Hilfsorganisationen in der Corona-Krise
Von Normalität sind wir noch weit entfernt

Die Tiere am Sterntalerhof tun den Kindern einfach gut.
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Viele Organisationen und Institutionen, deren Job es war und ist, anderen Menschen zu helfen, stehen derzeit vor  großen Herausforderungen. Wie kann man weiter für all jene da sein, die auf Hilfe angewiesen sind? Und wie kann man dabei als Organisation überleben bzw. halbwegs normal weiterarbeiten? DER SONNTAG hat sich umgehört.

Das Kinderhospiz Sterntalerhof in Loipersdorf-Kitzladen im Südburgenland: Hierher kommen seit vielen Jahren Kinder mit lebensbedrohenden oder lebenslimitierenden Krankheiten und ihre Familien. „Unser Hof ist trotz des Wortes Hospiz im Namen kein Ort des Sterbens“, hat uns Harald Jankovits im vergangenen Herbst erzählt, als wir zu einem Lokalaugenschein Gast am Sterntalerhof waren: „Bei uns finden die Familien das, was ein Hospiz früher war: Eine Raststelle, wo man wieder zu Kräften kommen kann, um dann seinen Weg weiter zu gehen. Wir versuchen die Familien hier therapeutisch so zu unterstützen, dass sie wieder in einen eigenständigen, eigenverantwortlichen Alltag zurückkehren.“

Seit Mitte März ist das nicht mehr so. Mit dem Shutdown hat auch der Sterntalerhof seine stationäre Betreuung einstellen müssen. „Das war ein schwerer Moment“, erzählt uns Harald Jankovits am Telefon: „Weil wir wussten, dass unsere Familien uns brauchen, haben wir neue Wege gesucht mit ihnen in Kontakt zu bleiben.“ Videos wurden gemacht und verschickt, außerdem Audio-Files. Die Familien bekamen spielerische Aufgaben gestellt. „Es war eine Stütze aus der Ferne“, sagt Harald Jankovits.

Neben dieser „Stütze aus der Ferne“ musste die Anlage des Sterntalerhofes weiter betrieben werden. Kurzarbeit, sagt Harald Jankovits, war kein Thema. „Es ist ja außer der stationären Betreuung unserer Familien kaum Arbeit weggefallen. Die Anlage musste weiter gepflegt, unsere Therapie-Tiere weiter betreut werden.“ Auch die Fixkosten sind geblieben. Vor allem letzteres ist natürlich problematisch. „Als wir vor vielen Jahren hier begonnen haben, merkten wir, dass die öffentliche Hand diese Form der Arbeit nicht begleitet – das ist auch jetzt in Corona-Zeiten nicht viel anders. Als gemeinnütziger Verein können wir zwar jetzt im Rahmen der Corona-Krise Unterstützung beantragen. Wie hoch die ausfallen wird, ist aber unklar“, sagt Harald Jankovits. Trotzdem gehe er optimistisch in die Zukunft. „Im Laufe der Jahre ist am Sterntalerhof eine richtige ,SpenderInnen-Familie‘ gewachsen, die das Fundament für die Arbeit hier legen. Auf sie können wir uns verlassen.“

Das gute Leben für alle

Schwere Zeiten liegen auch hinter und vor Reinhard Heiserer, Geschäftsführer von Jugend Eine Welt, eine Organisation, die Bildungs- und Sozialprojekte auf der ganzen Welt unterstützt. Das Büro war schnell auf Home Office umgestellt, erzählt uns Reinhard Heiserer, doch die Arbeit wird durch die Corona-Krise immens erschwert. „Wir können derzeit nicht abschätzen, was noch auf uns zukommt bzw. was auf die Länder mit denen wir intensiv zusammenarbeiten zukommt.“ Viele Projekte, die Jugend Eine Welt betreibe, könnten derzeit nicht in der gewohnten Form weitergeführt werden. Das ist ein Problem, sagt Reinhard Heiserer: „Fördergelder hängen oft daran, dass Projekte abgeschlossen werden.“ Auch all jene Unterstützer, die von Einnahmen abhängig sind, fallen jetzt zu einem Teil weg. Und auch die Spenden aus Schulveranstaltungen oder Pfarraktionen gibt es derzeit nicht. Vom Staat gebe es leider auch nicht mehr Unterstützung. Unendlich froh und dankbar sei er deshalb einmal mehr über alle privaten Spender, die Jugend Eine Welt seit vielen Jahren treu unterstützen. „Sie sind unser Rückgrat. Sie garantieren unsere Arbeit“, betont Reinhard Heiserer: Viele Länder mit denen Jugend Eine Welt zusammenarbeiten, hat die Corona-Krise hart getroffen: „In vielen unserer Projektländer trifft Corona auf Menschen, die ohnehin kaum genug zum Leben haben und keine Rücklagen auf die sie zurück greifen können. Jetzt in der Krise müssen sie zu Hause bleiben, haben keine Arbeit und damit keinen Lohn. Die meisten müssen jetzt mit Medizin, Nahrung und Trinkwasser versorgt werden. Sie haben kaum genug sauberes Wasser, um es zu trinken, geschweige denn um sich regelmäßig die Hände zu waschen. Die Menschen vor Ort haben keine Krankenversicherung, oft gibt kaum medizinisches Personal oder ein funktionierendes Gesundheitssystem.“

