Feindesliebe
Das Ende des wechselseitigen Aufrechnens

Vergebung – Am 27. Dezember 1983 hat Papst Johannes Paul II. seinem Attentäter Mehmet Ali Agca offiziell vergeben.
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Das Gebot, seine Feinde zu lieben, ist kein moralischer Appell, sondern die Einladung Jesu, Böses nicht mit Bösem zu vergelten. Und anzuerkennen, dass ein Mensch mehr ist als die Summe seiner Taten.

Ich bete für den Bruder, der auf mich geschossen hat. Ich habe ihm aufrichtig vergeben.“ Mit diesen Worten wendet sich Papst Johannes Paul II. im Mai 1981 in einer Radiobotschaft an die Öffentlichkeit.

Der ‚Bruder‘, von dem er spricht, ist Mehmet Ali Agca, der vier Tage zuvor, am 13. Mai 1981, auf dem Petersplatz Schüsse auf den Papst feuerte und ihn schwer verletzte. Ende 1984 besuchte Johannes Paul II. seinen Attentäter im Gefängnis.

Es sind Bilder, die um die Welt gehen: Johannes Paul II., der Ali Agca eine Hand auf die Schulter legt und ihm die andere reicht. Für Jan-Heiner Tück, Professor für Dogmatik an der Universität Wien, ist der Akt der Vergebung, den Johannes Paul II. direkt nach dem Attentat vollzieht, ein Ausdruck von ‚Feindesliebe‘, „ein schönes, leuchtendes Beispiel, dass Feindesliebe nicht nur eine hohle rhetorische Phrase, sondern gelebte Wirklichkeit ist.“

Menschenfreundlichkeit Gottes nachahmen

„Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“, sagt Jesus in der Bergpredigt im fünften Kapitel des Matthäusevangeliums. Auch Paulus schreibt im Römerbrief davon, die Verfolger zu segnen, nicht Böses mit Bösem zu vergelten und dem Feind zu essen und zu trinken zu geben, wenn er bedürftig ist. „Ob das Gebot der Feindesliebe ein Proprium des Jesuanischen ist wird theologisch diskutiert“, sagt Jan-Heiner Tück.

Auf jeden Fall müsse es vor dem Hintergrund der Zusammenfassung der Thora und der Propheten verstanden werden, die Jesus im Doppelgebot der Liebe – Gott und den Nächsten lieben wie sich selbst – vollzieht, sagt Jan-Heiner Tück.

In der Bergpredigt werde dieses Doppelgebot dann zugespitzt, indem Jesus aufträgt, auch die Feinde zu lieben und für die zu beten, die einen verfolgen. „Er tut dies mit der bemerkenswerten Begründung, dass Gott, der Schöpfer, die Sonne über Bösen und Guten aufgehen lässt“, erklärt Tück. „Das Gebot der Feindesliebe versucht die Menschenfreundlichkeit Gottes nachzuahmen, die die Unterscheidung von Freund und Feind überwindet.“

Hass und Unverständnis über den Krieg
Wie herausfordernd es sein kann, jenen zu verzeihen, die man in die Kategorie ‚Feind‘ einordnet, hat Darko Trabauer erlebt. Der gebürtige Kroate kommt 1991 am Beginn des Kroatienkrieges nach Österreich. Einige seiner Freunde sterben im Krieg, viele Familien aus seinem Bekanntenkreis haben Opfer zu beklagen. Er erinnert sich: „Ich habe lange viel Hass und Unverständnis gespürt und war im Herzen total unversöhnt, weil ich nicht verstehen konnte, wie man so einen Krieg anfangen kann.“

Auch lange nach dem Krieg kann er sich nicht überwinden, seine Heimat zu besuchen, mit seinen Eltern trifft er sich immer wieder auf halbem Weg zwischen Kroatien und Österreich in Slowenien. Dass er einen tiefen Hass in sich trägt, ist Darko lange nicht bewusst. Ein Mitbruder in der Ordensgemeinschaft, in der er damals lebt, spricht ihn darauf an. „Er stellte mich brutal vor diese Tatsache und sagte zu mir: Darko, du hasst sie.“

