80 Jahre Wiedergründung Wiltener Sängerknaben
So viele Auftritte, so viele Schnitzel
- Johannes Stecher übernahm die Leitung der Wiltener Sängerknaben 1991 – damals zählte der Chor eine Handvoll Sänger, heute sind es ca. 150. Am liebsten studiert er Werke von Johann Sebastian Bach ein, allem voran die Messe in h-moll – „Bach macht süchtig“, meint er.
- Foto: Gerhard Berger
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Die Wiltener Sängerknaben feiern heuer 80 Jahre Bestehen seit ihrer Wiedergründung, Johannes Stecher ist seit 35 Jahren ihr Chorleiter. Seit fünf Jahren gibt es den Wiltener Mädchenchor, seit 30 Jahren die Academia Jacobus Steiner. Zeit für einen Rück- und Ausblick im Interview.
Wie wird man heute Wiltener Sängerknabe oder Wiltener Chormädchen, Herr Stecher?
Stecher: Ideal ist, wenn die Kinder so mit fünf bis sieben Jahren zu uns kommen. Bei uns gibt es keine Aufnahmsprüfung, sondern ein herzliches Willkommen – mit einer Prüfung würde man sie in diesem Alter nur verschrecken. Darauf bekommen wir nur positive Rückmeldungen. Mir ist wichtig, dass sie sich erst einmal trauen, sich zu äußern, zu sprechen und zu singen. Dann lernen die Kinder das Singen im Chor wahnsinnig schnell, so wie sie eine Fremdsprache lernen. Das heißt natürlich nicht, dass es nicht auch Begabungsunterschiede gibt. Manchen liegt es sehr, bei anderen verläuft es etwas holpriger. Aber grundsätzlich kann jedes Kind Singen lernen.
Und wie geht das dann, das Singenlernen?
Stecher: Zunächst einmal ist es mein Ziel, die Kinder zum einstimmigen sauberen Singen zu bringen – da sind die Kinder untereinander viel strenger als ich das bin (lacht). Ein paar Chancen und eine klare Anleitung braucht es natürlich schon – liebevoll, aber mit Nachdruck, was man sich erwartet. Wichtig ist mir, dass die Spielregeln klar nachvollziehbar sind.
Wie groß sind die Chöre jetzt und wie oft wird geprobt?
Stecher: Wir haben jetzt ca. 150 Sängerknaben inkl. der Männerstimmen – dazu zählen alle ab dem Stimmbruch. Hier sind manche schon 15 oder 20 Jahre dabei, aber spätestens mit 30 ist Schluss – wir wollen ja ein Kinder- und Jugendchor bleiben. Im Mädchenchor, den es seit erst fünf Jahren gibt, haben wir momentan 80 Sängerinnen, die ältesten sind 13, die jüngsten drei Jahre alt. Alle Kleinen üben anfangs ein Mal pro Woche, dann beginnt die eigentliche Ausbildung mit zwei Chorproben die Woche und zusätzlicher Stimmbildung. Dazu kommen dann die Gottesdienste, Konzerte, Film- und CD-Aufnahmen…
Ist das nicht ein bisschen viel...?
Stecher: Wenn die Kinder so weit sind, dass sie auftreten können, haben sie großen Spaß daran und wollen unbedingt dabei sein. Ich hab nie ein Problem, genug Leute zu finden – eher umgekehrt, dass fast zu viele mitmachen wollen!
Viele Sänger bleiben über viele Jahre beim Chor, Sie begleiten sie durch die Kindheit und Jugend. Was nehmen sie vom Singen im Chor mit fürs Leben?
Stecher: Zum einen sind es die Freundschaften: Die Sängerknaben lernen sich oft schon mit fünf Jahren kennen – und bleiben über den Chor bis ins Erwachsenenalter miteinander verbunden, auch wenn sie in aller Welt verstreut sind. Und zum anderen ist der Chor eine Lebensschule: Viele sagen, dass sie mehr gelernt haben als „nur“ singen. Am besten bleibt meist die Weihnachtszeit im Gedächtnis – so viele Auftritte, und so viele Wiener Schnitzel!
Sie sind seit 35 Jahren Chorleiter der Sängerknaben – was hat diese Zeit mit Ihnen gemacht?
Stecher: Die Arbeit mit den Kindern ist sehr erfüllend, ist einfach schön. Es ist natürlich auch volle anstrengend, es ist die ganze Zeit Action. Und ich arbeite mit großen Gruppen von bis zu 70 Kindern, 100 Minuten lang... Ich versuche, sie dranzuhalten an der Konzentration, aber ohne dass es negativ ist. Denn für die Kinder ist es ja auch anstrengend.
Was gefällt Ihnen an der Arbeit mit Kindern?
Stecher: Kinder haben etwas unglaublich Erfrischendes an sich! Wir können so viel von ihnen lernen, wie frisch, neugierig, positiv sie an die Welt herangehen, für was sie sich alles interessieren. Kinder lernen so schnell und gut, sie sind offen für verschiedene Stilrichtungen: Ihnen gefällt das Vivaldi-Gloria gleich gut wie etwas aus den Carmina Burana oder ein Volkslied.
Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis, die Kinder „bei Laune“ zu halten?
Stecher: Ich traue den Kindern unglaublich viel zu und nehme sie sehr ernst. Natürlich fordere ich sie auch – Spaß machen heißt ja nicht, nur Lazi machen. Spaß haben heißt auch, stolz sein auf eine Leistung – wenn man merkt, ein Konzert klingt schön, die Leute sind begeistert. Das ist eine andere Form von Spaß, und das spüren sie auch.
Gibt es auch ein Konzept zum Thema Gewalt- und Missbrauchsprävention?
Stecher: Selbstverständlich, schon seit gut 30 Jahren. Gemeinsam mit Abt Raimund habe ich ein Konzept der Diözese für unsere Zwecke adaptiert. Besonders wichtig ist uns das Sechs-Augen-Prinzip, also dass ein Erwachsener und ein Kind nicht länger alleine in einem Zimmer sind, sondern sich wenn möglich immer wenigstens drei Personen darin befinden. Und mir ist wichtig, diese Themen mit den Kindern je nach Alter möglichst offen anzusprechen – angemessen, würdevoll, mit dem nötigen Ernst.
Was wünschen Sie dem Chor für die Zukunft?
Stecher: Wir haben an der Mailänder Scala, in China, bei den Salzburger und Bregenzer Festspielen gesungen, mit Cecilia Bartoli … Ich kann mir nur wünschen, dass wir dieses Niveau halten können!
Prof. Mag. Johannes Stecher wurde 1965 in Innsbruck geboren und wuchs am Haimingerberg auf. Er studierte Gesang und Orgel am Mozarteum und Konservatorium Innsbruck. Seit 1991 leitet er die Wiltener Sängerknaben, deren Geschichte ins 13. Jahrhundert zurückreicht. Stecher führte den Chor mit heute ca. 150 Mitgliedern zu einer neuen Blüte. 1996 gründete er das Tiroler Barockorchester Academia Jacobus Stainer, 2021 den Wiltener Mädchenchor. Er ist Träger zahlreicher Auszeichnungen und Preise.
Autor:Lydia Kaltenhauser aus Tirol | TIROLER Sonntag |