Trauerbegleitung in Zeiten der Pandemie
Die Trauer macht keine Pause

„Online ist es weitaus schwieriger zu spüren, wie es den Gruppenmitgliedern geht und was sie brauchen, damit sie die Krise nicht dann trifft, wenn sie wieder ganz alleine sind.“ (Katrin Unterhofer, Kontaktstelle Trauer der Caritas)
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  • „Online ist es weitaus schwieriger zu spüren, wie es den Gruppenmitgliedern geht und was sie brauchen, damit sie die Krise nicht dann trifft, wenn sie wieder ganz alleine sind.“ (Katrin Unterhofer, Kontaktstelle Trauer der Caritas)
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Trauerbegleitung hat sich in Zeiten von Corona verändert. Abstand halten und Maske tragen heißt es nun. Vermehrt über Telefon und digitale Medien kommunizieren. Und mit Personenbeschränkungen umgehen.

Über die tägliche Gratwanderung zwischen Nähe und Distanz, über neue Möglichkeiten, aber auch neue Grenzen in der Trauerbegleitung und die Wichtigkeit, trotz aller Beschränkungen trauernde Menschen nicht alleine zu lassen, sprach DER SONNTAG mit Katrin Unterhofer von der Kontaktstelle Trauer der Caritas und Silvia Langthaler vom „Roten Anker“, einer Einrichtung des CS Caritas Socialis Hospizes Rennweg.

Genau genommen hat es sich angefühlt, als würden wir bei 0 anfangen.“ Nüchtern und klar bringt es Silvia Langthaler, Leiterin des „Roten Anker“ auf den Punkt. Im Frühjahr war auch hier bei der Einrichtung der CS Caritas Socialis, die Kinder, Jugendliche und Familien bei einem Todesfall in ihrer Trauer begleitet, nichts mehr wie gewohnt. „Von einer Stunde auf die andere wurden wir nach Hause geschickt und die Trauergruppen mussten abgesagt werden. Und dann stand ich erst mal da und dachte: Und jetzt?“

Genauso ist es auch Kathrin Unterhofer ergangen. Sie leitet die Kontaktstelle Trauer der Caritas in Wien. „Als klar war, was der Lockdown bedeutet, wussten wir, dass es bis auf weiteres keine Trauergruppen mehr geben wird, keine Wanderungen, keine Spaziergänge, keine Trauercafés. Unsere Angebote sind uns regelrecht weggebrochen.“

Verbunden via Telefon…
Doch die Schockstarre hielt weder bei Silvia Langthaler noch bei Kathrin Unterhofer oder deren Mitarbeiterinnen lange an. Sehr schnell und mit maximalem persönlichen Einsatz aller stellte man sowohl beim „Roten Anker“ als auch in der Caritas in einem ersten Schritt auf Telefonberatung um. „Ich habe im Lockdown wahnsinnig viel telefoniert“, erzählt Silvia Langthaler: „Und war wirklich froh, dass ich unseren Trauernden etwas anbieten konnte.“

Auch die Mitarbeiterinnen der Kontaktstelle Trauer haben ihre Klientinnen und Klienten vermehrt aktiv angerufen. „Aus Erfahrung wissen wir, dass ein ,Melde dich, wenn du etwas brauchst“, auch wenn es noch so gut gemeint ist, nicht funktioniert“, sagt Kathrin Unterhofer: „Da muss der Helfende aktiv werden. Und das haben wir gemacht.“ 

…und Computer
Und auch neue Wege der Trauerbegleitung wurden bei der Kontaktstelle Trauer und dem „Roten Anker“ gesucht. „Gerade die Trauergruppen für Jüngere haben wir über den Computer gemacht, über Zoom“, sagt Kathrin Unterhofer: „Das hat wirklich sehr gut funktioniert.“ Online getroffen haben sich allerdings nur Gruppen, deren Mitglieder einander schon gut kannten.

Auch beim „Roten Anker“ kam der Computer zum Einsatz – man „traf“ sich via Zoom oder auch Skype. Das habe auch gut für Einzelgespräche funktioniert, erzählt Silvia Langthaler. „Ich habe in dieser Zeit etwa einen 6-jährigen Buben begleitet, dessen Großvater verstorben ist. Er hat mir gezeigt, wie sein Zimmer aussieht, ich habe mit ihm Bilderbücher angeschaut und mir dabei auch von seinem Opa erzählen lassen.“

Die Grenzen akzeptieren
Trotz der positiven Erfahrungen sind die beiden erfahrenen Trauerbegleiterinnen aber auch an Grenzen gestoßen. „In einer Trauergruppe, in der wir alle in einem Raum sitzen, können wir in einer schwierigen Situation ganz anders begleiten“, sagt Kathrin Unterhofer: „Online ist es weitaus schwieriger zu spüren, wie es den Gruppenmitgliedern geht und was sie brauchen, damit sie die Krise nicht dann trifft, wenn sie wieder ganz alleine sind.“

