Corona: Armut und Belastung
Können wir uns diesen zweiten Lockdown leisten?

Die Hilfsangebote der Caritas werden derzeit so stark in Anspruch genommen wie niemals zuvor.
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  • Foto: Caritas ED-Wien
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Seit dem 17. November befindet sich ganz Österreich im zweiten harten Lockdown. Geschäfte sind geschlossen, Restaurants und Bars schon länger zu, viele Büros und Arbeitsstätten nur mehr sporadisch besetzt. Das hat klarerweise wirtschaftlich und gesamtgesellschaftlich weitreichende Folgen.

Derzeit sind in Österreich 613.602 Personen ohne Job oder in Kurzarbeit. Das ist der höchste Stand nach dem 2. Weltkrieg. Dazu kommen die emotionalen Belastungen, unter denen immer mehr Menschen leiden, wie Klaus Schwertner, Caritas-Direktor der Erzdiözese Wien, täglich feststellt: „Wir merken es in unserer täglichen Arbeit und auch in unseren Einrichtungen, dass viele Menschen langsam unter einer gewissen Pandemiemüdigkeit leiden und dass die Krise zunehmend belastend für die Menschen ist.

Für manche ist es eine richtig große Belastung, für manche vielleicht ,nur’ eine schwere. Aber Tatsache ist, alle leiden darunter.“

Auch in konkreten Fakten und Zahlen ausgedrückt zeigt sich, dass durch die andauernde Corona-Krise der Druck auf die Menschen enorm steigt: „Wir sehen in unseren 53 Sozialberatungsstellen in ganz Österreich, die wie Seismographen für gesellschaftliche Entwicklungen sind, dass die Erstanfragen in manchen Bundesländern deutlich gestiegen sind.

In Teilen Niederösterreichs um 41 Prozent, in der Steiermark um 37 Prozent und in Wien um 15 Prozent. Das sind tausende Menschen, die sich erstmals an die Caritas wenden, weil sie nicht mehr wissen, wie sie ihre Miete bezahlen sollen oder daheim vor einem leeren Kühlschrank sitzen. Darunter sind viele EinzelunternehmerInnen, die derzeit ohne Einkommen dastehen, oder Alleinerziehende, Menschen aus kinderreichen Familien – und von Altersarmut Betroffene. Wir spüren derzeit wirklich ganz stark, dass die wirtschaftliche Not und der Druck in unseren Land steigen.“

Der SONNTAG: Abseits vom Finanziellen. Wie schlägt sich die Situation in der Stimmung wider?
Wir merken, dass es gerade in diesen grauen Novembertagen und mit zunehmender Dauer der Krise vielen Menschen sehr nahegeht, was gerade passiert. Es kommt bei ganz vielen Menschen zu Überforderung: Homeschooling, Stress bei der Arbeit, überfordertes Pflegepersonal, Traurigkeit und Einsamkeit, weil man die Eltern oder Großeltern nicht besuchen darf und umgekehrt; Streit, weil viele Familien auf engstem Raum zusammen sein müssen. Das alles nimmt derzeit sehr stark zu und deshalb müssen wir uns bewusstmachen, dass wir jetzt mehr denn je zusammenhalten müssen.

Wie sieht dieser Zusammenhalt idealerweise aus?
Das Wichtige ist, dass Menschen die Hilfe auch tatsächlich annehmen und sich nicht schämen sollen. Bitte nicht warten, bis die Probleme so groß werden, dass sie unbewältigbar werden.

Deshalb ist es auch enorm wichtig, dass wir auf die Menschen in unserer Umgebung genau hinsehen und diese auch ermutigen, Hilfe anzunehmen, wenn wir das Gefühl haben, dass sie Hilfe brauchen. Aber es ist klar, dass verbunden mit dem Ausbau der Angebote von Seiten der Caritas, der derzeit dringend notwendig ist, auch der Spendenbedarf steigt. Hier gibt es Gott sei Dank sehr viele Menschen, die bei uns nachfragen – nicht ob sie helfen können, sondern wie sie helfen können.

