Interview
„Wir gehen mit der Bildung in die Orte“

Kirche bunt-Chefredakteurin Sonja Planitzer im Gespräch den kbw-MitarbeiterInnen Ulrich Schilling, Doris Bracher und Alexandra Ritter.
  • Kirche bunt-Chefredakteurin Sonja Planitzer im Gespräch den kbw-MitarbeiterInnen Ulrich Schilling, Doris Bracher und Alexandra Ritter.
  • Foto: Margit Bauer
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In über 200 Pfarren sowie in den Bildungshäusern der Diözese St. Pölten bietet das Katholische Bildungswerk (kbw) Erwachsenenbildung in den verschiedensten Bereichen an – von Glaubensthemen über gesellschaftspolitische Angebote bis hin zu Elternbildung. In den letzten zwei Corona-Jahren war aber so manche Bildungsveranstaltung nicht möglich. Im „Kirche bunt“-Interview sprechen die kbw-Mitarbeiter Alexandra Ritter, Ulrich Schilling und Doris Bracher über die kbw-Angebote, die Corona-Jahre und wie wichtig es ist, dass es in den Pfarren kbw-Veranstaltungen gibt.

Worin besteht der Hauptauftrag des kbw?

Ulrich Schilling: Das kbw ist eine Bildungseinrichtung der Diözese St. Pölten, die ehrenamtlich aufgebaut ist. In über 200 Pfarren engagieren sich 659 Personen für Bildungsarbeit. Unser Auftrag ist, zu theologischen, gesellschaftspolitischen Themen, aber auch im Eltern- und Seniorenbildungsbereich Angebote zu setzen. Zudem haben wir zahlreiche Veranstaltungen im allgemeinen Bereich „Gestaltung des Lebens“ im Programm. Wir wollen Menschen befähigen, die Zeit zu deuten und zu gestalten, die Basis bildet für uns das Evangelium. Wir wollen die Menschen dazu ermutigen, über den Glauben Rede und Antwort zu stehen.

Alexandra Ritter: Uns geht es darum, die Ehrenamtlichen zu stärken. Das ist ein Auftrag an uns – die Vielfalt und Vielschichtigkeit des Lebens mit unterschiedlichen Formaten zu zeigen. Darin liegt unsere Stärke – egal, ob das in einem Online-Seminar, bei einer Präsenzveranstaltung, in einem Theaterstück oder beim Pilgern geschieht – unser Angebot ist breit aufgestellt, sodass jeder etwas für sich finden kann.

Welche Ziele verfolgt das kbw mit seinen Angeboten?

Doris Bracher: Wir sind eine Erwachsenenbildungseinrichtung und haben den Menschen in seiner Gesamtheit im Blick – wir richten uns an Menschen ab ca. dem 18. Lebensjahr bis ins hohe Alter. Unser Anliegen ist, Perspektiven aufzuzeigen und zu Lösungen beizutragen.

Ulrich Schilling: Primär geben wir keine Antworten, sondern stellen Fragen. Fragen öffnen die Menschen und führen zum Dialog – dadurch bleiben die Dinge im Fluss. Wir regen die Menschen dazu an, die Welt, die heutige Zeit und sich selbst zu hinterfragen, um Antworten für die Zukunft gemeinsam zu finden.

Alexandra Ritter: Wir versuchen ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln anzugehen. Der assistierte Suizid ist ein praktisches Beispiel dafür: Dieses Thema ist emotional besetzt. Wir haben dieses Thema daher in verschiedenen Szenen dargestellt und haben es anschließend mit dem Theologen und Mediziner Matthias Beck behandelt. Wir haben das Ganze also vom Glauben, aber auch emotional und vom rechtlichen Standpunkt aus aufgearbeitet.

Wie groß waren die Auswirkungen von Corona auf das kbw?

Ulrich Schilling: Die Corona-Pandemie hat natürlich auch auf das kbw Auswirkungen, Veranstaltungen mussten abgesagt oder verschoben werden. Es ist etwas anderes, ein Online-Seminar zu absolvieren, als vor Ort in Präsenz eine Bildungsveranstaltung zu besuchen, weil da die Begegnung ein Stück weit fehlt. Aber es war für uns durchaus überraschend, dass online nicht nur Wissensvermittlung, sondern auch intensive Begegnung und guter persönlicher Austausch möglich sind.

Alexandra Ritter: Wir haben Angebote und Materialien bereitgestellt und natürlich auch die Hilfe im technischen Umgang. Das war ein Miteinander-Lernen und auch ein Erkennen, dass nicht jedes Thema online gut geeignet ist. Wir haben z. B. gemerkt, dass besonders Veranstaltungen, wo es um Fakten und Wissen geht, sehr gut online durchführbar sind.

Ulrich Schilling: Die Anzahl der Angebote hat sich jetzt sehr rasch erhöht und wir rechnen im Herbst wieder mit Zahlen wie vor der Pandemie – falls es keine neue Welle gibt.

Was hat man aus der Corona-Zeit gelernt?

Ulrich Schilling: Online-Angebote sollen dort, wo sie sinnvoll sind, erhalten bleiben. Dadurch wird es für Interessierte, die weiter weg wohnen, möglich, Veranstaltungen zu besuchen. Und insofern kann man schon sagen, dass Corona dem kbw nicht geschadet, aber etwas verändert hat. Wir bemerken jetzt auch eine große Sehnsucht nach Bildung und Begegnung.

