Inspiriert von der Natur
In der Ruhe liegt die Kraft

„Wir müssen mit unserem inneren Kompass ständig achtsam in der Welt sein – bei uns und bei unserem Umfeld, um spüren zu können: Was ist jetzt dran?
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Bei einem Herbstspaziergang sehen wir, wie sich die Natur in die Winterruhe begibt, um für den Frühling Kraft zu sammeln.

Inspiriert von diesen Vorgängen sprachen wir mit Daniela Philipp, Coach und Sinn-zentrierte Beraterin nach Viktor Frankl in Wien, über den Wert des Ausruhens, die soeben erforschte Wirkung des Gefühls der Ehrfurcht und Hilfestellungen für Menschen, die das Gefühl haben, mit ihren To-Do-Listen nie fertig zu werden.

Herbstlaub in wunderschönen Farben, ein angenehmer weicher Boden, feuchtkühle Luft, mystischer Nebel zwischen den Waldbäumen. Der Herbst hat seinen ganz besonderen Reiz und führt uns auf faszinierende Weise vor Augen, wie sich die Natur langsam zur Ruhe begibt. Laubbäume gehen in eine Art Sparmodus und reduzieren ihren Stoffwechsel, ihre herabgefallenen Blätter bilden eine nützliche Schutzschicht für Kleintiere und Lebewesen, die in der Erde überwintern. Ungefähr vier Monate wird diese Ruhephase dauern – bis der Frühling mit geballter Kraft neues Wachstum hervorbringt.

Regelmäßige Ruhephasen

Ganz anders ist es da um uns Menschen bestellt. Abschalten wie jetzt im Lockdown fällt uns schwer. „Gewinn“ aus Aktivität zu ziehen ist tief verankert. Dass – wie in der Natur – Ruhephasen einen Gewinn und Wachstum nach sich ziehen können, ist nicht in unserem Bewusstsein präsent. Kennen wir überhaupt noch Phasen der Ruhe – außer jener uns auferlegten durch die Corona-Pandemie?

„Wir leben in einer Gesellschaft, die sehr stark von einem Leistungsanspruch geprägt ist. Da schielt man auch gerne in Richtung des Spitzensportes. Was dabei gerne übersehen wird, ist, dass z. B. auch im Spitzensport auf eine gewisse Anzahl an Anstrengungen immer Ruhephasen folgen“, sagt Daniela Philipp, Kommunikationsexpertin, Coach und Sinn-zentrierte Beraterin nach Viktor Frankl im Gespräch mit dem SONNTAG. Regelmäßige Ruhephasen zu machen sei etwas, „dass wir in unserem Privat- und Berufsalltag ausblenden.“

Daniela Philipp kommt aus der Sinnlehre Viktor Frankls, des Begründers der Logotherapie: „Was ist sinnvoll in den Augen von Viktor Frankl, der die Sinnlehre gegen die Sinnleere entwickelt hat?

Für ihn ist Sinn das Bestmögliche für mich und andere. Auch wenn mein Einsatz noch so wertvoll ist für andere, wenn ich dabei aber über meine Grenzen hinausgehe, mich selbst vernachlässige und erschöpfe, dann ist es ein Sinnversäumnis, eine Sinnverfehlung“, betont die Kommunikationsexpertin.

Die Natur und auch die Landwirtschaft würden das notwendige Wechselspiel von Aktivität und Ruhephase vor Augen führen: „Wenn ich nur etwas abwirtschafte, ernte und es keine Regenerationszeit gibt, dann wird das vielleicht auf eine gewisse Zeit produktiver sein als anders, aber auf Dauer wird es erlöschen und es wird nichts mehr zu ernten geben.“

Das Wechselspiel von „Ora et labora“

Dem entspricht auch das Prinzip „Ora et labora“, das wir aus den Klöstern kennen. „In der Logotherapie sprechen wir auch von einer vita activa und einer vita contemplativa. Beides hat seine absolute Berechtigung“, sagt Daniela Philipp. Viktor Frankl betonte: „Das eine Mal haben wir die Welt reicher zu machen durch unser Tun, das andere Mal uns selbst reicher zu machen durch unser Erleben.“

Die Stimme des Gewissens hören
Dabei geht es nicht um Ruhe um der Ruhe willen oder um eine starre Struktur von Arbeit und Ruhe. „Wann Zeit für Ruhe und wann Zeit für Aktivität ist, das entscheidet immer unser Gewissen. Für Viktor Frankl ist das Gewissen ein angeborenes Sinnorgan, so etwas wie ein Sinnkompass und keine moralische Instanz“, führt die Logopädagogin aus.

Hier komme der „Sinn des Augenblicks“ ins Spiel: „Wir müssen mit unserem inneren Kompass ständig achtsam in der Welt sein – bei uns und bei unserem Umfeld, um spüren zu können: Was ist jetzt dran? Wenn jetzt eine wichtige Aufgabe zu tun ist in meinem Job oder meine Kinder oder ein Angehöriger mich gerade brauchen und ich sage: Jetzt habe ich meine Ruhephase, dann wäre das ein Sinnversäumnis.“

Die bekannteste Schülerin Viktor Frankls, Elisabeth Lukas, betonte, dass Ruhe und Stille in gewisser Regelmäßigkeit wichtig seien, um die Stimme unseres Gewissens überhaupt wahrnehmen zu können.

