Reportage
Armenien – christliche Oase im Nahen Osten
- Kloster Chor Virap vor dem Ararat an der Grenze zur Türkei. Hier soll Gregor „der Erleuchter“ vom König gefangen gehalten worden sein.
- Foto: Maks Karochkin/ Wikimedia Commons
- hochgeladen von Kirche bunt Redaktion
Die kleine Republik Armenien mitten im von Krisen geschüttelten Nahen Osten ist geprägt von Naturschönheit, reicher Kultur sowie einer langen und bewegten Geschichte.
Eingezwängt zwischen mehreren Krisenherden unserer Zeit und isoliert durch feindlich gesinnte Nachbarn liegt Armenien, das kleinste Land der Kaukasusregion. Das heute international unbedeutende Gebirgsland, das mit 29.743 Quadratkilometern nicht einmal so groß wie Nieder- und Oberösterreich gemeinsam ist, kann auf eine stolze Geschichte zurückblicken. Als erstes Land auf der ganzen Welt war es ausgerechnet Armenien, das Anfang des 4. Jahrhunderts das Christentum zur Staatsreligion erhoben hat.
Die Geschichte dahinter: Gregor „der Erleuchter“, der sogenannte „Apostel der Armenier“, scheiterte mit seinen Missionierungsversuchen zunächst am heftigen Widerstand des armenischen Königs Trdat III. Dieser ließ den Missionar nach seiner Weigerung, der heidnischen Göttin Anahita zu huldigen, in eine Grube werfen und vermeintlich verhungern. Der Legende nach erkrankte der König einige Jahre später schwer, wurde von Gregor – der durch ein Wunder nicht verhungert war – geheilt und nahm deshalb selbst das Christentum an. Gregor wurde daraufhin zum ersten „Katholikos“ (Oberhaupt der Armenischen Kirche).
Aufgrund ihrer geografischen Lage mussten sich die Armenier als christliches Volk im Verlauf der Geschichte immer wieder behaupten: gegen Perser, Osmanen und zuletzt gegen das sowjetkommunistische Regime. Das heutige armenische Staatsgebiet ist nur noch ein Rest eines großen Reiches, das sich einstmals über weite Gebiete des Nahen Ostens erstreckte. Anfang des 20. Jahrhunderts, während des Ersten Weltkrieges, durchlitt das armenische Volk durch den osmanischen Staat den schrecklichsten und größten Völkermord der Geschichte vor dem Holocaust.
Fahrzeuge aus Sowjetzeiten, abgelegene Bergdörfer und atemberaubende Landschaften.
Armenien gilt – umgeben von muslimisch geprägten Ländern wie der Türkei, Aserbaidschan und Iran – heute gewissermaßen als „christliche Oase“ im Nahen Osten. Die armenisch-apostolische Kirche, eine von Rom getrennte altorientalische Kirche, hat den Status einer Staatskirche und ist daher seit jeher eng mit den politischen Organen verbunden. Doch zurzeit ist das Verhältnis zwischen Kirche und Staat in Armenien von Konflikten geprägt. Gegen zahlreiche Bischöfe – darunter Katholikos Karekin II. – wurden durch die Regierung Ausreisesperren verhängt, da von ihnen vielfach Kritik an der Politik des amtierenden Premierministers geäußert wurde.
Wenn man heute dieses besondere Land besucht, das in den letzten Jahren aufgrund seiner prächtigen Landschaft und seines kulturellen Reichtums zunehmend von internationalen Touristen angesteuert wird, spürt man beides intensiv: Die heute noch tiefe Verwurzelung des Volkes im christlichen Glauben, aber auch die zahlreichen Wunden der Vergangenheit. Nur gut drei Flugstunden von Wien entfernt findet man dort eine ganz eigene Welt vor: Neben Fahrzeugen aus Sowjetzeiten, Viehherden auf großen Straßen, abgelegenen Bergdörfern und atemberaubenden Landschaften trifft man dort vor allem auf Menschen, die sich neben einer herzlichen Gastfreundschaft durch eine starke religiöse und kulturelle Identität sowie durch Optimismus und Gemeinschaftssinn auszeichnen.
Die Armenier zählen zu den Völkern mit der größten Diaspora weltweit: Von insgesamt etwa zehn Millionen ethnischen Armeniern leben nur drei Millionen in der Republik Armenien. Als traditionelles Handelsvolk erstreckte sich die armenische Population schon seit vielen Jahrhunderten auf den gesamten Nahen Osten sowie allgemein auf den eurasischen Raum. Seit dem Genozid während des Ersten Weltkrieges lebt auch auf dem amerikanischen Kontinent eine beachtliche armenische Bevölkerung.
Etwa ein Drittel der Bevölkerung ist heute in der Hauptstadt Jerewan zu finden. Die Stadt, die vor einem Jahrhundert auf Initiative der sozialistischen Führung weitgehend neu gestaltet wurde, hat wenig mit dem sonst so rustikal-traditionellen Charme Armeniens gemein. Weitläufige Plätze und monumentale Denkmäler erinnern an die sowjetische Vergangenheit des Landes. Die zahlreichen Gebäude aus dem für Armenien typischen rosafarbigen Tuffgestein verleihen der Stadt jedoch einen besonderen Glanz.
