30 Jahre Deutsche Einheit
„Man müsste jetzt als Missionar hinübergehen“

Matthias Beck: "Man müsste den politisch unzufriedenen Menschen im Osten Deutschlands mehr von den Errungenschaften des Christentums für das soziale Leben vermitteln."
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Am 3. Oktober 1990 trat die Deutsche Demokratische Republik (DDR) der Bundesrepublik Deutschland bei. Damit wurde die Wiedervereinigung vollzogen. Der SONNTAG hat Menschen, die aus den ehemals getrennten beiden deutschen Staaten stammen und in der katholischen Kirche in Wien oder an der Uni tätig sind, befragt, ob die Wiedervereinigung 30 Jahre danach auch angekommen ist.

Ich glaube, das war das verrückteste Jahr meines Lebens“, erinnert sich Thomas Wisotzki an die Jahre 1989 und 1990. Der Krankenhausseelsorger im Sozialmedizinischen Zentrum Ost-Donauspital stammt aus dem ostdeutschen Rostock. Der heute 52-jährige Wisotzki gehört zu Zeiten der DDR als Katholik einer glaubensmäßigen Minderheit an, denn maximal zwei, drei Prozent sind Katholiken. In der DDR erhält er eine Ausbildung zum Koch, verspürt aber seine priesterliche Berufung. In Erfurt besucht er das Norbertinum, ein katholisches Spätberufenenseminar. Dort erlebt er die Zeit der Wende, des Mauerfalls bis zur Deutschen Einheit.

Den 3. Oktober 1990 erlebt Wisotzki in Berlin: „Ich bin mit einem Studienkollegen nach Berlin gefahren, weil wir haben einfach gesagt, wir fahren da einfach hin. Das war mitten in der Woche. Wir sind dann zu Mitternacht direkt unter dem Brandenburger Tor gestanden, haben Sektgläser bekommen und haben dort zu Mitternacht angestoßen. Wann passiert das schon mal, dass sich ein Staat einigt, verbindet, eins wieder wird.“

Blühende Landschaften
Der deutsche Kanzler heißt damals Helmut Kohl. Dieser verwendet zur Einführung der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion 1990 den Begriff „blühende Landschaften“ im Zusammenhang mit der Entwicklung der neuen Bundesländer aus dem Osten, die zu Deutschland kommen.

Thomas Wisotzkis Analyse fällt 30 Jahre später durchwachsen aus: „Wenn ich heute durch das Land fahre. Ja, dann sehe ich schon so etwas wie blühende Landschaften. Natürlich gibt es überall auch strukturschwache Regionen, wo Menschen weggezogen sind, wo Ortschaften und Städte verlassen worden sind. Da gibt’s Ortschaften, wo wirklich die Fenster, die Schaufenster zugenagelt sind mit Brettern, weil einfach dort keiner mehr wohnen will.“ Doch Wisotzki sieht auch: „Im Großen und Ganzen, glaube ich, ist die Einheit schon gelungen. Wenn ich nach Rostock komme, dann merke ich nicht mehr viel vom Unterschied zwischen Ost und West.

Systemauflösung
Sigi Czychowski stammt aus Löbau in Sachsen. Die Lebens- und Sozialberaterin arbeitet nun in der Dompfarre St. Stephan im Bereich Pfarrcaritas. Der Liebe wegen kam sie nach der Wende aus der Ex-DDR nach Wien. Als Tochter eines Vaters, der bei der Nationalen Volksarmee tätig war, erlebte sie die Wende mit Erfahrungen in der eigenen Familie. „Mein Vater wurde angehalten, in Zivilkleidung zu gehen und nicht als Offizier. Das hat mich schon sehr beeindruckt zu sehen, dass das System, das meine Eltern gelebt haben, sich total auflöst.“ Czychowski macht damals eine Lehre zur Einzelhandelskauffrau. Vom Begrüßungsgeld, 100 D-Mark, das jeder ostdeutsche Bürger zur Einheit erhält, kauft sie sich Musik und Kopfhörer für ihren Kassettenrekorder, die sie bis heute aufbewahrt hat. Czychowski lässt sich später in Wien mit ihren Kindern taufen.

