Leihmutterschaft in der Ukraine
Bestellt und nicht abgeholt

Wie viele Babys in den vergangenen Wochen von Leihmüttern zur Welt gebracht wurden, kann man nicht sagen. Was man aber weiß: Es werden täglich mehr.
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Leihmutterschaft ist in Österreich gesetzlich verboten. In der Ukraine ist das anders: Dort ist Leihmutterschaft erlaubt. Geschätzt 2.000 bis 2.500 Kinder werden jedes Jahr für – hauptsächlich – ausländische Paare geboren. Doch das Geschäft mit den Babys erfüllt bei weitem nicht nur ungewollt kinderlosen Paaren ihren Kinderwunsch. Leihmutterschaft ist vor allem ein Geschäft, das klar gegen Menschen- und Kinderrechte verstößt und das man deshalb weder den Leihmüttern noch den von ihnen geborenen Kindern zumuten sollte. Das war schon vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine so. Der Krieg und alles, was er mit sich bringt, verschärft das Problem jetzt aber auf dramatische Art und Weise.

„Die Arbeit von BioTexCom unter Kriegsbedingungen.“ So lautet der Titel eines Videos auf der Website der Firma BioTexCom, eines der größten Anbieter von Leihmutterschaft in der Ukraine. Man sieht ein Auto, darin zwei Männer in Uniform – zwischen ihnen liegt ein Maschinengewehr. Sie fahren durch eine Großstadt – vorbei an Panzersperren. Im Fond des Wagens: Frauen, die Babytragen, wie man sie von Kinderwägen kennt, auf ihrem Schoß halten. Bei einem Haus steigen sie aus. Die Frauen und Männer bringen die Babytragen in den Keller. Dort scheint eine Art Feldlazarett aufgebaut zu sein. Mindestens acht Babybetten sind zu erkennen – in jedem liegt ein Baby, eingepackt in eine bunte Decke. Manche weinen, die meisten schlafen. Bei einem der Betten steht eine Frau mit einem Fläschchen. Zwei weitere scheinen Babys zu wickeln.

Das Video ist wohl für all jene gedacht, die die Arbeit von BioTexCom in Anspruch genommen haben und die Botschaft, die transportiert werden soll, ist klar: Die Situation hier ist nicht leicht, aber wir haben alles unter Kontrolle, kümmern uns um die Babys, die schon auf der Welt sind und werden das auch in Zukunft tun.

Der Krieg verschärft die Probleme

Der Krieg in der Ukraine hat das Land selbst, hat die Welt radikal verändert. Auch die Art und Weise, wie Leihmutterschaft in der Ukraine abgewickelt wird, ist seit dem 24. Februar nicht mehr dieselbe. Wie viele Kinder in den vergangenen Wochen durch Leihmutterschaft zur Welt gekommen sind und nun darauf warten, von den Eltern abgeholt zu werden, kann man nicht genau sagen. Was man aber weiß: Es werden täglich mehr.
Leihmutterschaft ist in den vergangenen Jahren in der Ukraine zu einem großen und guten Geschäft geworden. Neben Russland, Weißrussland, Georgien und einigen Bundesstaaten in den USA ist die Ukraine eines der wenigen Länder weltweit, das Leihmutterschaft überhaupt erlaubt. Aber wie funktioniert Leihmutterschaft hier eigentlich? „Ein Paar engagiert mit Hilfe einer Agentur eine Frau, die mittels In-vitro-Fertilisation (IVF) einen Embryo eingesetzt bekommt, der aus einer fremden Eizelle und – meistens – der Samenzelle des ,Bestellvaters‘ entstanden ist“, erklärt Martina Kronthaler, Generalsekretärin der aktion leben österreich, die seit vielen Jahren über das Thema Leihmutterschaft informiert. „Da in der Ukraine die Armut groß ist, gibt es viele Frauen, die versuchen, als Leihmutter Geld zu verdienen. Angeworben werden in der Regel junge Frauen, die bereits ein Kind haben.“

Knallharte Verträge
Praktisch alles, was mit der Schwangerschaft und der Geburt zusammenhängt, wird vertraglich zwischen Agentur, zukünftigen Eltern und Leihmutter geregelt. Dazu gehören zunächst einmal die Zahlungsmodalitäten. „Die Bestelleltern zahlen 40.000 bis 70.000 Euro“, sagt Martina Kronthaler: „Die Leihmütter bekommen davon meist nur zwischen 8.000 und 14.000 Euro – die volle Summe gibt es allerdings nur, wenn die Leihmütter ein gesundes Kind ,liefern‘ können und sobald es von den Bestelleltern abgeholt wurde.“ Vertraglich geregelt sind meist aber auch die Zahl der IVF-Versuche – denn das Einsetzen eines Embryos führt nicht immer beim ersten Mal zu einer Schwangerschaft. Auch die Untersuchungen, denen sich die Leihmutter unterziehen muss, wie die Übergabe des Babys ablaufen wird und die Koordination der Reise der Bestelleltern wird festgelegt. „Es gibt auch ,VIP-Pakete‘, die ein Baby inklusive Geschlechterauswahl garantieren – ganz egal, wie viele Schwangerschaften es auch immer dafür braucht“, sagt Martina Kronthaler.

