Die Kraft des Gebetes
Beten mit der Bibel

Wie ein Termin mit Gott:  Beim Bibellesen da sein, Gott arbeiten lassen, wahrnehmen, was er durch sein Wort sagt, aber nicht krampfhaft versuchen, etwas aus dem Text herauszuquetschen.
  • Wie ein Termin mit Gott: Beim Bibellesen da sein, Gott arbeiten lassen, wahrnehmen, was er durch sein Wort sagt, aber nicht krampfhaft versuchen, etwas aus dem Text herauszuquetschen.
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Was das Beten mit der Bibel mit einer Massage zu tun hat und warum es sich lohnt, auch sehr vertraute Bibelstellen immer wieder zu meditieren.

Beten mit der Bibel, meint Beate Mayerhofer-Schöpf, könne man mit einem Massagetermin vergleichen. „Ich mache mir einen Termin aus, lege mich hin und lasse den Masseur arbeiten. Es ist gut, wenn ich mich nicht anstrenge und nichts leisten will. Aber es ist wichtig, dass ich da bin.“

Da sein, Gott arbeiten lassen, wahrnehmen, was er durch sein Wort sagt, aber nicht krampfhaft versuchen, etwas aus dem Text heraus zu quetschen – diese Haltung empfiehlt die Leiterin des Referats für Spiritualität der Erzdiözese Wien dem, der mit dem Wort Gottes betet. „Wichtig ist dabei, das Gebet nicht dem Zufall zu überlassen. Man kann sich die Gebetszeit auch in den Kalender eintragen.“

Das Gelesene nachklingen lassen

Ähnlich hält es Dorothea Schuchnigg. Zweimal in der Woche ungefähr eine halbe Stunde nimmt sich die 57-jährige Religionslehrerin Zeit für das Wort Gottes. Sie praktiziert die ‚lectio divina‘, die ‚göttliche Lesung‘. Regelmäßigkeit sei ihr dabei wichtig, genauso wie der Rahmen, den sie sich dafür schafft. „Meine ideale Zeit ist der späte Nachmittag. Ich nehme mir die Bibel, eine Ausgabe mit größerer Schrift, zünde eine Kerze an und sitze meistens am Boden.“ Dorothea liest dabei fortlaufend aus einem Buch der Bibel. „Ich unterteile das Buch in kleine Abschnitte. Momentan lese ich das Lukasevangelium.“

Die Schritte ihrer Gebetszeit sind klar festgelegt. Dorothea beginnt mit einem Gebet an den Heiligen Geist, liest die Stelle zweimal langsam halblaut, Satz für Satz. „Dann schaue ich, ob mich etwas besonders berührt oder auch, ob irgendwo ein Widerstand da ist. Wenn ich bei einem Satz hängen bleibe, mache ich eine Pause.

Oft stehe ich auf, gehe herum und überlege, was dieser Satz in mir auslöst.“ Es folgt eine Phase der Stille. Zehn Minuten, in denen das Gelesene nachklingt, in denen Dorothea aber versucht, „nicht mehr darüber nachzudenken.“

Facettenreiche Texte

Dorothea hat sich während ihres Theologiestudiums viel mit der Bibel befasst. „Ich weiß, wie die biblischen Texte entstanden sind, ich kann sie zerlegen. Aber die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Bibel war mir zu wenig.“ Als sie in einer Vorlesung die ‚lectio divina‘ kennenlernt, probiert sie sie aus. Dabei gehe es nicht in erster Linie um ein intellektuelles Verstehen.

Ein Text aus der Heiligen Schrift gehe tiefer. Berühre. Verändere. „Das Spannende ist, dass auch bei Texten, die ich schon sehr gut kenne, oft etwas ganz anderes raus kommt, als mir bis dahin bewusst war.“ Genau das fasziniert auch Beate Mayerhofer-Schöpf: „Eine Bibelstelle ist so facettenreich, sie hat nicht nur einen Sinn. Das liegt daran, dass Gott durch dieses Wort persönlich zu mir spricht.“

Nicht nur damals, als die Bibeltexte entstanden sind, habe der Heilige Geist gewirkt. Er wirke genauso heute, beim Lesen und Meditieren des Textes. „Gott ist in diesem Text präsent, und ich kann mit ihm in einen Dialog eintreten.“ Christen hätten die Bibel Jahrhunderte lang ausschließlich in dieser Haltung gelesen. „Ein rein intellektuelles Lesen hat es lange Zeit so gut wie gar nicht gegeben.“

Andere Sprache oder andere Übersetzung

Sowohl Beate Mayerhofer-Schöpf als auch Dorothea Schuchnigg kennen das Gefühl, einen Bibeltext schon in und auswendig zu kennen. Bringt es überhaupt etwas, einen so bekannten Text noch einmal im Gebet zu betrachten? „Es zahlt sich aus, den Text noch einmal zu lesen, auch wenn es schwer fällt“, meint Beate Mayerhofer-Schöpf. Es könne helfen, den Text in einer anderen Sprache zu lesen, auf Englisch zum Beispiel. Oder eine andere Übersetzung herzunehmen.

„Für den liturgischen Gebrauch ist die Einheitsübersetzung verpflichtend, beim Beten kann man aber eine andere Übersetzung verwenden. Dabei können auch bei sehr vertrauten Texten andere Bedeutungsnuancen zum Tragen kommen.“ Dorothea Schuchnigg erlebt das immer wieder: „Nicht immer freue ich mich auf einen Text. Ich lese ihn aber trotzdem. Und wenn ich mich darauf einlasse, eröffnet sich mir etwas Neues.“

Berichte zu den verschiedenen Formen des Gebetes

Serie: Die Kraft des Gebetes

Autor:

Sandra Lobnig aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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