Das Ehrenamtlichen-Engagement in dem Jahr ist enorm gestiegen. Alleine in Wien haben sich heuer zusätzlich 5.000 Menschen bei der Caritas gemeldet, die ihre Hilfe angeboten haben.

Welche Hilfsangebote sind jetzt besonders wichtig?

Wir haben eine österreichweite Nummer eingerichtet, unter der Leute mit akuter Not und akuten Krisen bei uns anrufen können, wenn sie z.B. nicht mehr wissen, wie sie am Ende des Monats die Miete oder den Strom zahlen können – also eine Nummer für Menschen mit akuten finanziellen Schwierigkeiten (05-1776300).

Zusätzlich dazu gibt es eine zweite Nummer, das sogenannte „Plaudernetz“. Hier können sich alle Menschen melden, die niemanden zum Reden haben, die einsam sind, oder etwas loswerden wollen. Wir haben hier 2.000 Plauderpartnerinnenn und -partner, die sich allesamt freiwillig gemeldet haben und für Gespräche bereitstehen und von Zuhause aus gut erreichbar sind. Wir wollen deshalb alle Menschen, die sich jetzt alleine fühlen, wirklich ermutigen, dass sie sich nicht schämen und einfach diese Nummer des Plaudernetzes wählen und mit anderen ins Gespräch kommen (05-1776100).

Wie wirkt sich die Krise auf obdachlose Menschen aus?
Wir bemerken, dass der Andrang auf die Notquartiere für obdachlose Menschen im Vergleich zu den vergangenen Jahren ebenfalls gestiegen ist. 730 Plätze in Notquartieren sind bereits jetzt belegt – in Summe stehen 850 Plätze zur Verfügung. Bei Bedarf werden wir aber weiter aufstocken, falls es notwendig sein sollte. Die gute Nachricht ist aber auch als Caritas, dass wir all unser Hilfsangebote in enger Kooperation mit den Behörden offen halten können.

Auch 27 Wärmestuben in den Pfarren öffnen auch heuer wieder für Armutsbetroffene und Obdachlose. Und auch mit den Suppenbussen und in den Lebensmittelausgabe-Stellen sind wir durchgehend aktiv – da wurden heuer bereits 25.000 Lebensmittelpakete ausgegeben. Auch hier begegnen wir vielen Menschen zum ersten Mal.

Wenn man sich diese Zahlen und Situation vor Augen führt, stellt sich die Frage: Können wir uns diesen zweiten Lockdown überhaupt leisten?
Dieser zweite Lockdown ist zum Schutz unser aller Gesundheit erforderlich und indiskutabel. Aber klar ist auch, dass wir dadurch mit massiven Herausforderungen, Sorgen, Ängsten und Not konfrontiert sind, die daraus entstehen. Diese Herausforderungen können wir nur gemeinsam bewältigen und nicht gegeneinander.

Wenn man darauf zurückblickt, wie Österreich in der Vergangenheit gemeinsam durch Krisenzeiten gegangen ist und wie es uns immer wieder gelungen ist, zusammenzustehen (die Hochwasserkatastrophen fallen mir da ein), dann habe ich die Gewissheit, dass wir auch auf diese Krise einmal zurückblicken werden und sagen können, dass wir das Beste gegeben haben – jeden Tag aufs Neue. Und das stimmt mich persönlich sehr zuversichtlich.

Mir persönlich hilft es auch, wenn ich sehe, wie viele Menschen jetzt gerade sagen, dass sie etwas tun wollen und helfen. Da spüre ich ganz viel Hoffnung und Zuversicht.

Die Hilfsangebote der Caritas werden derzeit so stark in Anspruch genommen wie niemals zuvor.
Klaus Schwertner, Geschäftsführender Caritas-Direktor der Erzdiözese Wien
Autor:

Michael Ausserer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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