"Passionswege" und Auferstehung
„Die Diagnose war der Anfang, nicht das Ende“

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Ende 2018 erhält Angela Ringhofer die Diagnose Brustkrebs. Über ein Jahr lang kämpft die zweifache Mutter mit der Erkrankung, erfolgreich. Ihre Erlebnisse teilt sie in einem „Passionsweg“.

Jesus wird zum Tode verurteilt:

Ich sitze in der Ambulanz und höre nur: bösartig, aggressiv, schnellwachsend. Ein Tumor. In meiner Brust. Die Zeit bleibt irgendwie stehen und ich frag’ mich, ob das grad wirklich passiert oder ich gleich aus einem bösen Traum erwache. Mir wird ganz heiß und ich starre die Ärztin an, die irgendwas über die geplante Therapie erzählt. Ich unterschreibe einen Zettel und dann stehen wir plötzlich am Gang, mitten unter den Leuten, die nichts von all dem ahnen. Alles so unwirklich, so weit weg. Mein Leben ist aus der Spur gesprungen, erstarrt.

Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern:

„Nehmen Sie sich ein Jahr Zeit. Sie werden es brauchen.“ Ein Jahr, ein ganzes Jahr meines Lebens. Das war nicht im Plan. Gerade ist es so schön gelaufen, einfacher geworden. Dabei hab ich noch Glück. Keine Metastasen, gute Heilungschancen, ein Gesundheitssystem, das mich auffängt. Trotzdem fühlt es sich an wie ein Urteil über mein Leben, meine Pläne, meine Zukunft. Aber ich habe keine Wahl, muss mich der Herausforderung stellen, muss gesund werden. Gleichzeitig beginne ich darüber nachzudenken, welche Lieder man auf meinem Begräbnis singen sollte.

Jesus fällt zum 1. Mal unter dem Kreuz:

Chemotherapie. Gift, direkt in die Venen, um den Krebs zu töten. Es ist gruslig, wenn ich die Flüssigkeit in mich hineinrinnen sehe. Ich kann nur vertrauen, dass sie wissen, was sie tun. Die Tage danach sind schlimm. Ich bin unendlich müde, kraftlos, habe Schmerzen am ganzen Körper. Schwere, Stille, Trostlosigkeit. Irgendwann geht es langsam aufwärts, bis man bis zur nächsten Runde ein paar Tage leben kann. Essen, spazieren gehen, ein paar Gespräche führen, ein bisschen lachen. Jeder normale Augenblick wird auf einmal kostbar.

Jesus begegnet seiner weinenden Mutter:

Nach und nach muss ich es erzählen. Zuerst der Familie, den Chefs, den Freunden. Alle sind entsetzt, fassungslos, verängstigt. Ich komme mir vor wie ein Todesengel, der überall die schlechte Nachricht verbreitet. Viele muss ich trösten, weil Krebs immer den Touch eines Todesurteils hat. „Eh nicht so schlimm, er hat eh noch nicht gestreut, ich schaff’ das schon, mach dir keine Sorgen, es wird alles gut.“ Ich fühle mich wie eine Aussätzige, die man jetzt speziell behandeln muss, mit der man nicht mehr voll rechnen kann, die alles zu optimistisch sieht. Das ist verletzend, macht mich traurig, dämpft meine Zuversicht. Ich hab mir diesen Weg nicht ausgesucht, aber ich muss ihn jetzt gehen. Notfalls alleine.

Simon von Zyrene hilft Jesus, das Kreuz zu tragen:

„Was kann ich für dich tun?“ Auf diese Frage gibt es manchmal keine Antwort. Einfach bei mir sein. Mit mir warten, dass es besser wird. Mir zuhören, wenn ich frustriert bin und jammern will. Mein Schweigen aushalten, meinen Missmut, meine Tränen. Mich liebevoll anlächeln, versorgen, verwöhnen. Genau jetzt muss mal ich getragen werden, von Gott, meiner Familie, den Freunden. Ich muss wissen, dass man auf mich wartet, mich nicht aufgibt, an mich glaubt – und an meine Heilung.

Veronika reicht Jesus das Schweißtuch:

Wie wichtig ist ein Gespräch mit anderen, die es schon hinter sich haben. Das macht mir Mut, dass der Kampf nicht umsonst ist. Wie wertvoll sind eine liebevolle Krankenschwester, ein geduldiger Arzt oder eine Freundin, die mich besuchen kommt, obwohl sie Stunden entfernt wohnt und kleine Kinder hat. Wie gut tut es, wenn die Kollegen sich freuen, mich zu sehen, auch wenn sie monatelang meine Arbeit übernehmen müssen. Ich bin so dankbar für die kleinen Liebeszeichen von Gott, für ein nettes Wort zum richtigen Zeitpunkt, oder die warme Sonne auf meiner Haut. Dankbarkeit und Bescheidenheit lerne ich jetzt ganz neu.

Jesus fällt zum 2. Mal unter dem Kreuz:

Eine Freundin hat einen Rückfall, der Krebs ist wieder da. Als hätte sie nicht Monate gekämpft und gelitten. Wozu das ganze Leiden, wenn es doch eh nichts bringt, wenn man am Ende vielleicht doch daran stirbt? Aber ich weiß, ich darf jetzt nicht aufgeben, muss aufstehen, weitergehen. Noch ein paar Runden Chemotherapie, dann Operation und Bestrahlung. Ich muss stark sein, auch wenn ich grad fürchterlich verzweifelt bin.

