Heilige feiern
Der Nikolaus braucht keinen Krampus

Der Krampus als Begleiter des Nikolaus – so kennen ihn viele.
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Bei Umzügen auf dem Land treibt der Krampus – alleine oder als furchteinflößender Begleiter des Nikolaus – noch oft sein Unwesen.

Doch bei den meisten Nikolausfeiern in Kindergärten hat er schon lange keinen Auftrag mehr. „Wir setzen auf eine Pädagogik, die nicht darauf abzielt, Angst zu verbreiten“, sagt Susanna Haas, Pädagogische Leiterin der St. Nikolausstiftung der Erzdiözese Wien. Mit dem SONNTAG sprach sie über den Krampus, aber auch, was den heiligen Nikolaus ausmacht und warum er sich von der Pandemie ganz bestimmt nicht aufhalten lässt.

Wenn der große Teufel Purr in Annelies Umlauf-Lamatschs Buch „Putzis lustige Streiche“ auftaucht, dann geht es rund. Er ist laut, rasselt mit der Kette, rollt mit den Augen, schlägt mit der Rute durch die Luft. „Jedes Kind bekommt, was es sich verdient hat – Zu­ckerln oder…“ droht er und lacht dann, „wie nur ein Teufel lachen kann“. Mit diesem Krampus ist nicht zu spaßen – daran besteht kein Zweifel.

Generationen von Kindern sind mit einem Krampus wie diesem aufgewachsen. Er war der furchteinflößende Begleiter des heiligen Nikolaus, derjenige, der schlimme Kinder bestrafte, die ganz Schlimmen sogar mitnahm zu sich in die Unterwelt.

Der Krampus ist kein guter Pädagoge

„Heute ist das Gott sei Dank nicht mehr so“, sagt Susanna Haas, Pädagogische Leiterin der St. Nikolausstiftung der Erzdiözese Wien: „Erziehung funktioniert heute grundlegend anders. Das Böse, das Strafende hat vor allem auch in der Institution Kindergarten keinen Platz mehr.“ Der Grund dafür, so die Pädagogin, sei ganz einfach: „Moderne Pädagogik baut darauf auf, dass Erwachsene Kindern Schutz bieten müssen. Kinder sollen sich sicher fühlen, – das gilt für zu Hause genauso wie für den Kindergarten oder die Schule. Wenn aber dann in dieser Stimmung des ,Hier-Ist-Alles-In-Ordnung‘ der Krampus ,auftaucht‘, wenn da also jemand kommt, der furchterregend aussieht, der laut ist, schreit und den Kindern Angst macht, dann begehen wir Erwachsene damit einen Vertrauensbruch.“

Das Einzige, was Kinder vom Krampus damit „lernen“ können, ist, sich unsicher zu fühlen, kein Vertrauen aufzubauen und Angst zu haben. „Wozu soll denn das gut sein? Was soll das bringen?

Ein Kind muss nicht lernen, Angst zu haben – das Erleben und Verarbeiten von Ängsten ist Teil der kindlichen Entwicklung und somit im Alltag ohnehin mal mehr, mal weniger präsent. Und schon gar nicht müssen kindliche Ängste durch die Personifizierung des ,Bösen‘ verstärkt werden.“

Eine österreichische Tradition?

Natürlich habe der Krampus durchwegs seine Berechtigung, räumt Susanna Haas ein. „Der Krampus wurde dem Nikolaus an die Seite gestellt. Und gerade im alpenländischen Raum hat der Krampus, haben die Perchten eine große Tradition. Und das stelle ich auch nicht in Frage. Traditionen, die sich auch mit den Menschen weiterentwickeln, zu leben, das hat natürlich seine Berechtigung. Aber in der Pädagogik hat der Krampus heute einfach nichts mehr verloren.“

Der Nikolaus ist ein Vorbild

Der heilige Nikolaus, bringt es Susanna Haas auf den Punkt, braucht den Krampus heute einfach nicht mehr. „Die Legende von Bischof Nikolaus ist etwas Wohltuendes. Wir feiern im Kindergarten, dass er etwas Gutes getan hat. Und die Kinder erleben dieses Gute dann in Zusammenhang mit einem Fest. Wir sprechen über den Nikolaus als Vorbild für uns alle – bis heute und darüber hinaus. Und überlegen, was jeder Einzelne tun kann, um sozusagen ein Nikolaus zu sein. Die Botschaft einer Nikolausfeier soll ja nicht sein: Da kommt jemand und belohnt dich, weil du so brav warst, und wenn du nicht brav warst, dann wirst du bestraft.“

Solidarität, Mitgefühl und Hilfsbereitschaft
Der Kindergarten leiste mit Festen wie der Nikolausfeier seinen Beitrag zur Vermittlung von Werten wie Solidarität, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft. Der Nikolaus gehört damit zu den Bildungsthemen im Kindergarten, hier werden über Rituale auch Sachinformationen weitergegeben, Traditionen, die zeigen, wer wir sind und was für unser Zusammenleben wichtig ist.