Darko muss sich eingestehen, dass sein Herz verhärtet ist. Er betet viel, auch für jene, denen er die Schuld am Krieg gibt. Ein Schlüssel ist für ihn die Erkenntnis, dass „auch mir vergeben worden ist. Daraus habe ich die Kraft bekommen, selbst zu vergeben. Wer bin ich denn, dass ich über andere urteile?“ Es dauert eine Weile, bis er das, was er rational versteht, auch emotional nachvollziehen kann: „Aus dem Lippenbekenntnis wurde dann irgendwann ein Herzensbekenntnis.“

Dem anderen nicht nachtragen

Ist nur jener Feind zu nennen, der einem nach dem Leben trachtet – wie der Attentäter von Johannes Paul II. – oder der, der im Krieg für Leid und Tod verantwortlich ist? Nein, sagt Jan-Heiner Tück. „Da gehören auch die unliebsamen Zeitgenossen dazu, die einem das Leben schwermachen.“ Der Arbeitskollege, der einen beim Chef anschwärzt, die Autofahrerin, die einem absichtlich die Vorfahrt nimmt oder der Taschendieb, der die Geldbörse aus der Tasche klaut.

Das Gebot der Feindesliebe: durchaus ein Gebot für das alltägliche Leben. Das griechische Wort, das in der Bibel für ‚Feind‘ verwendet wird, „ist semantisch richtig weit gefasst. Es hat persönliche, soziale, nationale und religiöse Aspekte“, erklärt Tück.

Es gehe letztlich darum, in einer Zeit des Rechthabenwollens den anderen gut zu reden. Eine Kultur der Vergebungsbereitschaft zu entwickeln und vor allem: dem anderen das nicht nachtragen, was er einem angetan hat. „Die Sünde wird dabei vom Sünder getrennt und eine Person nicht auf die Summe ihrer Taten reduziert. Es ist das Ende des wechselseitigen Aufrechnens der bösen Taten.“

Die ungeschönte Wahrheit sehen

Feindesliebe dürfe nicht mit Passivität oder Leidensbereitschaft verwechselt werden, betont Tück. „Natürlich soll man ganz klar sagen: Halt! Bis hierher und nicht weiter. Es gibt ja auch die legitime Notwehr.“

Die Einladung Jesu bleibe aber: „Jesus stiftet dazu an, auch in Situationen, in denen ich in die Enge getrieben bin, den Feind durch überraschende Formen der Feindesliebe zum Nachdenken zu bringen. Diese Wege können beim anderen ein Innehalten bewirken.“

Was Feindesliebe nicht meint: Erlittenes Unrecht unter den Teppich kehren und Leid hinunterschlucken. „Der erste Schritt zur Versöhnung ist immer die Aufrichtung der Wahrheit. Noch einmal das in den Blick zu nehmen, was geschehen ist.“

Die Wahrheitskommission in Südafrika, die eingesetzt wurde, um die Verbrechen während des Apartheidregimes aufzuarbeiten, zeige, wie das funktionieren könnte. „Den Tätern wurde die ungeschönte Wirklichkeit im Lichte der Opfer zugemutet. Und die Opfer konnten sehen, dass die Täter mit der Wahrheit konfrontiert wurden.“ Erst dann war Versöhnung möglich. Denen Gutes tun, die einem Leid zugefügt haben – das sei herausfordernd, sagt Jan-Heiner Tück, und sei keineswegs ein moralischer Appell.

„Erst durch die Verbindung mit Jesus Christus werde ich befähigt, in meinen Feinden meinen Nächsten zu sehen, in den Tätern vergebungswürdige Menschen.“ Die Fähigkeit zur Feindesliebe ist also letztlich Gnade.

Autor:

Sandra Lobnig aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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