Die Rolle von Johannes Paul II.
Aus Hannover in der damaligen Bundesrepublik erlebt Matthias Beck die spannende historische Zeit. Ein Vetter ist Theologieprofessor in Erfurt, daher besucht ihn die Familie mehrmals. Lange Autofahrten und penible Kontrollen an der west-ostdeutschen Grenze sind ihm bis heute in Erinnerung. Der nunmehrige Professor für Moraltheologie, Medizinethiker und Priester in Wien, nimmt den 3. Oktober 1990, an seinem Studienort München wahr. Bewegend sind ihm die Tränen seines Vaters in Erinnerung: „Er hat gesagt, dass ich das noch erlebe.“ Beck unterstreicht im Zusammenhang mit dem Fall der Mauer und generell des Eisernen Vorhangs damals die Rolle von Papst Johannes Paul II. „Er unterstützte die Solidarnosc in Polen und stand für die Bewegung für die Freiheit.“ Nicht zuletzt sollte man nicht darauf vergessen, „dass in diesem System Menschen eingesperrt wurden beziehungsweise auch auf der Flucht erschossen“.

Menschenwürde durch Christentum
Becks Vetter, der heute hochbetagte Theologieprofessor Franz Georg Friemel, sagte immer: „Für die katholische Kirche war klar, kein Kontakt zu Leuten der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands.“ Die protestantische Kirche setzte da mehr auf Dialog, daher war diese mehr mit dem Staatsapparat verwoben. Die eigentliche Tragik aber ist für Beck bis heute, dass nur „wenige Prozent der Menschen in Ostdeutschland getauft sind“. Daher müsste man den politisch unzufriedenen Menschen im Osten Deutschlands mehr von den Errungenschaften des Christentums für das soziale Leben vermitteln und bringt es auf den Punkt: „Man müsste jetzt fast als Missionar hinübergehen und den Menschen Vorträge halten, wie das zusammenhängt und dass das Christentum eine großartige Idee für die Befreiung des Menschen geschaffen hat und auch, was die Menschenwürde anbelangt.“ – Diesem Wunsch Becks entsprechen seit 2018 Mönche des Stiftes Heiligenkreuz in Neuzelle im Bistum Görlitz in Sachsen.

Einheit oder Uneinheit?
Angesprochen auf die Frage, wie es mit der Einheit zwischen dem Westen und dem Osten Deutschlands steht, antwortet Matthias Beck: „Es ist Einheit in Verschiedenheit. Eine Nation, in der Verschiedenheit zwischen Ost und West.“

Jan-Heiner Tück, der an der Uni Wien tätige Dogmatikprofessor, stammt ebenfalls aus dem Westen Deutschlands, aus Emmerich am Niederrhein. Er unterstreicht, dass die Aufarbeitung der Diktatur-Erfahrungen und der Bespitzelung durch Mitarbeiter der Staatssicherheit im Gegensatz zu anderen osteuropäischen Ländern in der Ex-DDR „eigentlich vorbildlich gelaufen ist“. Auch wenn die zum Teil extrem belastenden Erfahrungen der Menschen, wenn sie entdeckten, dass sie vom Nachbar bespitzelt wurden, tiefe Verletzungen mit sich brachten, so laute doch die Grundoption „Die Wahrheit wird euch freimachen“.

Harter Weg
Christian Herrlich wächst im Gebiet der Rhön in Thüringen auf. Eine katholische Enklave am westlichsten Punkt des Ostblocks. Herrlich ist heute Kanzleileiter in der Dompfarre St. Stephan. Er erlernte den Beruf des Fachverkäufers für Rundfunk, Fernsehen und Unterhaltungselektronik. In der Zeit der Wende bis zur Einheit ist er „ein euphorischer Mensch mit einer gesunden Skepsis“, denn neben den Applaudierenden auf der Straße gab es im Wirtschaftlichen viel Negatives, das bis heute nachwirkt. Zu den blühenden Landschaften Kohls meint er: „Das ist noch ein sehr harter Weg.“

Auf seine heutige Wahrnehmung angesprochen, ist Herrlich positiver: „Ich habe den Eindruck, dass in meiner Heimatregion zusammengewachsen ist, was zusammenwachsen sollte.“

Autor:

Stefan Hauser aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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