Jesus begegnet den weinenden Frauen:

Doch dann kommt ein Liebeszeichen. Eine Zwischenuntersuchung. Der Tumor ist geschrumpft, kaum mehr nachweisbar. Die Therapie funktioniert. Ich weine vor Freude und Erleichterung. Gott lässt mich nicht im Stich, er ist bei mir, die ganze Zeit.

Jesus fällt zum 3. Mal unter dem Kreuz:

Auf der Onkologie. Im Nebenzimmer ist heute ein Mann gestorben. Ganz leise. In der Früh holen die Angehörigen seine Sachen in einem kleinen Sackerl ab. Die Stimmung ist beklemmend, real und ernüchternd. Wieder hat einer den Kampf verloren.

Jesus wird seiner Kleider beraubt:

Es ist schwer, sich daran zu gewöhnen, dass man seinen Körper ständig herzeigen muss. Er wird untersucht, abgetastet, gestochen, fotografiert. Er ist jetzt ein Behandlungsobjekt. Ich fühle mich sehr nackt, ohne Kleidung, ohne Haare, ohne Wimpern und Augenbrauen. Doch gerade jetzt lerne ich meinen Körper schätzen, sein Durchhaltevermögen, seine Treue, seinen Mut. Unfassbar, was ihm gerade angetan wird, von innen und von außen, und trotzdem gibt er nicht auf, sammelt für mich immer wieder neue Kraft, trägt mich weiter, kämpft für mich. Ich werde nie wieder über ihn jammern.

Jesus wird ans Kreuz genagelt:

Ich liege auf dem Operationstisch. Werde abgedeckt, desinfiziert, verkabelt, die Arme sind seitlich fixiert. Jeder macht stumm seine Handgriffe. Es ist kalt und ich zittere. Ich fühle mich so hilflos, so ausgeliefert. Ich habe große Angst, dass ich nicht mehr aufwache, dass etwas schiefgeht, dass ich entstellt sein werde. Gleich wird man mich verstümmeln, für den Rest meines Lebens. Der Chirurg zeichnet mit grünem Filzstift auf meiner Brust herum. Ich hab’ ihn noch nie gesehen, aber ich muss ihm blind vertrauen. Leise rinnen mir Tränen über die Wangen und ich fühle mich schrecklich allein. Die Anästhesistin streicht mir liebevoll über die Wange und sagt mir, dass alles gut wird.

Jesus stirbt am Kreuz:

Vorgestern wieder eine Chemo. Die Nebenwirkungen werden immer schlimmer, der Körper ist schon so geschwächt. Ich habe furchtbare Schmerzen. Zusätzlich eine eitrige Angina, und mein Immunsystem hat keine Kraft zum Kämpfen. Ich liege am Sofa und fühle mich so hundeelend wie nie zuvor in meinem Leben. Mein Herz rast, mein Blutdruck spielt verrückt. Ich spüre, wie mein ganzer Körper am Limit ist, mein System das Letzte gibt, um mit all dem fertig zu werden. Mir kommt der Gedanke, dass es sehr wohl sein könnte, dass mein Herz versagt, dass ich hier jetzt sterbe. Ganz allein. Unbemerkt. Ich habe plötzlich Todesangst, Panik. So wollte ich nicht sterben, nicht jetzt, nicht hier, nicht alleine. Ich zwinge mich zu atmen, ruhiger zu werden, die Angst zu vertreiben. Da spüre ich eine warme Geborgenheit, fühle mich getragen und beschützt. Plötzlich weiß ich, dass Jesus da ist. Genau jetzt. Genau hier. Und er mich nicht alleine sterben lässt. „In deine Hände lege ich meinen Geist“ ist gerade sehr real.

Jesus ist auferstanden:

Nun ist es vorbei, alles ist gut gegangen. Nichts mehr da. Hoffentlich. Rückkehr ins Alltagsleben. Den Alptraum hinter mir lassen. Die Angst verdrängen. Die Hoffnung festhalten. Sieg feiern. Auferstehung. Nie vergessen. Und dankbar sein.

„Ich bin auch in der Not nie alleine“

„Ich bin bei dir, alle Tage deines Lebens.“

Eine Zusage Gottes an mich ganz persönlich. Dass ich nicht allein bin. Nie. Auch wenn ich mich wegdrehe, es allein schaffen will, ihn ignoriere. Er ist trotzdem da und wartet geduldig, bis ich ihn wieder brauche.

Und ich habe ihn gebraucht, als ich von der Krebsdiagnose überrollt wurde.

Und Gott war da, ganz konkret, in den Menschen, die mich aufgefangen haben. Und in den dunklen einsamen Momenten als eine tiefe ruhige Geborgenheit.

Ostern wird heuer ganz anders als im Vorjahr. Es geht mir wieder gut, ich bin zurück im Leben.

Den Kreuzweg habe ich verfasst, weil mich viele der Erlebnisse an die Kreuzwegstationen erinnert haben.

Vielleicht hilft er, Krebskranke besser zu verstehen.  Vielleicht hilft er, die Hoffnung nicht zu verlieren, das Leben mehr zu schätzen, dankbar zu sein.

Ich glaube, es ist okay, dass ich ganz unten war, nutzlos, schwach und verloren. Nahe bei Jesus, bei seinem Kreuzweg. Um zu erfahren, dass ich auch in der tiefsten Not nie alleine bin. Dass mich nichts trennen kann von der Liebe Gottes.

Und dass nach jeder Krise eine Auferstehung kommt.

Angela Ringhofer

Angela Ringhofer 
Medienreferentin im Amt für Öffentlichkeitsarbeit der Erzdiözese Wien
Autor:

Der SONNTAG Redaktion aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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