Zusammenspiel von Glaube und Welt
Warum die Bräuche um Martin so lebendig sind

Lichterprozessionen, Martinsspiele und Martinsfeuer gehören zum lebendigen Brauchtum rund um den frühchristlichen Heiligen.
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Martin von Tours ist nach den Worten von Papst Franziskus ein Lehrmeister der „Herzlichkeit, der Aufnahme Notleidender sowie auch der Nächstenliebe“.

In unseren Breiten verbinden sich mit dem Fest des Heiligen am 11. November vielfältige Bräuche. Über deren Ursprünge und Hintergründe erfahren wir mehr von Ethnologin und Brauchtumsexpertin Helga Maria Wolf.

Auf dieses Fest freuen sich die Kleinen im Herbst ganz besonders: das Martinsfest. Am Martinstag, der am 11. November gefeiert wird, finden in vielen Pfarren und Kindergärten Lichterprozessionen statt. Bei den so genannten Martinsumzügen ziehen die Kinder meist mit selbst gebastelten Laternen und Lampions singend durch die abendlichen Straßen. Wenn die bunten Laternen in der Dunkelheit leuchten, erleben viele Kinder dieses Fest als besonders schön und magisch. Am Ende wird meist mit einem szenischen Martinsspiel unter Mitwirkung der Kinder an die Selbstlosigkeit des beliebten Heiligen erinnert.

Den Herbstfasching auskosten
Woher kommt die Tradition der Martinsumzüge? Helga Maria Wolf, Ethnologin und Brauchtumsexpertin sagt im Interview mit dem SONNTAG: „Einst wurde Martini als Gegenstück zum Faschingsdienstag bzw. Aschermittwoch mit zahlreichen Bräuchen, wie Festessen (Heringsschmaus – Martinigans) und Alkoholgenuss (Fastentrunk – Weintaufe) begangen. Diese Tage bildeten die Schwelle zu einer Bußzeit (Fastenzeit – Advent).

Der 11. 11. bot vor der ,geschlossenen Zeit‘ die letzte Chance, den Herbstfasching auszukosten, die Martinigans war der letzte Festbraten vor Weihnachten. Außerdem wird um diese Zeit der Sturm zum Wein und der Heurige zum Alten.“

Heischegänge, bei denen Kinder und Jugendliche von Haus zu Haus gingen und um Lebensmittel baten, seien schon im 16. Jahrhundert bekannt. „Die Kinder haben Sprüche und Lieder dargeboten, den Spendern gedankt, Geizige aber verspottet“, berichtet die Expertin. Weil sie am Abend unterwegs waren, trugen die Umherziehenden Laternen und Fackeln mit.

„Um 1900 war Martini in den Städten Deutschlands eine wilde Nacht, daher bemühten sich die Bürger um Pädagogisierung. Sie organisierten wohl geordnete Laternen-Umzüge mit dem Reiter St. Martin an der Spitze, dem Martinslied und einem Brauchgebäck, Kipfel, deren Form an ein Hufeisen erinnert, das mit den anderen geteilt werden sollte.“

Weg vom römischen Soldaten zum beliebten Bischof von Tours
Wer war der alljährlich so bodenständig gefeierte Heilige? Martin wurde im Jahre 316 in der im heutigen Ungarn gelegenen Stadt Savaria (heute Szombathely) geboren. Der Sohn eines römischen Tribuns aus Pavia in Oberitalien trat auf Wunsch seines Vaters in die römische Armee ein, wo er in Gallien in der Garde unter Kaiser Constantius II. diente. In diesen Jahren soll Martin der Legende nach am Stadttor von Amiens bei Paris seinen Soldatenmantel mit einem frierenden Bettler geteilt haben.

Nationalheiliger in Frankreich und
Landespatron im Burgenland

Mit 18 Jahren lässt sich Martin taufen, verlässt ein Jahr später die Armee und wird Schüler des Hilarius von Poitiers. Nach Missionsjahren in Illyrien wird Martin Einsiedler auf der Insel Gallinaria bei Genua. 361 gründet er nahe bei Poitiers das erste Kloster Galliens. Zehn Jahre später wurde Martin zum Bischof von Tours an der Loire gewählt.

Der Überlieferung nach muss Martin ein überzeugender Bischof gewesen sein, der Gebet, Seelsorge und Caritas zu verbinden wusste. Er starb am 8. November 397 in Candes an der Loire. Bereits mit seinem Tod begann eine Welle der Verehrung, so dass Bischof Martin innerhalb der Heiligen eine Sonderrolle eingeräumt wurde.

Er ist der erste christliche Heilige, der als Nichtmärtyrer zur Ehre der Altäre erhoben wurde. Außerdem stieg er im Frankenreich unter dem Frankenkönig Chlodwig (481–511) zum „Nationalheiligen“ auf.

Bauernregel: „Schneit es auf Martini ein / wird ein‘ weiße Weihnacht sein.“

Warum ist Martin im Brauchtum so beliebt?
Dazu sagt Helga Maria Wolf: „Martinus ist der Patron verschiedener Diözesen, u. a. von Eisenstadt und Landespatron des Burgenlandes, weiters Patron Frankreichs, der Bettler, Bürstenbinder, Gänse, Gärtner, Gefangenen, Gerber, Gürtler, Handschuhmacher, Haustiere, Hirten, Hoteliers, Hufschmiede, Hutmacher, Lederhändler, Müller, Pferde, Reisenden, Schneider, Soldaten, Tuchhändler, Weber sowie für die Fruchtbarkeit der Felder und gegen Hautkrankheiten.“

Einerseits sei er der Schutzherr vieler Regionen und Berufsgruppen, andererseits falle sein Gedenktag in eine wichtige Phase des Jahreslaufs, erklärt die Brauchtumsexpertin.

„Lichtgans“ und „Lesgans“
„Martini“ sei ein typisches Beispiel, wie geistliche und weltliche Bräuche zusammenspielen: „Einerseits das Heiligenfest und der letzte Feiertag vor dem Advent, der bis 1917 als Fastenzeit galt.

Andererseits gibt es profane Gründe: Das reichliche Essen hatte auch damit zu tun, dass man die Tiere nicht über den Winter durchfüttern wollte, daher wurden Gänse und Schweine geschlachtet“, sagt Helga Maria Wolf und erläutert wirtschaftliche Entwicklungen rund um das Fest: „Die Handwerker, die im Winter bei Licht arbeiten mussten, erhielten zu diesem Termin von ihrem Meister eine ,Lichtgans‘, Helfer bei der Weinernte eine ,Lesgans‘ als zusätzlichen Lohn.

Die Stadt Wien ließ um 1770 den Handwerkern, die in ihrem Dienst standen, Martinswein zukommen. In den letzten Jahrzehnten haben sich kulinarische Bräuche wie Martinigans und ,Weintaufe‘ zu wirtschaftlich und gesellschatlich wichigen Anlässen entwickelt.“

Autor:

Agathe Lauber-Gansterer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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