Sakralbauten in wilder Landschaft
Bekannt ist das Kaukasusland – ähnlich wie das benachbarte Georgien – sonst vor allem für die charakteristischen mittelalterlichen Klöster und Kirchen inmitten wildromantischer Gebirgsszenen. Zu den berühmtesten zählen die Kathedrale von Etschmiadsin (der „armenische Vatikan“), das teils in den Fels gehauene Kloster St. Geghard sowie das hoch erhobene Kloster Tatew am Rande der Worotan-Schlucht, das nur durch eine kurvige Bergstraße oder durch die 2010 erbaute Seilbahn „Wings of Tatev“, eine der längsten Seilbahnen der Welt, erreicht werden kann.
Besondere Bedeutung für Armenien hat das Kloster Chor Virap, das direkt an der geschlossenen Grenze zur Türkei liegt. Einerseits gilt es als jener Ort, an dem Gregor „der Erleuchter“ vom König gefangen gehalten worden war, andererseits liegt es in unmittelbarer Nähe zum 5.137 Meter hohen Ararat, dem Nationalsymbol der Armenier. Dieser liegt heute auf türkischem Staatsgebiet und kann von den Armeniern daher nicht aufgesucht werden. Das Kloster mit dem mächtigen Berg im Hintergrund, an dem der Legende zufolge die Arche Noah gestrandet ist, ist eines der beliebtesten armenischen Postkartenmotive.
Ebenfalls von symbolischem Wert für die Armenier ist der 1900 Meter über dem Meeresspiegel liegende Sewansee, nach dem südamerikanischen Titicacasee der zweitgrößte Gebirgssee der Welt. Mit 940 Quadratkilometern ist er fast doppelt so groß wie der Bodensee. Gemeinsam mit dem Van-See (heute in der Türkei) und dem Urmia-See (heute im Iran) gehörte er einst zu den drei großen Gewässern, die Armenien vor langer Zeit als „Drei-Seen-Land“ bekannt machten. Auch am Ufer des Sewansees (wie könnte es anders sein?) liegt – pittoresk auf einer Halbinsel gelegen – ein berühmtes Kloster. Sewanawank, wie das Kloster genannt wird, ist einer der wenigen touristisch stark frequentierten Orte in Armenien und wird besonders im Sommer von vielen Touristen, aber auch Einheimischen besucht.
Die vergleichsweise stabilsten Beziehungen unterhält Armenien ausgerechnet zum Iran.
Doch die Gebirgsidylle täuscht zunächst über die problematische geopolitische Lage des Landes hinweg. Armenien ist von mehreren Staaten umgeben, zu denen das Verhältnis schwierig ist. Die Grenze zur Türkei ist seit Jahrzehnten geschlossen, da die Beziehungen durch die Aufarbeitung des Genozids stark belastet sind. Noch schwieriger ist das Verhältnis jedoch zu Aserbaidschan – jenem Nachbarland, mit dem Armenien die längste Grenze teilt: Die umstrittene Region Bergkarabach führt bereits seit dem Ende der Sowjetunion wiederholt zu militärischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Ländern. Mehrere Kriege – zuletzt erst 2023 – haben die Fronten verhärtet, Friedensverhandlungen laufen bislang eher ins Leere.
Doch auch zum christlichen Nachbarn im Norden, Georgien, ist das Verhältnis aufgrund ethnischer Konfliktfelder nicht von inniger Freundschaft geprägt. Immerhin besteht jedoch eine pragmatisch-funktionale, vor allem wirtschaftliche Zusammenarbeit. Die vergleichsweise stabilsten Beziehungen unterhält Armenien interessanterweise ausgerechnet zum radikal-islamisch geführten Iran. Obwohl die gemeinsame Grenze nur 44 Kilometer lang ist, sind Kooperationen in den Bereichen Energie und Handel für beide Seiten wichtig. Zudem hat Teheran wiederholt erklärt, sich für die territoriale Integrität Armeniens einzusetzen. Viele Armenier sehen den Iran daher bis heute als Schutzmacht gegenüber Aserbaidschan (und der mit diesem verbündeten Türkei) und verfolgen daher den derzeitigen Krieg der USA und Israels gegen Teheran mit großer Sorge.
Armenien erscheint damit als Land der Gegensätze: Geprägt von einer schmerzerfüllten Geschichte und einer schwierigen geopolitischen Lage, gleichzeitig aber reich an Kultur und landschaftlicher Schönheit. Es ist gerade diese Kombination aus jahrtausendealter Tradition, beeindruckender Natur und einer bemerkenswerten Widerstandskraft seiner Menschen, die dem kleinen Land am Kaukasus sein besonderes Flair verleiht. Eine Reise nach Armenien lohnt sich und hinterlässt Eindrücke, die einen lange begleiten werden.
Felix Deinhofer
Autor:Felix Deinhofer aus Niederösterreich | Kirche bunt |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.