Die Bestelleltern fahren zumeist zur Vertragsunterzeichnung in die Ukraine, verlassen sie dann wieder und kommen erst, um ihr Baby aus der Ukraine zu holen. „Das klingt im ersten Moment fast ein wenig surreal, funktioniert aber ganz einfach“, so Martina Kronthaler: „Das Kind wird im ukrainischen Standesamt als Kind der Bestelleltern eingetragen, die damit seine rechtmäßigen Eltern werden und mit ihm aus der Ukraine aus- und in ihr Heimatland einreisen können. Auch in Österreich wird das anerkannt.“ Schöne neue Fortpflanzungswelt – und ein klarer Verstoß gegen das Menschenrecht auf Kenntnis seiner Herkunft.

Der Krieg macht alles noch schlimmer
Die Leihmütter selbst stehen mit all diesen Vereinbarungen natürlich enorm unter Druck. „Leihmutterschaft ist auch medizinisch gesehen für die Frauen nicht unbedenklich“, sagt Martina Kronthaler. „Eine Schwangerschaft mit einer fremden Eizelle ist immer eine Risikoschwangerschaft – es gibt viele Fehlgeburten und Frühgeburten. Die Leihmutter muss außerdem einen Kaiserschnitt über sich ergehen lassen und wird sofort vom Kind getrennt, das sie dann nicht mehr sieht.“

Schon 2020 hat Corona zusätzliche Probleme gebracht.
  • Schon 2020 hat Corona zusätzliche Probleme gebracht.
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Der Krieg bringe jetzt zu all dem auch noch zusätzliche Probleme. „Unser erster Gedanke war: Die Bestelleltern müssen jetzt alles daransetzen, die Leihmütter aus der Ukraine herauszuholen“, sagt Martina Kronthaler: „Es sind ja viele Frauen erst am Beginn oder in der Mitte der Schwangerschaft. Aber die Kliniken warnen genau davor ausdrücklich: Die Kinder müssen in der Ukraine geboren werden, sonst ist es nicht so einfach möglich, sie den Bestelleltern zu übergeben.“ Auch jene Leihmütter, von denen berichtet wird, dass sie vor den Kriegsgeschehnissen in Nachbarländer wie Polen geflüchtet sind und die zur Geburt wieder in der Ukraine zurück sein wollen, müssen sich dieses Aspekts bewusst sein. Bringen sie das Kind in einem anderen Land als der Ukraine zur Welt, ist es ihr Kind – mit allen Rechten und Pflichten. „Und in all diesen Überlegungen gar nicht dabei sind die tiefgefrorenen Embryonen, die es bereits gibt und die noch nicht eingesetzt wurden.“

Ein echtes Drama für die Babys
Und was bedeutet Leihmutterschaft für die Babys? „Das ist schon unter normalen Umständen eine Verletzung von Kinderrechten“, sagt Martina Kronthaler: „Die Mutter, die dem Baby vertraut war, ist unmittelbar nach der Geburt nicht mehr da. Normalerweise würden dann wenigstens die Bestelleltern das Baby in Empfang nehmen, aber für die ist eine Einreise derzeit kaum möglich. Natürlich gibt es Betreuerinnen, die für Kinder zuständig sind und sie versorgen. Aber so bemüht sie auch sein mögen, sie können die für die kindliche Entwicklung so wichtige Bindung, die in der Schwangerschaft beginnt, sich mit der Geburt intensiviert und darüber hinaus weitergeht, nicht ersetzen.“ Kinder entwickeln sich am besten in Beziehung und die fehlt hier bzw. wird sogar bewusst unterbunden. „Es ist ein Drama für das Baby, wenn es nur gepflegt, aber nicht wirklich individuell umsorgt wird.“

Hinzu kommt ein im Grunde rein medizinisches Problem: „Ich habe es schon angesprochen: Viele dieser Kinder sind Frühgeburten und brauchen besondere Betreuung“, sagt Martina Kronthaler: „Ich hoffe, dass sie die auch bekommen können.“

Stoppen – nicht fördern und ausweiten
Die derzeitige Situation in der Ukraine zeige ganz klar, dass Leihmutterschaft keine Lösung für ein Problem ist, sondern viele Probleme schafft. „Die Fassade der Kliniken, die sie für die Wunscheltern aufbauen, wird gern geglaubt, da sieht man ja nur zufriedene Leihmütter und gesunde Babys“, sagt Martina Kronthaler: „Das durch Leihmutterschaft hervorgerufene Leid wird nicht kommuniziert. Das Ganze ist wirklich eine enorm schwierige Situation: Es braucht eine menschliche Lösung, mit der man das Geschäft mit Leihmutterschaft aber nicht auch noch fördert und ausweitet. Ich habe große Sorge, dass das Geschäft mit Leihmutterschaft jetzt sogar ausgedehnt wird. Davor kann man nur warnen.“ Leihmutterschaft sei ein Geschäft mit Kindern auf Kosten von Kindern und Frauen. „Leihmutterschaft ist damit ganz klar kein wünschenswerter Weg zu einem Kind und nicht der Start ins Leben, den wir Kindern wünschen. Wir sollten das Kindern nicht zumuten und Frauen auch nicht.“

Wie viele Babys in den vergangenen Wochen von Leihmüttern zur Welt gebracht wurden, kann man nicht sagen. Was man aber weiß: Es werden täglich mehr.
Schon 2020 hat Corona zusätzliche Probleme gebracht.
Autor:

Andrea Harringer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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