Adventbräuche im Mariazellerland
Vom Schifferlsetzen und Christbaum-Upcycling

Schifferlsetzen: Entstanden ist dieser Heischebrauch in den Holzfäller­familien. Der heilige Nikolaus ist Schutzpatron der Seefahrer, aber auch der Flößer. Für die Kinder der Holzknechte war das Schifferl­setzen eine Möglichkeit, zu ein paar Süßig­keiten zu kommen.
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  • Schifferlsetzen: Entstanden ist dieser Heischebrauch in den Holzfäller­familien. Der heilige Nikolaus ist Schutzpatron der Seefahrer, aber auch der Flößer. Für die Kinder der Holzknechte war das Schifferl­setzen eine Möglichkeit, zu ein paar Süßig­keiten zu kommen.
  • Foto: Monika Fischer
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In Mariazell bauen die Kinder dem Nikolo ein Schiff – und das mitten in den Bergen. Woher dieser Brauch kommt, finden wir im Mariazeller Heimathaus heraus. Hier entdecken wir außerdem ein frühes Christbaum-Upcycling, gehen alten Redewendungen auf den Grund und erfahren, warum ausgerechnet in dieser entlegenen Gegend der bedeutendste Wallfahrtsort Österreichs entstanden ist.

Wir sind bis heute eine recht entlegene Gegend – in jede Richtung ein Berg. Da fragt man sich: Warum steht die wichtigste Wallfahrtskirche Österreichs g’rad bei uns?“ Marita Troger wirft diese Frage auf. Die ehrenamtliche Führerin steht im Flur des Mariazeller Heimathauses. Sie führt uns in den „Eisenraum“ des Heimathauses, in dem sich alles um das für die Region so wichtige Erz dreht. An der hinteren Wand ist ein mächtiger gusseisener Ofen aufgebaut, der in früheren Zeiten das Pfarramt wärmte.

Geschichtsträchtiger Ofen
„Auf diesem Ofen finden wir die Gründungsgeschichte von Mariazell.“ Marita Troger beschreibt zwei Motive, die den alten Ofen zieren: „Mönch Magnus kommt zu Pferd nach Mariazell, in der Hand trägt er seine aus Lindenholz geschnitzte Madonnenstatue, die er aus St. Lambrecht mitnehmen durfte.

Der Abt war Grundbesitzer der ganzen Gegend und schickte Magnus am 21. Dezember 1157 aus, um das Christentum zu verbreiten und die Gegend in Besitz zu nehmen. Das Gebiet war wichtig, weil es alle Voraussetzungen für die Entstehung von Eisenindustrie hatte: Erzvorkommen, Wald und Wasser.
Hier stellt Abt Magnus seine Statue auf einen Baumstamm und baut eine einfache Mönchszelle darum, die ihm als Unterkunft diente und so etwas wie die erste Kirche in Mariazell war. Den Baumstamm gibt es heute noch, er wurde im Gnadenaltar verbaut.“

Im Gedenken an Abt Magnus’ Ankunft ist seine Statue an jedem 21. Dezember „pur“ zu sehen, ohne eines der mehr als 150 Liebfrauengewänder. Diese Gelegenheit gibt es sonst nur noch am 8. September.

Was ein Fell mit einem alten Sprichwort zu tun hat, erfahren wir auch noch im Eisenraum. „In der Bruderlade“ – Marita Troger deutet auf eine schwere Eisentruhe mit kunstvollen Beschlägen und drei Schlössern – „wurden Dokumente und Geld des Eisenwerks verwahrt. Das diente auch der sozialen Vorsorge.

Am Truhenboden lag ein Hundefell, in anderen Truhen war ein Hund aufgemalt. Wenn so wenig Geld drin war, dass man das Bild oder das Fell sehen konnte, war man ,auf den Hund gekommen‘. Meistens gab es unter dem Fell noch eine ,eiserne Reserve‘. Wenn man die angreifen musste, war man ,unterm Hund‘.“

Mit Zottelhaar und Hörnern
Dem Eisenraum gegenüber liegt der älteste Teil der Ausstellung im Heimathaus. Hier dreht sich alles ums Brauchtum. Ein mannshoher Krampus steht hier, mit einem dicken, zotteligen Fell­anzug, einer Heugabel und einer schaurigen Holzmaske mit langen Hörnern. Solche Kostüme werden beim Mariazeller Krampuslauf getragen, der seit etwa 40 Jahren am 5. Dezember veranstaltet wird und damit eine junge Tradition ist.

Früher ging in Mariazell der Nikolaus in Begleitung des Krampus von Haus zu Haus. „Das war das letzte Hindernis vor Weihnachten“, erinnert sich Marita Troger an diese furchteinflößenden Besuche in ihrer Kindheit. (Der SONNTAG hat in der Ausgabe vom 5. Dezember über die Pädagogik des Nikolaus berichtet.)

Füll mein Schiff bis an den Rand
Ein alter Brauch ist das ,Schifferlsetzen‘, erzählt Marita Troger: „Das ist ganz typisch für Mariazell, ich glaub’, das gibt’s nur bei uns.“ Die Kinder basteln kleine Schiffe aus Papier und „setzen“ sie am Abend des 5. Dezembers bei Verwandten, Patentanten und -onkeln oder in der Nachbarschaft. Dabei darf man sich nicht erwischen lassen. „Am 6. Dezember geht man und bittet um sein – hoffentlich wohlgefülltes – Schiff.“

Im Heimathaus sind solche Schifferl aus verschiedenen Zeiten ausgestellt, die ältesten sind aus Wachs und mit kleinen Fähnchen bestückt. Auf bunten Papierschiffchen liest man Spüche wie diesen: „Sankt Nikolaus wohlbekannt, füll mein Schifflein bis an den Rand.“

Entstanden ist dieser Heischebrauch in den Holzfäller­familien, erklärt Marita Troger: „Die Holzknechte haben das Holz geflößt. Der heilige Nikolaus ist Schutzpatron der Seefahrer, aber auch der Flößer. Für die Kinder der Holzknechte war das Schifferl­setzen eine Möglichkeit, zu ein paar Süßig­keiten zu kommen. Sonst gab es nur zu Weihnachten und Ostern Geschenke.“

O Tannenbaum
Wie bedeutend der Bergbau für die Region war, erkennt man an den Krippen. In jeder findet sich ein Bergknappe und ein Stolleneingang. Die ältesten Figuren sind aus Wachs gefertigt, eine Tradition, die mit der Lebzelterei zusammenhängt. Für Lebkuchen braucht man Honig, aus dem Wachs der Waben wurden dann eben nicht nur Kerzen gemacht.

Ein Überbleibsel von Weihnachten finden wir in der alten Rauchküche des Heimathauses. Aus der Spitze ausgedienter Christbäume wurden Sprudler und Quirl geschnitzt.

Noch vieles gibt es im Heimathaus zu entdecken, zum Beispiel die glitzernde Vergangenheit Mariazells als internationaler Wintersportort oder das große Thema Wallfahrt. Und immer wieder erhellt sich der Ursprung einer Redewendung.

Was etwa heißt es, wenn „einem der Knopf aufgeht“? Die Antworten finden Sie im Mariazeller Heimathaus.

Autor:

Monika Fischer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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