36 Volontäre von „Volontariat bewegt“ und auch einige der sogenannten „Senior Experts“ mussten in den vergangenen Wochen nach Österreich zurückgeholt werden. Wann und wie diese Hilfsprogramme fortgesetzt werden können, stehe in den Sternen. „Ihr Einsatz ist für sie ein Herzensanliegen und für unsere Partner von großem Wert. Derzeit können wir aber nicht sagen, wann wir wieder Volontäre oder Senioren entsenden können. Wann die Lage in Ländern wie Papua Neuguinea, in Indien, den Solomon Inseln, Ecuadaor oder Mexiko – um nur einige Beispiel zu nennen – so sein wird, dass wir sie keinem Risiko mehr aussetzen.“
Er hoffe auf eine Umdenken durch die Corona-Krise, sagt Reinhard Heiserer. „Ich halte das für dringend notwendig. Faire Wirtschaftsbeziehungen, das müsste seit Jahren unser Ziel sein. Wirtschaftsbeziehungen, bei denen einer auf den anderen Rücksicht nimmt. Eben das gute Leben für alle.“

Eine sehr intensive Zeit

Vor etwas anderen Herausforderungen stand in den vergangenen Wochen das St. Josef Krankenhaus im Westen von Wien. „Als größte Geburtsklinik Wiens mussten wir einerseits sicherstellen, dass die Versorgung der werdenden Mütter und ihrer Babys ohne Einschränkung weiterläuft“, sagt Anita Knabl-Plöckinger vom St. Josef Krankenhaus: „Andererseits wollten wir Patientinnen und Patienten mit Krebs–erkrankung oder mit akuten chirurgischen oder internistischen Problemen weiterhin bestmöglich betreuen. Zeitgleich mussten wir uns auf mögliche Covid-19-Fälle vorbereiten und Maßnahmen zum Schutz unserer Patienten und Mitarbeitenden ergreifen.“ Schnell gab es umfassende Zugangskontrollen und zusätzliche Isoliermöglichkeiten für den Ernstfall. Auch die Intensivkapazitäten wurden erweitert. „Zusätzlich haben wir unsere Mitarbeitenden so geschult, dass sie auch in anderen Bereichen einsetzbar sind“, sagt Knabl-Plöckinger: „Es war also für alle eine sehr intensive Zeit!“

Seit Anfang Mai wird nun jener Teil des Spitalbetriebs, der reduziert werden musste, wieder hochgefahren. „Wir holen nun sukzessive Operationen nach, die aufgrund der Corona-Pandemie verschoben werden mussten. Auch unsere Spezialambulanzen werden wieder hochgefahren. Bis auf akute Notfälle muss aber für jeden Ambulanzbesuch vorab ein Termin vereinbart werden, damit die Abstandsregelungen eingehalten werden können.“ Die Entwicklung der Infektionszahlen wird bei allen Maßnahmen weiterhin natürlich genau beobachtet. „Auch die eingeführten Hygiene- und Sicherheitsmaßnahmen gelten natürlich weiterhin und es ist auch noch immer wichtig, die Anzahl der Personen im Krankenhaus möglichst gering zu halten. Wir bitten unsere Patientinnen und Patienten – außer bei definierten Ausnahmefällen – deshalb weiterhin, auf Besuch zu verzichten.“ Mit vereinten Kräften und so gut es geht versuche man den Patientinnen und Patienten „einen möglichst normalen Spitalsaufenthalt zu ermöglichen.“ Bis alles wieder ganz so wie gewohnt sein kann, wird es aber wohl noch dauern.

Die Tiere am Sterntalerhof tun den Kindern einfach gut.
Wie hier in Uganda werden bei der Corona-Nothilfe von Jugend Eine Welt Nahrungsmittel an die Bevölkerung verteilt. Daneben steht Aufklärungsarbeit über das Virus und wie man sich schützen kann im Vordergrund.
Autor:

Andrea Harringer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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