selbst dem Dritten Orden angehörend, in der apostolischen Konstitution „Misericors Dei Filius“. Die Gemeinschaft war Ende des 19. Jahrhunderts sehr beliebt, und der Papst erhoffte sich von ihr ein Aufflammen der Christlichkeit und Hilfe oder sogar Lösung der schwierigen sozialen Fragen.

Die heute gültige Fassung der Regel wurde im Jahr 1978 von Papst Paul VI. bestätigt. Die bis dahin Franziskanische Gemeinschaft genannte Bewegung wurde offiziell in „Ordo Franciscanus Saecularis“ (OFS – weltlicher franziskanischer Orden) umbenannt.

„Es geht in der neuen Regel nicht mehr nur darum, eine bestimmte Anzahl von Gebeten zu verrichten und eine lediglich passive Rolle als aufmerksamer Hörer der kirchlichen Verkündigung einzunehmen“, sagt Bruder Masseo. „Es soll vielmehr das ganze Leben in seinen geistlichen und weltlichen Aspekten vom Geist der franziskanischen Spiritualität geleitet werden. Die Regel spricht also nicht nur von der Bedeutung des Evangeliums, der Eucharistie und des Gebetes, sondern auch vom aktiven Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit, von der geschwisterlichen Solidarität mit den Armen und Ausgegrenzten und vom bescheidenen und uneigennützigen Umgang mit Geld und Vermögen.“

Das franziskanische Charisma ist für das Leben des OFS bestimmend, ein Leben, das sich nicht in der Abgeschiedenheit und Geborgenheit einer Klostergemeinschaft vollzieht, sondern in der Glaubensbezeugung vor Ort im jeweiligen Weltgeschehen.

Der OFS in Österreich besteht aus knapp 60 Lokalen Gemeinschaften und teilt sich in ganz Österreich und Südtirol auf in fünf Regionen mit insgesamt etwa 700 Ordensleuten.

Bedeutende Angehörige dieses Dritten Ordens sind: Papst Leo XIII., Christoph Columbus, Papst Johannes XXIII., König Ludwig IX. von Frankreich, Giotto di Bandone, Michelangelo, Franz Liszt, Thomas Morus, Jeanne Marie Vianney (Pfarrer von Ars), Franz Jägerstätter.

Autor:

Wolfgang Linhart aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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