Alexandra Ritter: Aus unseren Erfahrungen wissen wir z. B., dass asynchrones Lernen sich dafür besonders eignet: Dabei stellen wir zunächst einen Lerninhalt zur Verfügung, den die Teilnehmer abrufen können, wann sie Zeit haben. In Präsenz können dann Fragen, die sich aus den Lerninhalten ergeben, diskutiert werden. Das ist eine sehr zeitgemäße Form des Lernens. So wollen wir im nächsten Jahr in Kooperation mit den Theologischen Kursen theologische bzw. biblische Themen aufarbeiten.

Jetzt nach der PGR-Wahl formieren sich in den Pfarren oftmals die neuen pfarrlichen Gruppen. Wie wichtig ist es, dass es eine kbw-Gruppe in der Pfarre gibt?

Ulrich Schilling: Ich finde es sehr wichtig, dass es in möglichst vielen Pfarren ein kbw gibt. Denn: Was uns ausmacht, ist, dass wir mit Bildung in die Orte gehen. Das Katholische Bildungswerk ist in Niederösterreich einer der großen Player. Es gibt eigentlich kaum einen Anbieter im Erwachsenenbildungsbereich, der so vor Ort in den Gemeinden vertreten ist wie das kbw. Natürlich sind das oft kleinere Veranstaltungen mit acht oder zehn Teilnehmern. Aber beim kbw gibt es sozusagen keinen Leis­tungsdruck, sondern bei uns steht der Mensch im Mittelpunkt. Das ist bei den anderen Anbietern in diesem Bereich so nicht möglich – da zählen die Zahlen und da werden Veranstaltungen, wenn nicht genug Leute kommen, nicht mehr angeboten oder abgesagt. Bei uns ist diese Präsenz in den Gemeinden durch das Ehrenamt möglich. Die pfarrlichen Bildungswerke sind völlig autonom: Sie entscheiden, was sie anbieten, ob sie dafür etwas verlangen oder freiwillige Spenden entgegennehmen etc.

Doris Bracher: Corona hat uns alle betroffen. Und es ist ehrlicherweise so, dass jene kbw-Leiterinnen und -leiter, die schon vorher nicht mehr so aktiv waren, jetzt ihr Engagement oftmals ganz eingestellt haben. Wir haben Bedarf und würden uns wünschen, dass wieder neuer Schwung in die Pfarren kommt, dass sich vielleicht wieder neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Pfarre finden, denen die Erwachsenenbildung am Herzen liegt, denen wichtig ist, dass es ein Angebot und Veranstaltungen in der Pfarre und im Ort gibt. Was uns als kbw – abgesehen vom Bildungsangebot – ausmacht, ist, dass wir einen Raum der Begegnung bieten. Dieser persönliche Austausch, der hat schon gefehlt. Und wir merken trotz aller guten Erfahrungen mit Online-Angeboten, dass die Sehnsucht nach persönlicher Begegnung da ist.

Was sollte eine/ein kbw-Verantwortliche/r für dieses Amt mitbringen?

Doris Bracher: Ich glaube, dass diese Aufgabe für Menschen leichter ist, die offen auf andere zugehen können und die eine Begeisterung für Bildung haben. So kann der Funke überspringen, man kann Mitstreiter/innen gewinnen. Als Team zu arbeiten entlastet, damit hängt die Organisation und Durchführung nicht an einer Person. So wird das Angebot auch bunter, weil der eine interessiert sich eher für theologische Themen, der andere vielleicht für Elternarbeit. Wir bieten für alle Themenbereiche eine ganze Reihe von Bildungsveranstaltungen an, die aus einem Katalog ausgesucht und die Referenten angefragt werden können. Chris­tine Dill, die bei uns für Regionalbegleitung zuständig ist, ist für die kbw-Verantwortlichen in den Pfarren eine kompetente Ansprechperson, die bei Fragen immer hilfreich zur Seite steht.
Gibt es Zukunftsvisionen für das kbw?

Alexandra Ritter: Ich glaube, dass wir mit Kunst viel machen können. Ich merke, dass man Menschen damit gut ansprechen kann – auch jene, die vielleicht auf den ers­ten Blick gar nicht über den Glauben und über Religion sprechen würden. Mit der Kunst wird das Thema oft griffiger – wir haben das z. B. beim Judas-Theaterstück gemerkt. Auch durch das Pilgern kommt man mit Menschen ins Gespräch, die vielleicht gar nicht so am Glauben interessiert sind. Aber im Laufe des Weges kommt man ganz unwillkürlich zu den grundlegenden Fragen des Lebens – und die führen zum Glauben.

Ulrich Schilling: Zwei Sachen wollen wir verstärken: Erstens: Die Kooperationen vor Ort ausbauen. Dabei wollen wir bei den Angeboten über die Pfarrhofmauern hinausschauen und mit den anderen im Ort, wie z. B. der Gemeinde oder anderen Bildungspartnern gemeinsam etwas machen. Und zweitens wollen wir neben der theoretischen Auseinandersetzung mit Themen verstärkt ins Tun kommen. Dazu gibt es
z. B. das Projekt EXPERIMENT ZUKUNFT. Dabei geht es darum, gesellschaftspolitische Fragen selbst und in der Gruppe zu reflektieren und im Anschluss ein kleines Veränderungsexperiment zu starten – es geht um Themen wie Nachhaltigkeit, Teilhabe oder Solidarität. Durch das Ausprobieren können die Teilnehmenden Erfahrungen sammeln und im besten Fall in ihrem näheren Lebensumfeld eine Veränderung herbeiführen. Und so können wir als Chris­tinnen und Christen wie ein Sauerteig in die Gesellschaft hineinwirken.

Autor:

Kirche bunt Redaktion aus Niederösterreich | Kirche bunt

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