250 Jahre Friedrich Hölderlin
Aus der Quarantäne ins „Offene“

Die äußerliche Einengung führte nicht zu einer Begrenzung seines Denkens, sondern zu einer bemerkenswerten Offenheit. Es lohnt sich, Hölderlins Werk neu zu entdecken.
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  • Die äußerliche Einengung führte nicht zu einer Begrenzung seines Denkens, sondern zu einer bemerkenswerten Offenheit. Es lohnt sich, Hölderlins Werk neu zu entdecken.
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Mit Friedrich Hölderlin verbinden viele vor allem jahrzehntelanges Einzelgänger-Dasein in selbstgewählter Quarantäne und schwer verständliche Lyrik. Anders die Theologin Elisabeth Kathrein, die so viele faszinierende Facetten an Hölderlin fand, dass sie ihre Doktorarbeit über ihn schrieb. Im Gespräch erzählt sie von der erstaunlichen Aktualität seines Werks, gerade in Zeiten von Quarantäne und Lockdown.

Wie kamen Sie auf Friedrich Hölderlin?
Kathrein:
Begonnen hat es mit einer Leserreise mit dem Tiroler Sonntag nach Bingen. Ich war das erste Mal in der Neckar-Gegend und begeistert von der Ruhe, Weite und Offenheit der Landschaft. Später war ich dann mit meinem Mann in Hölderlins Geburtsort Lauffen am Neckar. Mein Interesse für Hölderlin erwachte und ich begann, seine Texte zu lesen.

Und wie wurde eine Promotion daraus?
Kathrein:
Darauf gebracht hat mich mein Doktorvater Prof. Wolfgang Palaver, der sich schon länger mit Hölderlin befasste. Ich wollte eigentlich über den Europagedanken Guardinis schreiben. Zum Thema Hölderlin war ich zunächst eher skeptisch. Dann vertiefte ich mich in die Hölderlin-Arbeiten von Guardini und Girard und war fasziniert. Guardini hat 13 Jahre an einer Interpretation über Hölderlin gearbeitet, hat sie aber nur mit ungutem Gefühl aus der Hand gegeben. Denn bei jedem Satz über Hölderlin hat man das Gefühl, man müsste noch etwas ergänzen. Es bleibt immer offen, unabgeschlossen.

Warum Hölderlin theologisch interpretieren?
Kathrein:
Hölderlin ist oft vereinnahmt worden, sogar vom Nationalsozialismus. Dann wurde er vor allem philosophisch gelesen, z.B. von Martin Heidegger. Der Literaturwissenschaftler und Religionsphilosoph René Girard plädierte dafür, tiefer hinzuschauen. Für ihn hat Hölderlin Christus in einer Tiefe gefunden, wie man es nur wünschen kann. Hölderlin hat sich, streng pietistisch erzogen, in seiner mittleren Schaffensphase intensiv mit der griechischen Götterwelt beschäftigt. Ihm wurde jedoch klar, dass er Christus „zu sehr liebe“ und so wandte er sich intensiv, aber anders als in seiner Kindheit vermittelt, wieder dem Christentum zu.

Was haben Sie von Hölderlin über das
Christentum gelernt?
Kathrein:
Die Frage nach der Freiheit hat mich immer umgetrieben. Hölderlins Texte haben das vertieft: „Komm ins Offene, Freund!“, ist ein bekanntes Zitat. Er hat darum gerungen, von Konventionen frei zu sein und sich trotzdem der Grundordnung des Lebens als Geschöpf anzuvertrauen. Für Hölderlin war eine wichtige Erkenntnis, dass seit Christi Tod und Auferstehung Gewalt keine Lösung mehr ist. Gewalt kommt nicht von Gott, der Mensch bemächtigt sich ihrer. Christus hat sie überwunden. Da ist auch mir als Theologin noch einmal neu aufgegangen, dass uns Christus durch seinen Tod am Kreuz wirklich zur Freiheit befreit hat. Gott will an unserer Seite stehen, damit unser Leben gelingt.

Hölderlin lebte viele Jahre zurückgezogen. Was können wir von ihm für die derzeitige Situation lernen?
Kathrein
: Hölderlin hat immer wieder betont, dass uns Distanz heil werden lässt: sich nicht vereinnahmen zu lassen, im nötigen, positiven Abstand zu bleiben. Wenn verstellende Äußerlichkeiten wegfallen, gelingt es besser, das Eigene zu finden, das, was Gott mit uns vorhat. Jeder Mensch soll als Geschöpf Gottes zu seiner eigenen Vollkommenheit finden. Das hat Hölderlin gelebt.

Die äußerliche Einengung führte nicht zu einer Begrenzung seines Denkens, sondern zu einer bemerkenswerten Offenheit. Es lohnt sich, Hölderlins Werk neu zu entdecken.
Im berühmten Hölderlinturm in Tübingen verbrachte Friedrich Hölderlin (1770-1843) Jahrzehnte seines Lebens.
Autor:

Lydia Kaltenhauser aus Tirol | TIROLER Sonntag

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