Hinzu kommt: „Ein wichtiger Teil unserer Begleitung ist oft auch ,nur‘, dass wir miteinander schweigen, miteinander den Schmerz aushalten“, sagt Kathrin Unterhofer: „Das ist über das Telefon oder den Computer wirklich schwierig.“

„Man kann online einfach nicht so präsent sein, wie als Person in einem Raum“, sagt Silvia Langthaler: „Es fehlt die Nähe – den Trauernden, aber auch uns Begleiterinnen. Im Grunde ist dieses Distanz-Halten ja total gegen die Natur des Menschen – wir sind soziale Wesen.“

Verabschieden ist wichtig
Auffallend war, dass es sowohl beim „Roten Anker“ als auch bei der Kontaktstelle Trauer während des Lockdowns wenige Anrufe von neuen Klienten gegeben hat. „Dafür waren es nach dem Lockdown umso mehr“, so Kathrin Unterhofer: „Ich denke, dass im Lockdown vieles aufgebrochen ist. Manche sind in ihrem Trauerprozess zurückgeworfen worden.“

„Ich glaube, dass sich viele auch im Stich gelassen gefühlt haben“, sagt Silvia Lang–thaler: „Die Corona-Maßnahmen waren ja teilweise wirklich unfassbar hart – wenn jemand stirbt und keiner oder nur ganz wenige Angehörige dürfen sich verabschieden, dürfen den Sterbenden begleiten, dürfen in den letzten Stunden da sein, dann ist das furchtbar.“ Dieses Begleiten, dieses Verabschieden sei ja auch ein enorm wichtiger Bestandteil des Trauerprozesses, ein Weg, die Wirklichkeit zu begreifen.

„Neue“ Routine
Über den Sommer ist bei den Trauerbegleiterinnen nun so etwas wie eine „neue“ Routine eingekehrt. Die Kontaktstelle Trauer bietet seit Herbst wieder Trauergruppen mit physischer Anwesenheit an. „Die Gruppen finden in sehr großen Räumen statt, es gibt zugewiesene Plätze, die Teilnehmenden müssen 2 Meter Abstand halten. Außerdem wird oft gelüftet und es müssen beim Hereingehen Masken getragen werden. Es finden auch wieder Einzelberatungen statt“, sagt Kathrin Unterhofer: „Allerdings derzeit nur mit einem Sicherheitsabstand von 3 Meter.“ Die klaren Regeln erlebt Kathrin Unterhofer nicht als Einschränkung. „Ich glaube, dass es diese Spielregeln im Moment braucht“, sagt sie.

Auch beim „Roten Anker“ gibt es klare Regeln, um den Betrieb aufrecht zu erhalten. In den Trauergruppen herrscht Maskenpflicht. „Das ist schon eine große Umstellung“, sagt Silvia Langthaler: „Ein Gespräch verläuft unter Umständen anders, wenn die Mimik sozusagen fehlt. Aber wir alle lernen damit umzugehen. Lernen, das als Teil unseres Alltags zu akzeptieren und ,sprechen‘ vermehrt mit den Augen, gestikulieren mehr.“ Und auch sonst sei derzeit noch mehr Kreativität gefordert: „In unseren Kindertrauergruppen legen wir im Raum Matten auf – das sind sozusagen die den Kindern zugewiesenen Sitzplätze und dort können sie dann auch die Masken abnehmen.“

Wir sind vorbereitet
Für die nächsten Wochen hoffen Silvia Langthaler und Kathrin Unterhofer, dass ein Arbeiten in Gruppen, ein Arbeiten mit physischer Anwesenheit trotz der steigenden Corona-Zahlen weiterhin möglich sein wird. Und wenn dem nicht so ist? „Wir haben einiges ausprobiert und gut erprobt. Wir wissen, was wir tun werden, sollte es wieder Beschränkungen geben“, sagt Kathrin Unterhofer. Ähnlich formuliert es Silvia Langthaler: „Wir sind vorbereitet, haben viel dazu gelernt“, sagt sie: „Ich habe das technische Equipment, weiß viel besser, was ich unseren Klientinnen und Klienten anbieten kann. Das ist gut.“

Nähere Infos

zur Kontaktstelle Trauer unter www.caritas-wien.at,
zum „Roten Anker“ unter www.cs.or.at/roteranker

„Online ist es weitaus schwieriger zu spüren, wie es den Gruppenmitgliedern geht und was sie brauchen, damit sie die Krise nicht dann trifft, wenn sie wieder ganz alleine sind.“ (Katrin Unterhofer, Kontaktstelle Trauer der Caritas)
„Es fehlt die Nähe – den Trauernden, aber auch uns Begleiterinnen. Im Grunde ist dieses Distanz-Halten ja total gegen die Natur des Menschen – wir sind soziale Wesen.“ (Silvia Langthaler, Caritas Socialis Hospiz)
Autor:

Andrea Harringer aus Wien & NÖ-Ost | Der SONNTAG

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