Interview mit Bischof Josef Marketz
Weihnachten als Oase in dieser Zeit

Vor einem Jahr wurde Josef Marketz zum Kärntner Bischof ernannt: Ein Rückblick auf dieses ganz besondere Jahr und wie er gerade zu Weihnachten Kraft findet und weitergibt.

Vor ziemlich genau einem Jahr wurden Sie von Papst Franziskus zum Kärntner Bischof ernannt. Wenn Sie dieses ungewöhnliche Jahr Revue passieren lassen: Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?
Bischof Marketz: Die Krise der Kirche in Kärnten wurde durch eine neue Krise abgelöst und zum Teil auch verdeckt. Die Corona-Pandemie hat aber nichts daran geändert, dass ich mit einem sehr guten Team schon viele Reformen begonnen habe. So arbeiten wir an einer Neustrukturierung des Bistums, an synodalen Strukturen, für die Weiterentwicklung der Seelsorge, an einer vertieften Zusammenarbeit der kirchlichen Zentralstellen und versuchen, eine größere Verantwortung der Laien für die Kirche in die Wege zu leiten. Aber selbstverständlich sind die Fragen rund um die Pandemie die größte Herausforderung. Es ist eine Krise, die es seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hat.

Wie reagiert die Kirche auf so eine existenzielle Krise?

Bischof Marketz: Natürlich ist das auch für die Kirche eine enorme Herausforderung. Ich frage mich, was die Menschen gerade jetzt von einer Religionsgemeinschaft erwarten. Da kann ich schon mit großer Freude sagen, dass wir etwa bei der Dienstleistung an den Menschen viel zu bieten haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich frage mich aber auch, wie wir den Menschen helfen können, ihren Glauben zu vertiefen. Ich halte das für existenziell wichtig. Denn ich bin überzeugt, dass Menschen, die glauben, resilienter gegenüber solchen Herausforderungen werden. Das sehe ich als große Aufgabe.

Zu Weihnachten feiern wir ja, dass Gott Mensch geworden ist, dass er mitten unter uns lebt. Diese Tage sind mit vielen Heiligenfesten, mit uralten Traditionen und Riten begleitet. Wie wichtig sind solche Formen des lebendigen Glaubens, um resilient, widerstandsfähig, zu bleiben?
Bischof Marketz: Diese Riten und Rituale halte ich für unabdingbar für ein erfülltes Leben. Sie geben uns allen eine Struktur und damit auch Halt. Der Mensch braucht ganz einfach einen strukturierten Tag und auch ein strukturiertes Jahr. Das ist gerade in Zeiten, da wir viele Beschränkungen auf uns nehmen müssen, besonders wichtig. Es ist aber auch in heiligen Zeiten wie Advent und die gesamte Weihnachtszeit von Bedeutung. Dass Weihnachten, Ostern und andere kirchliche Feste immer stärker hinterfragt werden, macht mir deshalb große Sorgen. Ganz aktuell gibt es ja die Diskussion um den Sonntag als Einkaufstag. Ich finde, das wäre eine große Sünde an uns Menschen. Denn auch der Sonntag ist für eine strukturierte Woche wichtig. Er unterbricht die Woche, hebt sich heraus gegen das Dahinfließen der Tage.

In dieser Diskussion geht es natürlich um das Geschäft. Wie wichtig sind für Sie Geschenke zu Weihnachten?
Bischof Marketz: Ich bin ein großer Freund des Schenkens und beschenke andere sehr gerne. Aber heuer sind die materiellen Geschenke irgendwo an dritter oder vierter Stelle. Wir sollten uns noch stärker darauf besinnen, was wir unserem Nächsten wirklich geben können. Ob das Zeit ist, ob ein gutes Wort der Bestärkung. Ich glaube, dass es das ist, was die Menschen heute auch wollen und brauchen.

Wie kann man diese Bestärkung, die ja für viele auch eine Form von Trost ist, geben?
Bischof Marketz: Ein Kind findet Trost, wenn man es in die Arme nimmt und beruhigende Worte spricht. In den Familien ist diese zärtliche Form des Trostes auch jetzt möglich, und man sollte sie heuer bewusst suchen. Das ist für mich auch eine Form der Nähe zu Gott.

Wie geht das aber, wenn physische Nähe unmöglich ist?

Bischof Marketz: Zum Beispiel durch eine überraschende Aufmerksamkeit für einen Menschen. Oder Achtsamkeit auf kleine Dinge. Ich sorge mich heuer um Menschen, die alleine sind. Um Menschen, die keine Möglichkeit haben, bei jemandem Trost zu finden. Sie brauchen diese überraschende Aufmerksamkeit.