Das Nikolausfest beginnt in einem Kindergarten schon Wochen davor, erzählt Susanna Haas. „Es wird vorbereitet, gebastelt, über den Nikolaus gesprochen, Geschichten vorgelesen und erzählt. Es werden Lieder gelernt, Sprüche und Gedichte. Und alle diese Festelemente bündeln sich dann an einem Tag.“ Es gibt eine gemeinsame Jause: Die Kinder decken gemeinsam den Tisch. Es wird gegessen und geplaudert, gesungen, gespielt und gelacht. „In unseren Kindergärten ist es dann auch üblich, dass ‚der Nikolaus sozusagen kommt‘ und das läuft bei uns nach einem ganz klaren Konzept ab: Eine Person bringt alle Utensilien, die zum Nikolaus gehören, mit in die Gruppe und zieht sich dann dort vor den Kindern das Bischofsgewand an und erklärt, wie die einzelnen Gewandteile heißen.

Was kann ich tun, um in meinem Leben Gutes zu tun ?
Oft ist es so, dass die Kinder auch helfen.“ Für die Kinder sei das keine Einbuße, wenn sie vorher gesehen haben, dass das eine reale Person war, nicht der Nikolaus. „Es gehört zu unserer pädagogischen Haltung, dass wir ihnen nicht erzählen, dass da jemand aus dem Himmel herabsteigt und zu ihnen kommt. Für Kinder kann das eine durchaus einschüchternde Vorstellung sein. Bei den jungen Kindern kann sogar das Verkleiden verstören, hier verwenden wir oftmals nur eine Handpuppe.“

Mit dem Nikolaus werden die Kerzen am Adventkranz angezündet, Lieder gesungen, Geschichten erzählt – wer war der Nikolaus, was hat ihn ausgemacht, was ist ein Bischof? „Je nach Alter bekommen die Kinder die Legende von Bischof Nikolaus erzählt.

Dann wird gemeinsam überlegt, was kann ich tun, um in meinem Leben Gutes zu tun, was kann dieses „Gute“ sein, was liegt in meinen Möglichkeiten. Oft wird die eine oder andere Legende nachgespielt, oder es wird noch etwas zu den Nikolausgeschichten gemalt. Je nachdem, was die Kinder brauchen, um die Geschichten auch gut weiter zu verarbeiten und zu verstehen.“

Im Kindergarten, das ist Susanna Haas wichtig, stehen nicht die Geschenke im Mittelpunkt, sondern die Person des Nikolaus mit allem, was sie ausgemacht hat. „Die meist selbstgebastelten und mit Mandarinen, Äpfeln, Lebkuchen und Schokolade gefüllten Nikolaussackerln sind die Draufgabe zu einem schönen Fest. Die Kinder sollen alles in allem ein gutes Gefühl mitnehmen.“

Der Nikolaus und die Pandemie
Und wie ist es jetzt? In Zeiten von Lockdown und Corona? „Grundsätzlich muss man sagen, dass wir in der St. Nikolausstiftung auch in Zeiten von Corona immer gefeiert haben. Die Kindergärten waren ja in allen Lockdowns geöffnet – Geburtstage wurden damit genauso begangenen wie andere Feste“, sagt Susanna Haas. Nur die „Besetzung“ war und ist sozusagen eine andere: „Die Eltern waren auch vor der Pandemie beim Nikolausfest nie dabei.

Jetzt ist es so, dass keine externe, kindergartenfremde Person in die Gruppen kommen darf, kein Pfarrer, keine Pastoralassistenten. Aber die Gruppenverantwortlichen und die Kinder feiern gemeinsam. Wir haben das Feiern eben an die Gegebenheiten, an die Möglichkeiten angepasst. Wir befinden uns mitten im vierten Lockdown und wir sind grundsätzlich sehr vorsichtig, versuchen die Kinder so gut es geht zu schützen“, sagt Susanna Haas: „Aber wir versuchen auch, das Feiern, die Höhepunkte im Jahr nicht aus den Augen zu verlieren. Wie trostlos wäre das denn für die Kinder. Kinder brauchen Rituale, zu Hause, aber auch im Kindergarten, in den Schulen. Und Kinder brauchen Feste, erst recht, wenn sie spüren, dass irgendetwas nicht ganz normal ist.“

Anregungen, um Nikolaus zu feiern, siehe: nikolausstiftung.at

Lesen Sie auch das Glaubenszeugnis von Nikolausdarstellerin Simone Löschenkohl

Autor:

Andrea Harringer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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