Wenn das Gehirn ruht, räumt es auf
Große Wissenschaftler wie Albert Einstein oder berühmte Schriftsteller hatten ihre größten Einfälle häufig, wenn sie z. B. spazieren waren und „nichts“ gedacht haben. „Dieser Ruhe-Zustand des Gehirns ist neurowissenschaftlich erforscht und wird Default modus genannt. Er bedeutet: Wenn das Gehirn nichts macht, macht es etwas sehr Wertvolles: Es räumt auf und bringt sich wieder in neue Bereitschaft, um danach besser zu sein“, erklärt Daniela Philipp.

Viele finden in der Natur wieder zu sich und tanken auf. „Es kann aber auch beim Hören eines schönen Musikstückes sein oder beim Betrachten eines schönen Gemäldes. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um in diese Ruhe zu kommen. Bei Ruheritualen ist es wichtig, dass sie für die jeweilige Person passen. Ich empfehle hier nachzuforschen: Was passt für mich, was ist meine Sehnsucht? Wo habe ich schon Ruhe und Entspannung erlebt?“, sagt Daniela Philipp.

Gut für die Psyche: Ehrfurchtsübung
Der Anblick der Natur vermag es, das Gefühl der Ehrfurcht in uns auszulösen: die Lichtschattierungen des Abendhimmels, ein in Raureif gekleideter Wald oder eine Bergkulisse. Ehrfurcht kann als eine Mischung aus Staunen und Respekt umschrieben werden.

Der US-Psychologe Dacher Keltner von der University of California Berkeley gilt als einer der Pioniere auf dem Gebiet der Ehrfurchtsforschung und veröffentlichte kürzlich die Ergebnisse einer Studie. „Er machte Forschungen und ließ acht Wochen lang Menschen 15 Minuten spazieren gehen. Sie wurden gezielt aufgefordert, bei den Spaziergängen ihre Aufmerksamkeit auf die Umwelt zu lenken und das Gefühl von Ehrfurcht zu forcieren.

Eine Kontrollgruppe ging einfach nur so spazieren ohne diese Aufforderung zur Ehrfurcht“, schildert Daniela Philipp das Experiment. Zwischen den Gruppen zeigten sich nach Abschluss der Untersuchung deutliche Unterschiede. „Man stellte fest, dass jene Menschen, die das Gefühl der Ehrfurcht in der Natur pflegten, nachhaltig und in Summe, in ihrer Gestimmtheit viel positiver waren. Sie wurden auch im Laufe der Wochen in dieser Übung der Ehrfurcht immer besser.“

Das bewusste Pflegen des Ehrfurchtsgefühls zeigte starke Auswirkungen bei positiven Emotionen wie Mitgefühl, Dankbarkeit und Freude und zwar deutlich mehr als bei jenen, die einfach nur an der frischen Luft unterwegs waren. Man forderte die Testpersonen zudem auf, dass sie Fotos ihrer Erlebnisse machen sollten. Auffallend dabei: Die Selfies nahmen im Laufe der Zeit deutlich ab, die Hingabe an etwas anderes wurde deutlich stärker und die Menschen lächelten gegen Ende der Studie auch viel mehr auf den Fotos.

Auch die Logotherapie sucht den Sinn immer außerhalb des menschlichen Selbst, in der Selbsttranszendenz, der Hingabe an etwas, einem „Wozu“.

Zwei Mal täglich dankbar sein
Was ist mit Menschen, die das Gefühl haben, mit ihren To-Do-Listen und Aufgaben nie fertig zu werden? Ihnen fällt es besonders schwer, zur Ruhe zu kommen und sich Ruhe zu gönnen.

Daniela Philipp: „Ich gebe meinen Klienten folgendes Ruheritual: Zwei Mal täglich innezuhalten und zu überlegen: Wofür bin ich dankbar? Menschen, die den Eindruck haben mit ihren Aufgaben nie fertig zu werden, empfehle ich am Abend vor dem Schlafengehen zu überlegen: Was ist mir heute gelungen? Was habe ich heute geleistet für andere, für mich? Wofür bin ich dankbar?

Man sollte mindestens drei Dinge finden und dieses Nachdenken immer wieder sauber üben wie ein Muskeltraining.“ Es gibt immer auch viele gelungene Dinge in unserem Leben, die Logotherapie versucht diese Gipfelpunkte anzuleuchten.

Was liegt Daniela Philipp zum Thema „Ruhe“ noch besonders am Herzen? „Immer dann, wenn es für uns besonders schwer ist, in die Ruhe zu finden, brauchen wir es ganz besonders.

Deswegen lohnt es sich auch in guten Zeiten, Ruherituale zu trainieren, damit man sie in schlechten Zeiten abrufbar hat.“

Buchtipp: Daniela Philipp: SinnPulse. Sinn und Krise. Ermutigende Impulse für eine gelingende Zukunft trotz Krise.

Autor:

Agathe Lauber-Gansterer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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