Wie zu Beginn schon erwähnt, ist diese Zeit für Sie persönlich auch nicht einfach. Was gibt Ihnen Kraft?
Bischof Marketz: Die Besinnung auf die Wurzeln. Ich orientiere mich dabei ganz stark an der Heiligen Schrift. Ich meine, dass wir uns generell wieder stärker auf dieses Fundament unseres Glaubens besinnen sollten. Die Werte, die eine Gemeinschaft braucht, finden wir im Evangelium. Wir müssen sie aber immer wieder neu finden und definieren, damit – gerade auch junge – Menschen den Weg zum Glauben finden. Ich bin nämlich überzeugt, dass nicht erst durch die Pandemie viele Menschen auf einer spirituellen Suche sind. Schauen Sie in die Buchhandlungen: Dort stehen in den Regalen viele Meter an Lebenshilfe-Ratgebern. Manche davon absolute Bestseller. Sie sind ein deutliches Zeichen für diese Suche.

Auf der Suche nach neuen Formen sind auch Menschen, wenn Gottesdienste nur eingeschränkt oder gar nicht möglich sind. Im Frühjahr haben viele die Osterfeiern zu Hause gestaltet und die Speisen auch selbst gesegnet. Welche Bedeutung kommt der Hauskirche in diesem Jahr zu?
Bischof Marketz: Ich halte diese Möglichkeit für ganz wichtig. Sie gibt Halt und ist gerade in einer Situation wie heuer mit dieser Pandemie von besonderer Bedeutung. Man kann ja gerade jetzt zu Weihnachten mit der Krippe, mit dem Christbaum den Tag gemeinsam gestalten. In vielen Gesprächen und Kontakten mit Menschen erfahre ich eine große Angst, aber auch Wut, Trauer und Klage. Auch da ist Hauskirche die Möglichkeit, dass man gewisse Sorgen anspricht. Wir wissen nicht, wie es morgen oder übermorgen sein wird. Da brauchen wir eine neue Solidarität, um die Gesellschaft wieder neu aufzubauen.

Führt uns der Neuaufbau in die alte oder in eine neue Normalität?
Bischof Marketz: Es war ja nicht normal, was wir vor Corona erlebt haben. Denken Sie daran, was wir unserer Welt angetan haben. Ich will hier nicht moralisieren, aber wie wir gelebt haben, war einfach nicht normal, und wir sollten uns nun auf das besinnen, was wesentlich ist. Diese Frage nach dem Wesentlichen müssen wir uns neu stellen. Was tut mir gut, was der Familie, der Gesellschaft und der Welt? Darin sehe ich eine Chance in dieser Krise.

Glauben Sie an eine neue Solidarität?
Bischof Marketz: Ich glaube schon, dass es eine neue Achtsamkeit geben wird. Vielleicht auch diese neue Form der Zärtlichkeit, von der unser Papst oft spricht. Es liegt ja auch in der Religion viel Kraft, die weiter hilft. Wir spüren die Geborgenheit durch Gott – das gibt uns Zuversicht.

Was kann die Kirche dafür tun?
Bischof Marketz: Wir bieten gerade in diesen Zeiten sehr viel an. Das alles hilft aber nichts, wenn der Mensch nicht danach greift und sich da-rüber mit anderen austauscht. Da braucht es jemanden, der dich einfach gern hat und dir vermittelt, dass Gott an deiner Seite ist. Deswegen ist Gott ja Mensch geworden. Er hat uns gezeigt, wie menschliches Miteinander gelingt und heilt. Dieses Beispiel Jesu ist die große He-rausforderung von Weihnachten. Es heißt aber auch, die Wut, den Zorn, die Ängste und Trauer der Nächsten ernst zu nehmen und menschlich darauf zu reagieren.

Was wünschen Sie uns allen heuer zu Weihnachten?
Bischof Marketz: Der Advent wird heuer nicht zu Weihnachten aufhören. Wir werden weiter warten müssen – auf eine Zeit nach der Krise. Ich lade alle Leserinnen und Leser ein: Nützen Sie Weihnachten als eine Oase in dieser Zeit des Wartens! Es braucht dieses Vertrauen in Gott, der Mensch geworden ist. So wünsche ich Ihnen und Ihrer Familie ein Fest, das Kraft, Trost und viel Zuversicht gibt.

Autor:

Gerald Heschl aus Kärnten | Sonntag

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