Zeit für Trost
Wege aus der Verlorenheit - Interview mit Bischof Glettler

Trost ist keine Allerwelts-Formel. Sondern ein Begleiten und Ermutigen von anderen. Das kann man am besten erleben mit Hilfe der eigenen Wunden, eigenen Erfahrungen und eigenen Empfindungen. Es geht darum, einen Raum aufzumachen, in dem sich jemand geschützt und geborgen seiner Trostlosigkeit stellen kann.
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  • Trost ist keine Allerwelts-Formel. Sondern ein Begleiten und Ermutigen von anderen. Das kann man am besten erleben mit Hilfe der eigenen Wunden, eigenen Erfahrungen und eigenen Empfindungen. Es geht darum, einen Raum aufzumachen, in dem sich jemand geschützt und geborgen seiner Trostlosigkeit stellen kann.
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Der Tiroler Bischof Hermann Glettler spricht im Interview mit dem SONNTAG über mögliche Wege aus der Verlorenheit, über die er auch in seinem neuen Buch schreibt.

  • Wie kann der Weg aus der Verlorenheit gelingen? Was tröstet uns?

Bischof Glettler: Kurz auf den Punkt gebracht: Wirklich getröstet wird der Mensch, wenn er nicht nur den eigenen Trost sucht. Sondern wenn er sagt, ich kann auch trotz eigener Beschränktheit und Grenzen, eigener Sorgen jemanden anderen trösten. Damit kommt man weg von dieser Selbstfixierung, die einem oft dazu bringt, dass man Trost wie ein Konsumgut genießen möchte, hin dazu, dass man das, was einem das Leben gibt und auch die Herausforderungen in die Waagschale wirft – und damit andere tröstet. Dabei haben wir uns angelehnt an die Textstelle des Heiligen Franz von Assisi, der schreibt: „Nicht, dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste.“

  • Wie kann Trösten gelingen?

Trost ist keine Allerwelts-Formel. Sondern ein Begleiten und Ermutigen von anderen. Das kann man am besten erleben mit Hilfe der eigenen Wunden, eigenen Erfahrungen und eigenen Empfindungen. Es geht darum, einen Raum aufzumachen, in dem sich jemand geschützt und geborgen seiner Trostlosigkeit stellen kann. Dabei geht es nicht darum, dass man die perfekten Ratschläge parat hat, sondern es ist alleine schon gut, wenn man aufrichtig zuhört. Und genau darin liegt der größte Unterschied zum Vertrösten.

Echter authentischer Trost nimmt die Trostlosigkeit eines Menschen ernst. Vertröstung huscht meistens über die Dinge hinweg und bietet vermeintlich einfache oberflächliche Ratschläge.

  • Gibt es Situationen, in denen Sie persönlich sich verloren fühlen?

Selbstverständlich! Gerade in meiner Funktion als Seelsorger gehe ich auch stark genau von diesen persönlichen Erfahrungen aus. Wie jeder Mensch erlebe auch ich Trostlosigkeit, wurde verletzt, habe eigenes Scheitern erlebt und habe Fehler gemacht.

Doch genau diese Erlebnisse, diese Wunden, machen mich anschlussfähig für Menschen, die in ähnlichen Situationen sind.

  • Geht es also auch darum, die eigene Schwäche zuzulassen?

Empathie und Mitleid brauchen definitiv die Erfahrung, dass man selbst auch schwach ist. Dadurch ergibt sich die Situation, dass nicht auf der einen Seite der arme Zutröstende steht – und auf der anderen Seite der abgeklärte Tröst-Profi. Sondern es kommt zu einer aufrichtigen Situation auf Herzens- und Augenhöhe, bei der man sich verstanden und ernst genommen fühlt und bei der dann richtiger Trost erst ermöglicht wird.

  • Kann auch der Glaube trösten?

Das Buch befasst sich auch mit den göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung, Liebe. Im Glauben selbst liegt Trost!

Der Glaube ist kein „Problem-Wettex“ zum Wegwischen von Dingen, die einen stören; sondern eine innere Herzenskraft und ein Aufgerichtet-Werden in Momenten, in denen es ein wirkliches „Trotzdem“ braucht. Trotz Niederlagen, trotz Sorgen, trotz Kummer – also trotzdem: Der Glaube tröstet, stärkt, gibt eine Perspektive, gibt Mut.

Durch den Glauben fühlt man sich zudem beheimatet – auch das ist ein ganz wichtiges Trostmotiv in der vielverbreiteten metaphysischen Obdachlosigkeit unserer Zeit. Wir dürfen uns bei Gott zu Hause fühlen, wir dürfen bei ihm so sein, wie wir wirklich sind. Das ist Heimat. Und es ist auch ein Urauftrag der Kirche, mit dem Evangelium zu trösten. Das Evangelium ist das Trost-Buch schlechthin – und definitiv kein Vertrösten.

  • Was passiert, wenn man Trost verspürt?

Wenn jemand Trost findet, hat er wieder ein größeres Vertrauen in sich selbst, in die Umgebung und in das Leben. Es ist der Ausbruch aus Angst, Trauer, Zweifel, Skepsis. All das führt dazu, dass sich Menschen abschließen, quasi in eine innere Abgeschiedenheit gehen.

Trost hingegen entkrampft, er nimmt einem diese Enge, macht bildlich gesprochen einen Türspalt auf, durch den wieder ein Licht hereinkommt, öffnet den Blick dafür, wieder hinauszuschauen.

Trost ist etwas ganz Kostbares und das Trösten ist auch etwas Großartiges! Ich bin sehr dankbar dafür, dass wir in Österreich so viele Menschen haben, die trösten. Einerseits in den unterschiedlichen Berufen, aber auch im ganz persönlichen Umfeld. Und immer wenn man andere tröstet, stellt sich auch eigener innerer Trost ein.

Autor:

Stefan Kronthaler aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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